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Flüchtlingsdebatte

Kommentar: Abschied von der Idylle

In der Flüchtlingsdebatte verschärft sich der Ton. Das ist ein fundamentaler Wandel, meint Kersten Knipp. Deutschland verabschiedet sich von alten Traumata und Gewissheiten. Idealismus wird nun ergänzt durch Realismus.

Der Besuch der Facebook-Seite der Grünen-Chefin Simone Peter ist nach wie vor ergiebig. Ihre Einlassungen zum Einsatz der Kölner Polizei in der Rheinischen Post und deren Relativierung einen Tag später finden - an der Zahl der Kommentare gemessen - lebhaftes Echo. Knapp 2400 Leserreaktionen provozierte ihr erster, knapp 9000 ihr zweiter Eintrag - die meisten lehnen ihre Polizeikritik komplett ab. 

Zahl und Ton der Kommentare legen eines nahe: Die Flüchtlings- und Integrationsdebatte dürfte im angelaufenen Jahr 2017 an Schärfe zunehmen. Vermuten lässt sich, dass das mit einigen Ereignissen der letzten Zeit zu tun hat: allen voran der Anschlag in Berlin, gefolgt von der gescheiterten Brand-Attacke junger syrischer Flüchtlinge auf einen Obdachlosen in Berlin, gefolgt auch von dem in dieser Form nie gekannten massiven Polizeiaufgebot bei der Kölner Silvesterfeier.

Abschied von Selbstverständlichkeiten

Gewiss: Man muss differenzieren. Und jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, tut das auch. Die Gruppe derer, die gegen ihre Gastgeber tödliche oder massive physische Angriffe starten, ist verschwindend gering. Die Bundesbürger sind sich dessen bewusst, wenn sie, wie im aktuellen Deutschlandtrend dokumentiert, die durch die Flüchtlingsbewegung importierten Gefahren für überschaubar halten.

Knipp Kersten Kommentarbild App

DW-Autor Kersten Knipp

Und doch, das legen die Kommentare nicht nur zu Simone Peter nahe: Das Bewusstsein für die Risiken der Flüchtlingspolitik steigt. Das Thema wird anders, offener, vielleicht auch weniger verschämt diskutiert als noch vor einigen Wochen. Ein Umdenken scheint im Gange, eines, das den Abschied von jahrzehntelangen intellektuellen und mehr noch psychologischen Selbstverständlichkeiten impliziert.

Ein deutsches Trauma

Einige hatten den Verdacht von Anfang an: In der Flüchtlingspolitik ging es neben Barmherzigkeit und großartiger Hilfsbereitschaft immer auch um Deutschland selbst. Das Offenhalten der Grenzen war dieser Lesart nach eine Buße-Übung für die Jahre 1933ff. Latent ging es auch darum, den Nationalsozialismus hinter sich zu lassen, Völkermord und braunen Massenterror endgültig zu verabschieden - weniger politisch (es wurde ja bereits Einiges getan) als vielmehr psychologisch. Es ging darum, das Erbe Hitlers endgültig zu tilgen, Abbitte zu leisten und wenigstens etwas Wiedergutmachung zu praktizieren. Als die Grenzen 2015 für die Flüchtlinge geöffnet wurden, sprachen manche sogar von der "Schönheit der Politik". Und es war deutsche Politik. 

"Er ist wieder da"

Vielleicht war es mehr als nur ein Zufall, dass relativ kurz vor der Flüchtlingsdebatte, im Jahr 2012, ein literarischer Bestseller auf den Buchmarkt kam, der eben diese Furcht, dieses Trauma literarisch inszenierte: Timur Vermes´ "Er ist wieder da", eine Phantasie über einen wieder zu den Lebenden zurückgekehrten Hitler. Tatsächlich schafft der es in der Fiktion  dann auch, flugs neue Anhänger zu gewinnen.

Der Erfolg des Buches, einschließlich der Hörbuchfassung und der späteren Verfilmung zeigt es: Furcht und Faszination der Deutschen gegenüber diesem Untoten sind ungebrochen. Auch nach dem Jahr 2006 noch, als das Sommermärchen der Fußball-WM In Deutschland einen neuen, unbeschwerten Patriotismus suggerierte. Vielleicht ein voreiliger Eindruck: Denn mit ihrem Land tun sich die Deutschen nach wie vor überaus schwer. 

Eine symbolische Geste

Das Offenhalten der Grenzen als quasi-exorzistischer Akt hatte allerdings auch reale Konsequenzen. Die ließen sich eine Zeitlang, mindestens über die erste Jahreshälfte 2016, noch ignorieren. Die Flüchtlinge lebten relativ abgetrennt vom bundesdeutschen Alltag. So blieb die Debatte weitgehend symbolisch. Sie drehte sich vor allem um die Frage: Was ist Deutschland? Und mehr noch: Was will es sein? Die Antwort, wie sie in den Medien dominierte: Die Deutschen wollten ein "buntes", ein "weltoffenes" Land. Die Migranten, so das unterschwellige Kalkül, würden zur Ent-Germanisierung beitragen, zumindest symbolisch. Von Terror, wie in Berlin vor Weihnachten und Machtproben, wie in Köln in der Silvesternacht, war vergleichsweise wenig die Rede.

Jenseits des Jägerzauns

Das scheint sich nun zu ändern. Der Idealismus verliert seine deutsche Unbekümmertheit. Erörtert werden die weniger bunten Seiten der Migration: dschihadistische Anwerbeversuche, die Gefahren der Radikalisierung, Sozialbetrug. Fragen nach dem Gelingen der Integration werden offener gestellt als bislang. Auch die Politik hat reagiert: Gesetze wurden verschärft, das Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz haben neue Kompetenzen bekommen - politisch notwenige, aber auch ernüchternde Nachrichten.

Deutschland, so scheint es, beginnt sich im dunklen Denken zu üben; sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es nicht überall so idyllisch ist wie hinter dem deutschen oder europäischen Jägerzaun oder in den links-alternativen In-Vierteln der Metropolen. Jenseits dieser Idyllen tickt die Welt anders - und zwar keineswegs besser. Das ist nicht schön. Aber es ist gut, sich das einzugestehen. Idealismus braucht Realismus. Nur dann kann er sich entfalten.

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