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Afrika

Kommentar: Afrikas Taliban rücken vor

In Mali geht es nicht nur um Grabmäler, sondern um die Destabilisierung eines ganzen Kontinents. Die internationale Gemeinschaft muss sich mit der neuen Terror-Gefahr befassen, meint DW-Chefredakteurin Ute Schaeffer.

Ute Schaeffer, DW-Chefredakteurin

Ute Schaeffer, DW-Chefredakteurin

Es ist ein Symbol - eine deutliche Warnung: Mit Spitzhacken und Schnellfeuergewehren bewaffnet zerstören die Kämpfer der islamistischen Rebellen der "Ansar Dine" die legendären Grabstätten von Timbuktu. Die Mahnung kann eindringlicher kaum sein. Sie richtet sich gegen den Westen. Sie richtet sich aber auch gegen die kulturelle Vielfalt in einer Region, deren weltoffenes Herz seit Jahrhunderten die Karawanenstadt Timbuktu gewesen ist. Die simple Botschaft von Rebellensprecher Sanda Ould Boumana nach dem Terrorakt gegen die Kultur: "Gott ist einzig. All dies ist Sünde. Wir sind alle Muslime. Was ist die UNESCO?" Im selben Atemzug kündigten die Rebellen an, dass sie alle 16 Heiligengräber aus Lehm, die gemeinsam mit den drei großen Moscheen der Stadt als Weltkulturerbe gelten, zerstören werden.

Wie in Afghanistan

Seit 1988 gehört Timbuktu zu den von der UNESCO unter Schutz gestellten Weltkulturerbe-Stätten. Und noch in der vergangenen Woche hatte die Kulturorganisation der Weltgemeinschaft auf die besondere Bedrohung Timbuktus aufmerksam gemacht. Mit der Zerstörung der Kulturdenkmäler der Stadt verfahren die islamistischen Tuareg-Rebellen der "Ansar Dine" genau so wie die Taliban, die im Jahr 2001 die berühmten Riesen-Buddhastatuen im afghanischen Bamijan sprengten. Es ist die gleiche Handschrift - und es ist die gleiche Ideologie, aus der sich beide Akte der Zerstörung speisen.

Denn als im Jahr 2001 die US-Armee in Afghanistan einmarschierte, suchte sich die Al-Kaida neue Rückzugsräume. Und fand sie auch im wenig kontrollierten Nordafrika und in der Sahelzone. Die beiden - mehr als ein Jahrzehnt auseinander liegenden - Terrorakte in Sachen Kultur zeichnen ein Bild von der geographischen Verteilung islamistischen Terrors, ja, man kann auch sagen: ihrer Globalisierung.

Al Quaida breitet sich in Afrika aus

Im Jemen und in den Staaten der Sahelregion konnten Al-Kaida-Anhänger sich verstecken und andere ausbilden. Von hier aus reichen die Krakenarme der Fundamentalisten längst weit in den afrikanischen Kontinent hinein. Der Rückzug und die Verlagerung nach Afrika war eine strategische Entscheidung. Angelegt, um von hier aus einen gesamten Kontinent zu destabilisieren. Es ist eine toxische Mischung aus organisierter Kriminalität, fehlender Staatlichkeit, schwacher Institutionen und islamistischer Radikalisierung, die dafür sorgen, dass sich der Terror der Al-Kaida mit immensem Tempo in Afrika verbreitet. Es droht die Entwicklung eines Terrorgürtels, der von Südalgerien und Libyen über die Sahelstaaten bis nach Nordnigeria reicht. Daraus kann leicht ein Flächenbrand werden. Und damit könnte die Terrorbedrohung für Europa künftig von Afrika ausgehen - also aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Es ist Zeit, diese Verbindungen zu erkennen und zu benennen. Schluss damit, die Gefahr klein zu reden: die radikal-islamistischen Boko Haram, die in Nigeria christliche Kirchen anzünden, sind längst nicht mehr lokal begrenzte islamistische Hooligans oder nur Gegner des (christlichen) Präsidenten Jonathan. Sie wollen nichts weniger, als im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas einen Religionskrieg anzetteln. Und das tun sie mit Hilfe von außen, gespeist aus den internationalen Terrornetzwerken, die jetzt auch die Islamisten in Mali alimentieren: Kämpfer der nigerianischen Boko Haram werden in Mali oder im Jemen ausgebildet, Waffen und Geld strömen von außen nach Nordnigeria. Finanzier der Islamisten in Mali und Nigeria ist die "Al Qaida Maghreb". Der nordafrikanische Ableger der Al-Kaida speist mit Geld aus Geiselnahmen, Drogen- und Waffenhandel die chronisch unterfinanzierten Terrorgruppen weiter südlich. 

Keine lokale Lösung möglich

Europa und den USA muss klar sein: Die malische Armee kann den von Islamisten und weiteren Rebellengruppen kontrollierten Norden des Landes alleine nicht wiedergewinnen. Und auch die afrikanischen Nachbarn haben dem neuen Terror in Mali nichts entgegen zu setzen. Mauretanien als Nachbar im Westen und der Niger als Nachbar im Osten haben selbst eine Reihe von Putschen hinter sich - ihre Regierungen sitzen nicht fest im Sattel, ihr Territorium kontrollieren sie nicht. Der nigrische Regierungschef fand dafür kürzlich ebenso einfache wie eindringliche Worte: "Unsere Institutionen sind zu schwach, um der Entwicklung in Mali etwas entgegen zu setzen."

Es gäbe Wege, und diese sollten beschritten werden, bevor es zu spät ist: eine enge und strategische Abstimmung zwischen den USA und Frankreich bzw. weiteren europäischen Partnern, wie weiter vorzugehen ist. Einen raschen Auf- und Ausbau von Hilfe, letztendlich massive finanzielle und organisatorisch-technische Unterstützung der Staatengemeinschaft "Ecowas" im westlichen Afrika. Diese hat bereits in der Vergangenheit Friedensmissionen erfolgreich durchgeführt und gilt als einigermaßen organisiert und abgestimmt.

Das Tempo, mit dem sich der islamistische Terror in seinen unterschiedlichsten Prägungen durch den afrikanischen Kontinent frisst, zeigt: Dahinter steckt eine größer angelegte Strategie und eine intelligente Vernetzung. Dagegen hilft kein Abwarten und Wegsehen, sondern nur die massive Erhöhung der Präsenz von Sicherheitskräften in der Region und eine klare Sicherheitsstrategie - auch wenn Europa noch so sehr mit der Finanzkrise beschäftigt ist.