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Kultur

Komm mal runter. Ein Aktionstag bringt Grundschülern den Buß- und Bettag nahe

Das Wort „Buße“ ist kaum noch in Gebrauch. Aber es gibt immer noch den Buß- und Bettag, einen Feiertag der evangelischen Kirche. Gunnar Lammert-Türk erzählt eine Aktion zum Buß- und Bettag für die evangelische Kirche.

Seit 1995 ist der Buß- und Bettag kein Feiertag mehr, außer in Sachsen. Die evangelische Kirche feiert ihn nach wie vor und erinnert somit an das, was er zum Ausdruck bringen möchte. Er gilt zum einen der privaten Reue und Neubesinnung der evangelischen Gläubigen, zum anderen nimmt er kritisch Stellung gegenüber Fehlentwicklungen in Kirche und Gesellschaft. Es geht am Buß- und Bettag also sowohl um persönliche als auch um soziale und politische Bestandsaufnahme und einen daraus folgenden Gesinnungswandel.

Diese Verknüpfung von persönlicher und politischer Bilanz erneuert ein Projekt in Berlin, das der Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf ins Leben gerufen hat. Statt des Gottesdienstbesuches, der es evangelischen Kindern erlaubt, am Buß- und Bettag der Schule fern zu bleiben, gibt es hier nun schon zum fünften Mal einen interaktiv gestalteten Aktionstag für die Mädchen und Jungen der ersten bis sechsten Klassen.

Wie die Sozialpädagogin Elke Nordsiek, Leiterin der Praxisberatung für die Arbeit mit Kindern und Familien im Kirchenkreis und Koordinatorin des Aktionstages, sagt, wollten die Initiatoren des Projektes neben dem klassischen Schul-Gottesdienst eine neue attraktive Form schaffen, „um die Bedeutung des evangelischen Feiertages zu erfassen und wieder zu entdecken.“

Die sieht sie vor allem im bewussten Innehalten und der Umkehr zu anderen Verhaltens- und Denkweisen, schlichter gesagt, „zu gucken, was läuft wie und wie geht es besser?“ Oder, wie es die Schlagworte des Aktionstages der letzten Jahre salopp und griffig ausdrücken: Abschalten! Neustarten!

Das für dieses Jahr gewählte Motto „Komm mal runter!“ verweist zum einen auf den vom Buß- und Bettag angestrebten Haltungswechsel im Sinne von: Komm runter von deinem Ross, beharre nicht auf deiner Position, halte nicht fest an deiner momentanen Stimmung und Lage. Zum anderen erinnert es an eine Stelle im Lukas-Evangelium. Steig herab oder komm herunter sagt Jesus, als er auf dem Weg nach Jerusalem nach Jericho kommt, zu dem im Volk verhassten Oberzöllner Zachäus, der seiner geringen Körpergröße wegen auf einen Baum gestiegen ist, um ihn zu sehen.

In interaktiv gestalteten Stationen werden die Kinder der Grundschulklassen sechs Aspekte dieser beliebten Geschichte näher in Augenschein nehmen, etwa: Schuld auf sich laden, ausgegrenzt sein, Reue empfinden über das eigene Tun, sein Verhalten ändern, wieder aufgenommen werden in die Gesellschaft. Die Schüler erkunden so das Verhalten der Menschen in der Geschichte und setzen sich selbst in Gedanken an ihre Stelle.

Um dies altersgerecht zu gestalten und auch sinnlich erfahrbar zu machen, werden Lieder gesungen, Szenen gespielt, wird gemalt, gebastelt, musiziert. So kann das Kleinsein – nicht nur das körperliche, auch das unverschuldete und das selbst verschuldete seelische und soziale Kleinsein – durch eine Schnur mit Brezeln oder anderem Naschwerk veranschaulicht werden, die in unerreichbarer Höhe über den Kindern angebracht ist. Das Sich-verbergen-Wollen, weil man gemieden und verachtet wird, kann durch eine Variante des Versteckspiels angedeutet werden. Die Freude und Erleichterung, wieder zur Gemeinschaft der anderen zu gehören, kann durch das Ablegen eines „Sorgensteins“ seinen Ausdruck finden und der Gewinn des Neuansatzes durch das Auffinden eines „Schatzes“. Auch die in der Zachäus-Geschichte vorausgesetzte Situation des Steuereintreibens im Palästina zur Zeit Jesu und somit der Grund der Verachtung des Zachäus wird kindgemäß umgesetzt werden. Ein Film über Münzprägung könnte sich dafür eignen oder die Kinder nähen mit den erwachsenen Begleitern einen Geldbeutel.

An Ideen mangelt es nicht. Weder der Koordinatorin Elke Nordsiek, die mit einem Vorbereitungsteam die Grundidee und die Struktur des Aktionstages erarbeitet hat und die organisatorischen Rahmenbedingungen wie Bewerbung, Anmeldung und Abstimmung der Akteure in der Hand hält, noch den Akteuren selbst. Dazu gehören neben Pfarrerinnen und Pfarrern, Religionslehrerinnen und –lehrern, Teamer und ehrenamtliche Helfer und Helferinnen der drei Standorte, an denen der Aktionstag stattfindet.

Zwei davon, die Gemeinde am Hohenzollerndamm und die Auengemeinde, haben gute Schulkontakte. Der dritte, der Campus Daniel, ist ein generationsübergreifendes evangelisches Bildungszentrum auf dem Gelände der Danielgemeinde.

Und auch an Zuspruch mangelt es nicht. Seit es den Aktionstag gibt, ist die Beteiligung von Jahr zu Jahr gestiegen. Für dieses Jahr erwartet Elke Nordsiek 170 bis 200 Kinder. Und so ist die Vorfreude bei allen Beteiligten groß. Fest steht schon jetzt, dass sich diese Art, den Buß- und Bettag zu begehen, bewährt hat. Denn so wird ein eher abstrakter Begriff zu einem sinnlich einprägsamen Erlebnis. Dass dies Freude macht, bringt Nordsiek erfrischend direkt zum Ausdruck. Ihr Fazit lautet schlicht: „Wir haben klasse Erfahrungen damit gemacht.“

Gunnar Lammert-Türk,

Gunnar Lammert-Türk

Zum Autor: Gunnar Lammert-Türk (1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Sit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig.

Verantwortlicher Redakteur: Pfarrer Christian Engels