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Berlin 24-7

Kolumne: Vergesst Hollywood! Feiert die Berlinale!

Warum schielen die Berliner eigentlich immer auf Hollywood, wenn sie von der Berlinale sprechen? Davon sollten sie sich frei machen, meint Gero Schließ. Denn die Berlinale hält viele eigene Trümpfe in der Hand.

Berlinale | Eröffnungsgala und Filmpremiere Django | Clotilde Courau (Getty Images/AFP/O. Andersen)

Die Schauspielerin Clotilde Courau bei der Eröffnungsgala der Berlinale

Die Berliner wünschen der Berlinale nur das Beste. Vor allem, dass sie im Film-Business das erfüllt, was Berlin im wirklichen Leben für sich beansprucht: Der Nabel der Welt zu sein.

Der Nabel der Filmwelt, der bekanntlich in Hollywood liegt, soll an die Spree ziehen. Zumindest vorübergehend - für die Zeit der Filmfestspiele. 

War früher mehr Hollywood in Berlin?

Ob das diesmal geklappt hat, wird heiß diskutiert. Alte Berlinale-Hasen mäkeln bei prickelndem Mate-Eistee: Früher war mehr Hollywood in Berlin. Sie klingen so, als sei der Untergang der Berlinale kaum mehr aufzuhalten.

Berlin Richard Gere und Angela Merkel BdT mit Deutschlandbezug (Reuters/Bundesregierung/S. Steins)

Am Tisch der Macht: Richard Gere mit Kanzlerin Angela Merkel

Für die Kollegen der bunten Blätter scheint dagegen alles in bester Ordnung. Die "Gala" fand "viel Glamour" auf den Roten Teppichen. Und auch die "Bunte" verteilte beim Berlinale-Party-Check nur Bestnoten – vor allem natürlich für ihre eigene Party.

Aber ich frage mich, wieso dann in der Berichterstattung von der Berlinale auffällig oft nur ein einziger Name auftauchte, nämlich der von Richard Gere. 

Doppelpack mit Merkel

Alles Gere in Berlin? Offensichtlich ja! Er war der einzige Weltstar aus Hollywood, der sich auf dem Roten Teppich blicken ließ. Und ich habe den Verdacht, dass der Mann für gewisse Stunden nur im Doppelpack mit unserer "Pretty Woman" Angela Merkel zu haben war. Gere hatte es raus: Beim Berlinale-Wettbewerb lief sein Film "The Dinner". Er selber verbrachte derweil gewiss eine Stunde am Tisch der Regierungsmacht. 

08.2016 Kolumne Gero Schließ

Beobachtete die Berlinale: Unser Kolumnist Gero Schließ

Bleibt die Frage, warum die Berliner Filmfestspiele beim Hollywood-Hunting die Doppel-Pack-Lösung nicht öfter eingesetzt hat? Hätte Ursula von der Leyen nicht mit dem letzten, noch funktionierenden Transportflieger A40M Leonardo DiCaprio nach Berlin eskortieren können? Oder hätte unser charmanter Außenminister Gabriel mit diplomatischer Fingerspitze nicht versuchen können, Penelope Cruz von ihrer kurzfristigen Berlinale-Absage abzubringen? Und warum hat sich die neue SPD-Wunderwaffe Martin Schulz nicht als Hollywood-Heilsbringer bewährt? Leuchtet der aufsteigende Schulz-Stern etwa noch nicht bis auf den Sunset Boulevard? Oder sind die hart arbeitenden Menschen in Kalifornien nicht seine Zielgruppe?

Warum der Blick nach Hollywood?

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Wozu der ganze Krampf? Wie wäre es, wenn sich die Berliner einfach mal entspannt zurücklehnen und den Hollywood-Hype den anderen Film-Festspielen überlassen würden. Im 67. Jahr ihres Bestehens ist die Berlinale ja bereits im Seniorenalter. Jedenfalls erwachsen genug, um selbstbewusst auf das eigene Potential zu setzen.

Berlinale Filmstill The Wound

The Wound - einer der stärksten Filme auf der diesjährigen Berlinale

Und das ist ihre Fähigkeit, Seismograph gesellschaftlicher und politischer Brüche zu sein. Ja, es stimmt, das böse "T"-Wort wurde kaum ausgesprochen. Schon aus Prinzip nicht, um den Mann im Weißen Haus nicht noch weiter aufzuwerten. Aber der Unaussprechliche war der weiße Elefant im Raum. Selbst im Tweet des mexikanischen Schauspielers und Regisseurs Diego Luna, der schrieb: "Ich möchte hier alles darüber lernen, wie man Mauern niederreißt." Luna und viele andere fühlten sich ermutigt von der Haltung, die die Berlinale zeigte. Sie tat das weit über die "T"-Personalie hinaus gerade in ihren Filmen. Diesmal war wieder soviel Welt und Wirklichkeit in den Filmreihen, dass es einen schauderte.

Deutschland 67. Berlinale International Film Festival Monika Gruetters und Dieter Kosslick (picture alliance/dpa/abaca/M. Gambarini)

Machte die Berlinale zu einem einzigartigen Filmfestival: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, hier mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Von der beinharten Dekonstruktion der amerikanischen Mittelschicht in "The Dinner" (mit Richard Gere) bis hin zu "Wound", einem südafrikanischen Drama über einen jungen Schwulen, der von seinem Vater zu einer Beschneidungszeremonie aufs Land geschickt wird. Nicht zu vergessen die ganz anderen Filme des indigenen Kinos, die mich in eine archaische Welt führten, die dem Untergang geweiht ist.

Das gibt es nicht in Cannes, nicht in Venedig, und – ja – auch nicht in Hollywood.

Also: Vergesst Hollywood! Und feiert die Berlinale!

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