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Lebensart

Kolumne: Warum ich pünktlich bin, seit ich in Deutschland lebe

Züge in Deutschland kommen nicht immer auf die Minute, schreibt die syrische Kolumnistin Rim Dawa. Aber das Leben hier hat sie zu einem pünktlichen Morgenmenschen gemacht. Dazu fehlte nur ein bisschen Disziplin.

Eines Morgens in Bonn wachte ich früh auf – zu einer Uhrzeit, die meine älteren Verwandten in Salamiyya gut gefunden hätten. Da wir jungen Leute nachts immer sehr lange aufgeblieben waren, schliefen wir oft bis zum nächsten Nachmittag – und bekamen dann ihren Zorn ab. 

Ich bin kein Morgenmensch. Der einzige Weg, mich früh am Tag aus dem Bett zu bekommen, ist mit dem Duft frischen Kaffees und den Liedern meiner Lieblingssängerin Fairouz. Diese Kombination erinnert mich an meine Heimat und treibt den Schlaf aus meinen Augen.

Eine meiner ersten Erinnerungen ist das Gesicht meiner Mutter, die versucht, mich für die Schule zu wecken, während Fairouz' trällernde Stimme aus dem Radio kommt. Der Ölofen wärmte unser Haus, und der Tee stand auf dem Herd.

Da ich chronisch verspätet war, musste ich meist zur Schule rennen – mit Muskelkater in den Beinen und den Melodien der libanesischen Sängerin in meinen Ohren.

Der syrische Direktor, der gegen die Wand trat

Auch an jenem Morgen in Bonn war ich auch auf dem Weg in die Schule – diesmal in die örtliche Fachhochschule. Ich hatte eine Verabredung mit der Dame vom Akademischen Auslandsamt. Sie war beim Beantworten meiner Fragen immer sehr hilfsbereit und freundlich gewesen. Dieses Mal war die Anmeldung an einer Hochschule kein nervenaufreibender Prozess, der jeden Enthusiasmus erstickt - so, wie ich das bisher aus Syrien kannte.  

Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Leiter des Akademischen Auslandsamts meiner Uni in Homs 2006 gegen die Wand trat, weil er mir nicht beantworten konnte, welche Examensnote ich bekommen hatte. 

Da er eine Machtposition innehatte, von den Autoritäten des Landes unterstützt, wollte er seinen Einfluss scheinbar mit dieser kleinen aggressiven Einlage unterstreichen. So sehr ich auch wollte, konnte ich nicht einfach "aufhören!" rufen, denn sonst wäre ich wohl nicht zugelassen worden.

Ist deutsche Pünktlichkeit ein Mythos?

Dieser kalte, graue Morgen in Bonn gab ein ödes impressionistisches Bild ab. Mein Zug zur FH sollte in zehn Minuten kommen. Aber nach fünf Minuten Wartezeit wurde eine Verspätung von 15 Minuten angezeigt.

Ich dachte, in Deutschland ist alles so pünktlich! Ich musste leise kichern, als ein deutsches Kind zu seiner Mutter sagte: "Deutsche Züge sind so unzuverlässig!" Ich war also nicht die einzige mit enttäuschten Erwartungen.

Ich versuchte, an eine verlässliche syrische Einrichtung zu denken, egal ob groß oder klein. Mir fiel keine ein.

Spielte mir mein Gedächntis einen Streich? Ich hatte Syrien ja immerhin schon 2012 verlassen. Oder war Verlässlichkeit einfach nicht Syriens Stärke?

Pünktlichkeit durch Disziplin

Obwohl der Zug zu spät gekommen war, kam ich nicht zu spät zu meinem Termin. Denn ich hatte das Haus früher als nötig verlassen, für den Fall einer Verspätung oder eines Notfalls. Ich habe mich seit meiner Schulzeit ganz schön verändert, dachte ich. Meine Mutter und die älteren Verwandten wären stolz auf mich gewesen.

Auch wenn deutsche Züge nicht immer so pünktlich kommen, wie es heißt, färbte das deutsche Klischee vielleicht schon auf mich ab. Andererseits wollte ich auch pünktlich an der FH sein, da die Angestellte des Akademischen Auslandsamts immer so nett zu mir gewesen war.

Nach unserem Termin bemerkte ich, dass morgendliche Termine in Deutschland gar nicht so lästig waren wie in Syrien. Vielleicht brauchen wir alle nur ein bisschen Disziplin, um früh aufzustehen. 

Rim Dawa ist in Salamiyya, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie kam 2012 nach Deutschland, um ihren Masterabschluss in Internationalen Medienwissenschaften zu machen. Zurzeit ist sie als Journalistin für die arabische DW-Redaktion tätig.

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