Kommentar: Aljona und Bruno - sie können fliegen! | Kommentare | DW | 15.02.2018
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Standpunkt

Kommentar: Aljona und Bruno - sie können fliegen!

Die Frau stammt aus der Ukraine, der Mann aus der Normandie. Die Eiskunstläufer sehen sich die "Erde von oben" an und schaffen einen Moment für die Ewigkeit. Kunst + Politik + Sport = Vollendung, schwärmt Marko Langer.

Haben Sie das gesehen? Das müssen Sie sich ansehen! Auch wenn Sie niemals etwas von Eiskunstlauf hören wollten und Ihnen Olympia sonst völlig egal ist. Seit Jahren hat es auf dem Eis nichts mehr gegeben, was vollendeter, perfekter, waghalsiger und anmutiger gewesen wäre. Sie müssen übrigens nichts von Wurf-Flips oder Doppel-Toeloops verstehen, und auch die Wertungsnoten können Ihnen gleichgültig sein. Aber Sie müssen Aljona Savchenko und Bruno Massot gesehen haben, wie die beiden Sportler in der Gangneung Ice Arena Geschichte geschrieben haben. Sonst können Sie nicht mitreden - es tut mir furchtbar leid.

Ihrem Partner alles anvertraut

Eine 1,53 Meter große Frau und ein 184 Zentimeter großer Mann tanzen dort wie um ihr Leben. Sie laufen zu "Die Erde vom Himmel aus gesehen" ("La Terre vue du Ciel") - und die Musik wird im Verlauf der nächsten 280 Sekunden vor allem für die Tänzerin ihren Sinn bekommen. Wie Massot seine Partnerin durch die Luft wirft und wie sie - die Perfektionistin - ihrem Partner alles anvertraut, das ist mit Worten schwer zu beschreiben. Aljona und Bruno - sie können fliegen!

Marko Langer Kommentarbild App PROVISORISCH (Sarah Ehrlenbruch)

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

Gold für Deutschland? Eigentlich Nebensache. Ein paar Worte zur Herkunft der beiden - gerade für die, die sich eher für Politik interessieren. Savchenko, in der Ukraine geboren, in Chemnitz groß geworden und in Oberstdorf zur Olympiasiegerin gereift, und Massot, aus der Normandie kommend und für den Traum von Gold in Deutschland eingebürgert - wer will da noch sagen, dass wir, die Deutschen, keinen von draußen brauchen? Und wem das noch nicht Symbolik genug ist: Die Choreographie ihrer Kür stammte von einem gewissen Christopher Dean. Dem Briten, der einst selbst als Eistänzer mit Jayne Torvill und dem "Bolero" bei Olympischen Spielen Kunst geschaffen hat. 1984 war das, in Sarajevo. Brexit? So ein Mist!

Aus Politik wird Sport, aus Sport wird Kunst

Und so wird aus Politik Sport, aus Sport wird Kunst, und diese Kunst ist etwas Vollendetes. Und wir können davor sitzen und uns die Kür wieder und wieder ansehen. Die Eiskunstlauf-Verehrer (der Autor dieser Zeilen tritt energisch dem Klischee entgegen, dass es sich dabei nur um Frauen handele) können ein wenig von der Schönheit träumen, und diejenigen, die den politischen Aspekten in Sachen Olympia mit einigem Recht entgegentreten, müssen konstatieren: Für so etwas lohnt sich die Sache doch!

Südkorea Pyeongchang - Aljona Savchenko und Bruno Massot gewinnen Gold für Deutschland (picture alliance/dpa/P. Kneffel)

"Die Erde vom Himmel aus gesehen"

Apropos Lohn: Viel ist zu lesen davon, wie hart Aljona Savchenko für ihren Olympiasieg gearbeitet hat. Dass sie sich von Trainer Ingo Steuer (dem DDR-Stasi-Spitzel IM "Torsten") trennte, auch von ihrem alten Partner. Dass sie Massot auswählte, und dass sie nach der verpatzten Kurzkür in Südkorea diesen mit stählernen Blicken strafte sowie dem Statement: Den Partner wieder aufbauen?  "Nein, das muss er schon selbst machen!"

Ist das hartherzig? Als Aljona und Bruno liefen, saß eine gewisse Katharina Witt auf der Tribüne, umringt von Koreanern, und zitterte mit. Sie hat einst mit der gestrengen Zuchtmeisterin Jutta Müller in der zuletzt baufälligen Olympiahalle von Chemnitz ihren Ruhm begründet. Ich habe Jutta Müller dort einmal besucht - nur wenige Trainingshallen sind wie jene in Chemnitz geeignet, das zugige, entbehrungsreiche, harte Leben von Perfektionisten wirklich widerzuspiegeln. Bei Savchenko und Massot war es übrigens ein, wie zu lesen ist, gemütlicher Berliner, der als Trainer diese Goldmedaille ermöglichte. Der mit Massot auch noch Vokabeln übte, damit dieser den Sprachtest zur Einbürgerung schaffte.

Vielleicht ist dies der schönste Moment der Kür von Pyeongchang: Zu sehen, wie dieser Trainer in den entscheidenden Augenblicken an der Bande steht und mit seinen Armen und Schultern die Bewegungen seiner Schützlinge nachzeichnet. Wie gesagt: Schauen Sie sich das an! Dass der Trainer ein Deutscher ist - völlig egal. Er heißt übrigens: König!

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