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Kultur

Kolumne: Warum mich alle Straßen Europas zurück nach Syrien führen

Rim Dawa wuchs in Syrien auf. Sie träumte davon, eines Tages Europa zu sehen. Jetzt lebt sie in Deutschland und kann jederzeit den Zug nach Paris, Prag oder Amsterdam nehmen. Ist ihr Kindheitstraum in Erfüllung gegangen?

Als ich noch in Syrien lebte, konnte ich von Auslandsreisen nur träumen. Jetzt lebe ich in Europa und fühle mich hier gefangen. Die Hauptstädte des Kontinents kommen mir vor wie Gefängniszellen, die mich von meinem Heimatland trennen.

Heute ist es die Reise nach Syrien, die nur in meinem Kopf stattfindet. Würde ich zurückkehren, beträte ich ein Schlachtfeld, auf dem Gewehrkugeln und Bomben willkürlich töten. Würde ich bei Assads Regime in Ungnade fallen? Würde ich verhaftet? Würde gar Schlimmeres mit mir geschehen? Ich will es gar nicht wissen!

Wenn ich durch die Straßen von Paris gehe und das Akkordeon eines Straßenmusikers höre, erinnere ich mich an meinen Kindheitstraum, eines Tages diese großartige Stadt sehen zu können - die Bühne zahlloser Filme und Liebesgeschichten.

Ein Trip nach Paris war für uns Syrer vor dem Krieg nicht unmöglich, aber er war kompliziert und teuer. Ein Visum zu bekommen, war ganz und gar kein Selbstläufer.

"Stücke von Europa" in Syrien

Also beschränkten wir uns im Urlaub auf die schönsten Städte Syriens, die geschichtsträchtig und schön gelegen waren. Wir nannten sie "Stücke von Europa".

Ich wollte aber schon immer die Welt außerhalb meines Landes kennenlernen - und sogar außerhalb meines Kontinents. Ich war fasziniert vom Eiffelturm, dem Kolosseum und Big Ben, die ich nur aus Filmen und Büchern kannte.

Eiffeltum Paris bei Nacht (picture-alliance/M. Child/robertharding)

Eiffelturm in Paris: Europa mit anderen Augen

Heute schmerzt es mich, dass ich nie die Burg Schmemis in meiner Heimatstadt Salamiyya besucht habe. Sie war nur wenige Autominuten von unserer Wohnung entfernt. Aber damals träumte ich von Paris, Rom und London.

Nachdem ich in Deutschland angekommen war, wurde mir klar, wie leicht man zwischen all diesen Städten hin- und herreisen kann. Ich suchte nach Ähnlichkeiten zu Syrien - nach irgendetwas, das mich an meine Heimat erinnerte. Aber der Himmel in Europa ist nicht so blau wie der syrische. Die Sonne brennt nicht so heiß. Der Straßenverkehr ist nicht halb so chaotisch, und die Seen können mit dem Mittelmeer nicht mithalten.

Verlorene Möglichkeiten

Eines Tages wachte ich auf und merkte, dass viele der historischen Schätze Syriens, die ich nie mit eigenen Augen gesehen hatte, zerstört worden waren - vom Krebsgeschwür des Krieges, der unser ganzes Land ruiniert.

Und die Orte, die die Gleichgültigkeit der Zerstörung überlebt haben, warten bestimmt nicht darauf, dass ich sie vielleicht mal eines Tages besuche.

Blick auf das Ruinenfeld der antiken Oasenstadt Palmyra (picture alliance/dpa/Y. Badawi/EPA)

Zerstörte Oasenstadt Palmyra: Krebsgeschwür des Krieges

Heute reise ich durch Europa mit anderen Augen. Anstatt meine Kindheitsträume zu erfüllen, indem ich in Amsterdam shoppen gehe oder am Schiefen Turm von Pisa lehne, vergleiche ich, als "Gefangene" meines Schengen-Visums, alles, was ich sehe, mit Syrien.

Die Kraft der Nostalgie

Ich habe mich früher über die brütenden Sommer in Salamiyya beschwert. Hier in Deutschland zaubert mir die heiße August-Luft ein Lächeln ins Gesicht - während meine deutschen Freunde in der schwülen Hitze leiden.

In Paris denke ich nicht mehr daran, wie Napoleon die Champs-Elysées entlang ging oder an die Könige, die ihre Fußabdrücke in den Gärten von Versailles hinterließen. Jetzt sehe ich nur noch die architektonischen Details, die ihr Echo in Damaskus fanden, wo die französische Besatzung der 1920er bis 1940er Jahre ihre Spuren hinterließ.

Nostalgie ist mein vorherrschendes Gefühl geworden. Sie hat die Reiselust überholt. Wo immer ich in Europa bin - mein Herz wird nach Syrien gelenkt.

Rim Dawa ist in Salamiyya, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie kam 2012 nach Deutschland, um ihren Masterabschluss in Internationalen Medienwissenschaften zu machen. Zurzeit ist sie als Journalistin für die arabische DW-Redaktion tätig.

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