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Kultur

"Komme wieder!" Liszt auf Insel Nonnenwerth

In seinem rastlosen Klaviervirtuosen-Leben hat Franz Liszt stets nach Oasen der Ruhe gesucht. Eine davon fanden er und seine Familie auf der Insel Nonnenwerth unweit von Bonn.

Blick über das Rheintal vom Drachenfels aus gesehen (Foto: picture-alliance/ dpa)

Idyllisches Rheintal

Wie schön muss es hier einmal gewesen sein! Ist es eigentlich, trotz näher gerückter urbaner Zivilisation, immer noch: Da, wo der "romantische Rhein" etwas breiter wird, teilt sich der mächtige Fluss in drei Ströme. Sie umfließen zwei Inseln. Der Name der kleineren – Nonnenwerth – ist einem Frauenkloster zu verdanken. Die Benediktinerinnenabtei wurde hier Anfang des zwölften Jahrhunderts gegründet, heute leben 25 Franziskanerinnen in der spätbarocken Anlage.

Mit alten Bäumen bewachsen könnte Nonnenwerth als Sinnbild der "Rhein-Romantik" dienen. Schon im 18. und 19. Jahrhundert schwärmten Dichter und Maler von dieser "von zahllosen Vogelstimmen durchklungenen Au". Nach der Auflösung der Abtei durch Napoleon 1802 wurde die Klosteranlage in eine Gastwirtschaft umfunktioniert, die allerdings ziemlich schlecht lief. Das muss sich aber im Sommer 1841 recht schnell geändert haben, als Anfang August ein unbekanntes Paar mit drei kleinen Kindern und zahlreichen Koffern die Überfahrt mit dem schwankenden Kahn (denn nur so gelangt man auf die Insel) riskierte. Beide fielen auf: er – groß, schlank, mit markanten Zügen und einer Künstlermähne; sie mit filigranem Profil und blonder Lockenpracht.

Der ungarische Komponist und Pianist Franz Liszt, undatierte Kopie eines Gemäldes von Lehmann, und eine Radierung von Leopold Flameng von Marie Gräfin d' Agoult nach einem zeitgenössischen Bildnis (Foto: pa/dpa)

Franz Liszt und Marie Gräfin d' Agoult galten einst als das berühmteste Liebespaar Europas



Auch in vormedialen Zeiten erkannte man schnell die Stars. So verbreitete sich rasant die Nachricht, dass das berühmteste Liebespaar Europas sich auf die kleine Rheininsel verirrt hatte: Franz Liszt, "Paganini des Klaviers", und seine Lebensgefährtin, Gräfin Maria d`Agoult. Die gefeierte Pariser Schönheit hatte ihren adligen Mann und die Kinder aus dieser Ehe verlassen, um dem geliebten Virtuosen zu folgen. Sechs Wanderjahre folgten, drei Kinder kamen zur Welt: die Töchter Blandine und Cosima und Sohn Daniel. 1841 war er gerade zwei Jahre alt. Das rastlose Paar wollte endlich etwas Ruhe in der Sommerfrische finden.

Ein Eiland voller Gäste

"Daraus wurde aber nichts", erklärt Schwester Hildegarda lächelnd. Die Franziskanerin verwaltet auf Nonnenwerth alles, was an den berühmten Inselgast erinnert. "Fast jeden Tag kamen aus Bonn, Köln und Koblenz Boote und ganze Schiffe mit Menschen, die Franz Liszt sehen wollten", erzählt sie. Da große Dampfer hier nicht anlegen konnten, fuhren sie um die Insel herum. Männerchöre standen auf dem Deck und sangen rheinische Lieder für den "weltberühmten Zauberer aus Ungarland".

Schwester Hildegard (Foto: DW/ Per Henriksen)

Liszt-Kennerin Schwester Hildegarda

Lina Ramann, Autorin einer der ersten Liszt-Biografien, berichtet, dass am 22. August 1841 – kaum zwei Wochen nach der Ankunft des Komponisten – 340 Mitglieder der Philharmonischen Gesellschaft von Köln auf der Insel Einzug hielten. Die Blaskapelle spielte, und ein gut geschulter Männerchor pries den Meister, der sich bereit erklärte, ein Konzert zu Gunsten des Kölner Doms zu geben. Alles endete mit einem weinseligen Fest. Also von wegen Ruhe… "Das schien ihm aber gut zu gefallen", meint Schwester Hildegarda. "Sonst wäre er hier ja nicht so lange geblieben."

