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Nahost

Kommen die Amerikaner zurück?

Die USA werden eine Sondereinheit in den Irak entsenden. In Bagdad hoffen viele Menschen auf amerikanische Hilfe beim Kampf gegen die Terrorgruppe ISIS. Die Stimmung bleibt angespannt.

Irakische Freiwillige aus Bagdad steigen auf einen Planwagen, um in den Kampf gegen ISIS zu ziehen (Foto: Reuters)

Irakische Freiwillige melden sich in Bagdad für den Kampf gegen ISIS

Die größte Attraktion der irakischen Hauptstadt ist die "Mansour Mall". Denn das neue Einkaufszentrum im Bagdader Stadtteil Mansour, in der Nähe der Deutschen Botschaft, ist nicht nur zum Shoppen da. Es ist auch ein beliebter Treffpunkt. Vor dem Ausbruch der Rebellion der ISIS-Terroristen kamen ganze Busladungen mit Menschen, vor allem aus dem schiitischen Süden des Landes, um in der Mall einen Nachmittag in "westlicher" Atmosphäre zu verbringen. Jetzt bringen die Busse schiitische Freiwillige, die in den Kampf gegen die ISIS ziehen. Trotzdem ist die Mall noch immer gut besucht. Hier gibt es alles, was in den Großstädten Europas und in den USA zum Alltag gehört. Läden mit Markenartikeln, internationale Kaffeehausketten, Restaurants, Fast-Food-Buden, einen Kindervergnügungspark und Kinos mit zumeist amerikanischen Actionfilmen. Vor allem Frauen kommen gerne nach ihrer Arbeit oder am Wochenende hierher, um sich mit anderen auszutauschen. Dann wird das kleine Café "Bon" zum Frauencafé.

Natürlich habe sie von ISIS gehört, sagt eine schicke Irakerin, die nach der Sicherheitskontrolle in die offene Halle tritt und zuerst einmal ihren Schleier vom Kopf nimmt. "Ich glaube aber nicht, dass es die ISIS gibt", bemerkt sie kritisch. Die hätten doch nur das Wort erfunden, um einen Feind zu haben. Mit "die" meint sie ihre Regierung. "Und alle springen auf den Zug auf." Wie damals mit Al-Kaida: Am Ende habe sich herausgestellt, dass nur eine Handvoll Terroristen wirklich diesem Netzwerk angehörten. Alle anderen seien Sympathisanten und Unzufriedene gewesen.

Soldaten zum Schutz von US-Bürgern

US-Präsident Barack Obama (Foto: Reuters)

275 Soldaten können im Irak stationiert werden, heißt es in einem Brief Obamas an den US-Kongress

Ein weiteres Problem sei, dass die irakische Regierung die Schiiten bevorzuge, kritisiert die Chemiedozentin Sahira von der Universität Bagdad, die gerade im Supermarkt der Mall einkauft. Im Flüsterton sagt sie: "Nur weil es keine Chemiedozenten gibt, konnte ich meinen Job behalten." Der irakische Premier Nuri al-Maliki versuche, alle Stellen mit Schiiten zu besetzen. Sunniten wie Sahira hätten kaum eine Chance.

Im Sturm haben Mitglieder der Terrororganisation ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien) und deren Sympathisanten innerhalb einer Woche große Teile des nördlichen Irak überrollt. Die Provinzhauptstädte Mossul, zweitgrößte Stadt des Irak, und Tikrit, Heimatstadt Saddam Husseins, sind fest in ihrer Hand. Jetzt sollen die Islamisten bereits 60 Kilometer an Bagdad herangerückt sein. Nun werden die USA 275 Soldaten nach Bagdad entsenden. Diese sollen US-Bürger und die amerikanische Botschaft schützen, aber voraussichtlich keine Kampfeinsätze bestreiten. Allerdings wird die Zahl der Sicherheitskräfte in der Botschaft bereits auf über 2000 geschätzt. Insgesamt sollen bis zu 5000 Menschen in dem riesigen Neubaukomplex in Bagdads Grüner Zone stationiert sein. Es ist die größte US-Botschaft weltweit. Deshalb ist davon auszugehen, dass es sich bei den 275 Männern um Spezialkräfte handelt, die der irakischen Armee im Kampf gegen die Aufständischen strategisch und technisch unter die Arme greifen könnten. Kommen die Amerikaner also zurück nach Bagdad, nachdem sie Ende 2011 das Land verlassen haben?

"Amerikaner haben Sunniten nicht verteufelt"

Zwei kleine Jungen auf einer ärmlichen Straße des Bagdader Stadtviertels Sadr-City, in dem vorwiegend Schiiten leben (Foto: DW)

Das Schiitenviertel Sadr-City in Bagdad: "Nicht alle haben sich über den US-Abzug gefreut"

"Die hätten erst gar nicht gehen sollen", sagt Hamid, der Sahira begrüßt und in einem Hotel als Kellner arbeitet. Auch er ist Sunnit, seine Frau Schiitin. Konfessionelle Mischehen sind in der irakischen Hauptstadt sehr verbreitet. Bei den Amerikanern hätten die Sunniten mehr Rechte gehabt als jetzt, führt Hamid weiter aus. Auch wenn sie anfangs sehr viele ins Gefängnis gesteckt hätten, weil sie vermuteten, dass sie Anhänger von Saddam Hussein seien und gegen die US-Truppen Anschläge verübten. "Aber für die Amerikaner waren Sunniten nicht gleich Sunniten." Sie hätten die Menschen als Individuen gesehen und nicht - wie die jetzige Regierung - als Gruppe verteufelt.

Vor der Mall hat ein Gemüseverkäufer seinen kleinen Stand aufgebaut. Er ist aus dem armen Schiitenviertel Sadr-City nach Mansour gekommen, dem gehobenen Mittelklassebezirk, wo Sunniten und Schiiten zusammenleben. Haben sich die Schiiten in Sadr-City denn nicht über den Abzug der Amerikaner aus dem Irak gefreut? "Nicht alle", antwortet der Gemüseverkäufer. "Viele meinen jetzt, dass nur die GIs die Sache mit ISIS in den Griff bekommen." Sie hätten das schließlich auch mit den Terroristen von Al-Kaida geschafft. Auch andere der Befragten in Bagdad setzen ihre Hoffnung in die Amerikaner, erneut mit dem Terror fertig zu werden, der die Stadt und ihre Bewohner mürbe gemacht hat.

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