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Kultur

Komische Frauen in Stalinbauten

Alleinerziehende Mütter, geisterhafte Nachbarn, omnipräsente Hauswärterinnen - Ricarda Junge spürt in den "Stalinbauten" der DDR-Vergangenheit nach. Die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Sie selbst wohnt auch dort.

Häuserreihe in der Karl-Marx-Allee in Berlin (Foto: dpa)

Leben in den Stalinbauten - bisweilen mysteriös

Als die Schriftstellerin Ricarda Junge vor ein paar Jahren nach Berlin zog, glaubte sie eine Traumwohnung gefunden zu haben: gut geschnitten, günstig, mit Blick auf einen Park. Dass die Häuser aus den 50er Jahren im Volksmund "Stalinbauten" heißen, stört sie nicht. Ricarda Junge mag den sogenannten stalinistischen Zuckerbäckerstil an der breiten, viel befahrenen Karl-Marx-Allee samt den monumentalen, bis zu 13 Stockwerke hohen Wohnhäusern mit ihren Giebeln, Türmen und Balkonen. Offiziell zu Arbeiterpalästen erkoren, durften hier allerdings nur vom Staat Auserwählte wohnen. Die pompöse Bauweise sollte schließlich nicht nur für die Überlegenheit der sozialistischen Architektur stehen, sondern auch für die Überlegenheit eines ganzen politischen Systems.

"Meine Eltern fanden das scheußlich"


Porträt von Ricarda Junge (Foto: Tilmann Junge)

Ricarda Junge

Ricarda Junge spricht lieber von einem südländischen Charme, den die sandfarbenen Bauten ihrer Ansicht nach versprühen. Beim Spaziergang durch die Häuserreihen weist die 30-Jährige auf den Lavendel hin, der auf den Plätzen zwischen den Wohnblöcken blüht.

Ihre Familie konnte ihre Sympathie für das Wohnviertel anfangs überhaupt nicht teilen. "Meine Eltern fanden das scheußlich, das kann man nicht anders sagen. Vor allem da meine Mutter aus der DDR kommt und mit den Häusern eben auch eine Geschichte der Unterdrückung verbindet." Diese unterschiedlichen Ansichten innerhalb ihrer Familie sind auch in ihren Roman "Die komische Frau" eingeflossen.

Ich habe dich damals gewarnt", sagte sie. "Durch diese Häuser weht ein böser Geist. Wer hier in der DDR wohnen durfte, war vom System überzeugt. (…) So etwas setzt sich fest in den Mauern, das hängt im Gebälk, das wächst und modert wie ein widerlicher Pilz zwischen den Steinen.

Luftbild der Karl-Marx-Allee aus dem Jahr 1967 (Foto: dpa)

Die Karl-Marx-Allee, ehemals Stalin-Allee, im Jahr 1967

Diese Ansicht der Mutter teilt die allein erziehende Lena - Hauptfigur und Ich-Erzählerin in Junges Roman - nicht. Sie fühlt sich vielmehr nach der Trennung von ihrem Freund und Vater ihres Sohnes glücklich in ihrer neuen Wohnung, befreit und selbstbestimmt. Doch dann beginnt ihr Kind, das gerade erst Sprechen lernt, ein Gespenst zu sehen.

Mein Sohn rührte sich nicht, und als ich ihn an der Hand nahm und über die Schwelle ziehen wollte, wich er zurück. "Da!" rief er und zerrte an meiner Hand. "Die komische Frau!" Ich ließ seine Hand los und ging neben ihm in die Hocke. "Was hast Du gesagt?" fragte ich. Er wiederholte es. "Eine komische Frau?" fragte ich verwundert. Er nickte.

Geisterhafte Erscheinungen im "Stalinbau"

Es ist kein reines Hirngespinst ihrer Romanfigur. Auch Ricarda Junges Tochter glaubte ein halbes Jahr lang, eine "komische Frau" zu sehen. Zuvor hatte sich die Autorin bereits verschiedene Notizen zu ihrer neuen Wohngegend gemacht, Geschichten recherchiert und sich Hausbücher angesehen, die früher in den Wohnhäusern in der DDR geführt wurden.

Buchcover von Junges Roman 'Die komische Frau' (Foto: S. Fischer Verlag).

In dem Roman sind verschiedene Geschichten miteinander verwoben

Zunächst wusste sie nicht, was sie mit dem Material anfangen würde. "Und dann tauchte plötzlich im vergangenen Jahr tatsächlich eine komische Frau bei uns auf. Das war mir natürlich sehr unheimlich, als meine Tochter nachts wach wurde und fragte: Wer ist die komische Frau da?", erinnert sich Ricarda Junge. Zugleich fasziniert sie aber auch diese etwas gruselige Erfahrung. Sie schreibt zunächst eine Kurzgeschichte, aus der schnell mehr wird: "Die habe ich dann mit all den Geschichten verwoben, die ich schon in meiner Nachbarschaft gesammelt hatte - und so ist dann dieser Roman entstanden."

Mit dem Auftauchen der "komischen Frau" verliert die Ich-Erzählerin den Boden unter ihren Füßen. Lena findet kaum noch Schlaf. Seite für Seite wird ihre Situation merkwürdiger, Waschmaschinen laufen aus, Herdplatten glühen, Fenster stehen offen. Zwangsläufig fragt sich der Leser: Spuken hier die Geister der DDR-Vergangenheit oder sind das vielmehr psychische Symptome einer überforderten Mutter?

Erstkontakt mit verlorener Generation

Zusätzlich bestimmen die alteingesessenen Nachbarn Lenas Alltag. Nachbarn, die der jungen Mutter scheinbar nachspionieren oder über die sie erfährt, dass sie nach der Wende ihren Namen geändert haben. Nachbarn, die mit Nachdruck Wahlempfehlungen aussprechen, merkwürdige Erziehungstipps geben, Hausbücher weiterführen und sogar mit aktuellen Fotos der Bewohner aufwarten.

Luftbild der Karl-Marx-Allee aus dem Jahr 2000 (Foto: AP)

Im Jahr 2000 sah die Karl-Marx-Allee so aus

Als ich hier in diese Stalinbauten einzog, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, total fremd zu sein. Hier lebte ich zum ersten Mal mit Leuten, die von der DDR profitiert und an sie geglaubt hatten. Leute, die zwar durch das Ende der DDR keine materiellen Verluste erlebt, die aber ihren Glaubenskern verloren hatten.

Das starke Moment von Junges Roman: Generationsübergreifend fühlen sich die Bewohner rund um die Karl-Marx-Allee verloren in der heutigen Zeit, ratlos, verunsichert. Auf der einen Seite ist da eine junge überforderte Mutter, auf der anderen eine verlorene Generation, die mit dem politischen und gesellschaftlichen Wechsel nicht mitkommen kann oder will.


Ricarda Junge bewertet ihre Nachbarn nicht, weder in ihrem Roman noch privat. Ans Umziehen denkt die junge Mutter daher nicht - ungeachtet geisterhafter Erscheinungen oder gruseliger Tatsachen. "Ich fühl mich hier sehr wohl. Die Häuser sind mit viel Verstand und Charme gebaut und ich mag auch die Bewohner - trotz oder gerade wegen der Brüche in ihren Biografien."

Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Manfred Götzke

Ricarda Junge: Die Komische Frau
Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-039329-6
Preis (Euro): 17.95