Sicherlich hatten auch die Kinder des Paares ihren Spaß auf der Insel. "Bestimmt haben die nichts anderes gemacht, als was unsere Kinder auch heute tun", ist Schwester Hildegarda überzeugt. "In den langen Korridoren herumrennen und am Wasser und im Garten spielen."

"Der herrlich Gottbegnadete!"

Auch die damalige Eigentümerin der Insel, Frau Margarete von Cordier, eine adelige Dame aus Frankfurt, eilte herbei. Voller Stolz, dass sich das berühmte Paar für "ihr Paradies" entschieden hatte, brachte sie nicht nur die hübsche Tochter, sondern auch ein kostbares Klavier mit. Liszt muss von ihrer Gastfreundlichkeit hingerissen gewesen sein.

Porträt von Margareta von Cordier (Foto: DW/ Per Henriksen)

Gastgeberin mit spitzer Zunge: Margareta von Cordier

Auch die Nachwelt hat Mme. Cordier etwas zu verdanken: ihr Tagebuch. Fast jeden Tag vertraute die Dame ihre Eindrücke von Franz Liszt und anderen Inselgästen einem eleganten Büchlein im Lederumschlag an, welches heute sorgfältig in der Klosterbibliothek aufbewahrt wird. Ihr Stil ist lebhaft, ihre sind Beobachtungen scharf, und ihre Zunge ist ziemlich spitz.

"Es ist merkwürdig, wie die Anwesenheit eines einzigen so bedeutenden Menschen alles bis dahin Bestehende auf den Kopf zu stellen vermag", notierte sie. "Liszt elektrisiert alle, die mit ihm in Berührung kommen. Er ist mehr das Gegenteil von 'schön', allein seine Augen durchleuchtet von innerer Glut, die sein ganzes Wesen ausströmt." Der "Contessa" gegenüber ist sie "gut, weil sie mich dazu zwingt". George Sand dagegen, Liszts alte Freundin, die auch mal zu Besuch kam, wird von Frau Cordier als "gereizte Theaterdirne" charakterisiert.

Ein Geburtstag vor 170 Jahren

Mit einem alten Schlüssel, der eventuell noch aus den Liszt-Zeiten stammt, öffnet Schwester Hildegarda die Tür des klostereigenen Liszt-Museums. Neben einigen Porträts und Zeichnungen wird hier der ganze Stolz des kleinen Museums aufbewahrt: ein silberner Kelch, den Franz Liszt zu seinem 30. Geburtstag am 22. Oktober 1841 von seinen Verehrern bekommen hatte. Das Geburtstagsfest wurde im großen Festsaal begangen. Junge Damen krönten den Jubilar mit einem Lorbeerkranz, es gab Austern, Pastete und eine Torte – geschmückt mit 30 Lichtern und einer Figur mit der ungarischen Fahne. Liszt selbst war bestens gelaunt und spielte nicht nur Klavier, sondern auch "blinde Kuh" mit den Damen. Anschließend pflanzte er höchstpersönlich ein Bäumchen. Es sollte, so Frau Cordier, "gen Himmel ragend, ein Symbol seines Genius darstellen".

Die Liszt-Platane (Foto: DW/ Per Henriksen)

Die Liszt-Platane feiert ihren 170. Geburtstag

Die Erwartung ist eingetroffen: Die schöne "Liszt-Platane" ist einer der größten Bäume auf Nonennwerth. Aber nicht nur die Platane entsprang dem Nonnenwerth-Aufenthalt. Zahlreiche Werke des Komponisten entstanden hier, darunter die Elegia "Nonnenwerth" für Violine und Klavier und das Lied "Die Zelle von Nonnenwerth" nach einem Gedicht des Fürsten Felix Lichnowsky. Es endet mit den Worten: "Dies – das letzte meiner Lieder – ruft dir: Komme wieder, komme wieder!"

Noch zweimal kam das Paar auf die Insel, auch in den Jahren 1842 und 1843, als es in der Beziehung mächtig kriselte. Nach dem letzten Aufenthalt auf der Insel trennte sich das Paar. "Aber darüber dürfen wir nicht reden", meint Schwester Hildegarda. Denn die Liebe sei ein Geheimnis: wie die Geburt und der Tod.

Autorin: Anastassia Boutsko
Redaktion: Matthias Klaus