Kolumne: Warum das KADEWE für viele Berliner Heimat ist | Berlin 24-7 | DW | 25.03.2018
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Berlin 24-7

Kolumne: Warum das KADEWE für viele Berliner Heimat ist

Es ist eines der größten Kaufhäuser der Welt und Sehnsuchtsort nicht nur für Berliner: das Kaufhaus des Westens. Für viele ist es zur Heimat geworden. Für unseren Kolumnisten Gero Schließ wird es zum Ort des Abschieds.

Meine Vorfreude ist groß. Gute Freunde aus Washington sind auf dem Weg nach Berlin und haben sich bei mir angekündigt. Doch noch bevor ich sie in die Arme schließen kann, lassen Sie alle Welt über Facebook wissen, wo in Berlin ihre wichtigste Adresse  ist: Nicht mein Apartment, sondern die "Oysterbar" im Kaufhaus des Westens, kurz KADEWE genannt. Sie posten ein Foto, auf dem ich sie in Gesellschaft ihrer Freundin Marie heftig Austern schlürfen und Champagner trinken sehe.

Mann mit roter Mütze und weißem Kittel hinter einem Schokoladen-Verkaufsstand

Klaus Nagel, Meisterchocolatier im KADEWE, hat Kunden, die vier Tage die Woche bei ihm vorbeischauen

Warum ich die Konkurrenz gegen das KADEWE verloren habe? "Die Gourmetabteilung ist soo berühmt. Etliche meiner Freunde in Washington schwärmten davon, als sie von meiner Berlin-Reise hörten", tröstete mich mein Freund Jim, um dann zu gestehen: "Am liebsten hätte ich nicht mehr aufgehört zu essen bei dieser großartigen Auswahl von Speisen." Paul, auch aus Washington und in New York geboren, ist begeistert von der "Kombination aus Marktplatz und kleinen Essensständen". Selbst in New York finde man so etwas nicht. Okay, als bisheriger KADEWE-Muffel lerne ich: Die allseits verehrte Feinschmecker-Etage des KADEWE ist eine der größten Lebensmittelabteilungen überhaupt und ziemlich einzigartig in der Welt. 

Das Berliner KADEWE schreibt Geschichte

Das KADEWE ist berühmt. Fast so berühmt wie das Brandenburger Tor oder die Berliner Mauer. Das 1907 von Adolf Jandorf gegründete Kaufhaus ist Teil der Stadtgeschichte. Es erlebte Glanz, Krieg, Zerstörung, zahlreiche Umbauten, sieben Besitzerwechsel und ist heute mit 60.000 Quatdratmeter Verkaufsfläche das größte Kaufhaus Europas.

Bild von einem Berliner mit seinem Sohn an der Pommery Bar des KADEWE (Foto: Gero Schließ)

Berlin verändert sich rasant aber das KADEWE bleibt: Tradition sei etwas Schönes, sagt dieser Berliner. Früher kam er mit seiner Mutter, heute mit seinem Sohn.

Das KADEWE schafft es auf jede touristische Webseite über Berlin und mühelos in die TOP 10 der begehrtesten Berliner Orte. 40 Prozent der Kunden kommen aus dem Ausland. Bingo!

Mir ist das schleierhaft. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe diesen Hype lange nicht verstanden. Und bevor mich die KADEWE-Begeisterung meiner Freunde stutzig machte, hatte es insbesondere die "Fressabteilung" auf der sechsten Etage schwer bei mir. Einen Schönheitspokal würde ich ihr nicht verleihen: Tief herabhängende Decken, kalter Fliesenboden, ein Gewusel von Ständen, Theken, Bars und Mini-Restaurants. Alles nicht besonders elegant, sondern mitunter piefig, kleinbürgerlich. Und mittendrin ein brummendes, summendes Knäuel von Menschen.

Sehnsucht nach dem "alten" Berlin       

Das ist genau das, was Christel Hetler hier sucht. "Ich brauch das! Dit ganze Leben hier und dit ganze drum und dran gefällt mir ganz toll", sagt sie im Berliner Dialekt. Ich treffe die Rentnerin an der Lavazza Bar. Hier sitzt sie seit 10 Jahren jeden Dienstag und jeden Freitag, zunächst mit ihrem Ehemann und seit seinem Tod alleine. Das KADEWE ist für sie das alte Berlin, die Seele der Stadt.

Lächelnde Rentnerin wird vom Ober der Lavazzabar im KADEWE im Arm gehalten

Bei Vincenzo an der Lavazza Bar ist Rentnerin Christel Hetlers Stammgast

Nachdem ich Christel Hetlers Geschichte erfahren habe, spüre ich etwas völlig Unerwartetes: In mir wachsen plötzlich auch diese Heimatgefühle. Vielleicht ist das KADEWE ja wirklich Berlins gute Stube, denke ich. Und verstehe plötzlich Christel Hetler, die sich vor dem großen Umbau der Feinschmecker-Etage fürchtet. Der renommierte Architekt Rem Koolhaas wurde dafür verpflichtet. Christel Hetler findet das "ein bisschen doof". Sie hat recht: Berlin hat sich total verändert. Cafés, Restaurants und sogar die Theaterbühnen am benachbarten Kudamm gehen ein. Deswegen sollte das KADEWE Heimat  bleiben und seine Eigenart behalten. Das Bodenständige jedenfalls  unterscheidet es bisher vom mondänen Oberpollinger in München oder dem cooleren Harrods in London.

Deshalb gibt es wohl auch so viele Stammgäste, auch wenn es sich nicht alle leisten können. Katie hinter der Theke der Pommery-Bar erzählt von älteren Damen, die für ihre wöchentlichen zwei Glas Champagner Geld beiseite legen. Andere Stammgäste kommen von weither, zum Beispiel Roxana und Laszlo aus Budapest. Sie kaufen ein und genießen den Champagner. Vor allem aber sind sie hier, um Freunde zu treffen: "Das soziale Leben hier ist fantastisch", schwärmen sie. Nicht zuletzt wegen des KADEWE haben sie sich entschlossen, nach Berlin zu ziehen.   

Bild von Kolumnist Gero Schließ

Gero Schließ verabschiedet sich von den Lesern seiner Kolumne

Auch wenn ich mich mittlerweile für das KADEWE erwärmt habe, käme ich nie auf die Idee, mich hier mit Freunden zu treffen.

Als ich am Abend meine Nachbarin Doreen treffe, erfahre ich, dass sich das ändern könnte. Doreen zieht nach Australien und will sich von uns verabschieden: An der Champagnerbar des KADEWE.

Für mich wird es ein doppelter Abschied. Auch von meiner Kolumne und Ihnen, meinen Lesern. Dies war die letzte Ausgabe von Berlin 24/7. Ich danke Ihnen für die Begleitung und stoße mit Ihnen an: Auf unsere gemeinsame Zeit!

 

 

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