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Welt

Kolumne: Miteinander statt gegeneinander

Der Besuch von Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Indien zeigt, dass wirtschaftliche Kooperation politischen Zank und die Konkurrenz der beiden größten asiatischen Wettbewerber mildert, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

So kann man seinen Geburtstag auch begehen: Zuerst ein Spaziergang am Ufer des Sabarmati Flusses im Westen Indiens und anschließend ein Dinner im traditionellen Zelt, Seite an Seite mit dem chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping. So feierte vergangene Woche der indische Premier Narendra Modi seinen 64. Geburtstag. Was Xi ihm schenkte, ist zwar nicht bekannt, doch was die beiden für die kommenden Jahre vereinbarten, kann Modi als kleinen Erfolg für sein politisches Anliegen werten.

Chinas Vorsprung vor Indien

Wenn sich in den vergangenen Jahren Spitzenpolitiker der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt getroffen haben, war die Ausgangslage ziemlich klar: Die chinesische Ein-Parteien-Diktatur ist der Demokratie Indiens um mindestens ein Jahrzehnt voraus, wenn es um die grundsätzlichen Lebensbedingungen der Menschen geht. In Indien hungerten laut Zahlen aus den vergangenen Jahr noch 17 Prozent der Bevölkerung, in China waren es neun Prozent. In China können fünf Prozent der Menschen nicht lesen und schreiben, in Indien sind es noch 19 Prozent. Die Lebenserwartung in Indien beträgt 66 Jahre. In China sind es mittlerweile schon zehn Jahre mehr. Doch der Wirtschaftsreformer Modi möchte diesen Abstand verringern. Deshalb wurde er gewählt. Er besitzt die breiteste Regierungsmehrheit seit 1984 - gute Voraussetzungen, um die Lage seines Landes zu verbessern.

China spielt dabei eine wichtige Rolle in Modis Plänen. Schon jetzt ist der Nachbar der wichtigste Handelspartner. Jährlich werden Waren im Wert von über 65 Milliarden Dollar gehandelt. Dieses Volumen soll bis 2015 sogar 100 Milliarden Dollar erreichen. In Finanz-, Infrastruktur- und Handelsprojekten wollen China und Indien enger zusammenrücken. Das Credo der Chinesen lautet hier, wie auch schon in vielen anderen Teilen der Welt: Wenn wir beim Aufbau des Landes helfen, entschärft das mögliche Konflikte.

China investiert in Indien

Und deswegen hat Xi vergangene Woche seinem Gegenüber gleich mehrmals die Hand gereicht: In einer Reihe von Verträgen wird China seine Investitionen in Projekte der indischen Industrie und Infrastruktur in den kommenden fünf Jahren auf 20 Milliarden Dollar aufstocken. Dazu zählen zwei neue Industrieparks, die Erweiterung des Schienennetzes und sogar gemeinsame Pläne in der Raumfahrt.

Indien will sich bei seinem Nachbarn auch ein Beispiel am erfolgreichen Wirtschaftsmodell nehmen. Das heißt, dass man in Zukunft stark auf Exporte setzen wird. Innerhalb von fünf Jahren soll der Anteil am Welthandel um 50 Prozent steigen, getreu Modis Motto: Verkauft überall hin, aber produziert hier. Doch selbst, wenn das klappt, liegt Indien noch immer hoffnungslos hinter China: 2013 exportierte die Volksrepublik Waren im Wert von knapp zwei Billionen US-Dollar. Indien jedoch nur im Wert von 330 Milliarden US-Dollar.

China muss sich Indien stärker öffnen

Das liegt auch an China und war ein Kritikpunkt von Modi in den Gesprächen mit Xi. Der für viele indische Produkte verschlossene chinesische Markt hat zwischen 2007 und 2013 auf indischer Seite zu 169 Milliarden Dollar Handelsdefiziten geführt. Xi versprach, auch hier nachzubessern: Künftig soll Indien mehr Produkte wie etwa Medikamente nach China exportieren können. Da wo es der chinesischen Wirtschaft weh tut, lässt sich die Bereitschaft Pekings am besten messen, auf Indien zuzugehen.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Es war sehr deutlich, dass sowohl Xi als auch Modi um einen harmonischen Umgang miteinander bemüht waren. Denn Zank und Ärger unter den asiatischen Rivalen gibt es genug. China ärgert es beispielsweise, dass Indien dem Dalai Lama noch immer Exil gewährt, auch wenn seine Anhänger keine Dauervisa bekommen. Zudem herrscht militärische Konkurrenz zwischen Delhi und Peking. So versucht Indien durch Rüstungskäufe, sich gegenüber Chinas Militärkraft zu behaupten. Damit importiert Indien zwar soviele Kriegsgeräte wie kein anderes Land weltweit, aber China hatte in diesem Jahr erst sein Militärbudget erhöht. Auch stoßen die Investitionen chinesischer Unternehmen in den Häfen von Sri Lanka und Pakistan bei der indischen Regierung auf Skepsis. Erst kurz vor seiner Indienreise hatte Xi Jinping noch einen Hafen in Sri Lanka besucht, den chinesische Firmen dort bauen. Delhi sieht darin eine immer stärkere Kontrolle der Chinesen über den Seeweg um Indien.

Versöhnliche Worte trotz Provokationen

Und schon seit Jahrzehnten streitet man sich über den genauen Verlauf der 3500 Kilometer langen gemeinsamen Grenze. Im ersten Moment mag da ein Vorfall, der sich ausgerechnet während des Präsidentenbesuchs ereignet hat, an den Ukraine-Konflikt erinnern: Indischen Medienberichten zufolge sollen um die 1000 chinesische Soldaten auf die indische Seite vorgedrungen sein und versucht haben, dort eine Straße zu bauen. Bei den gemeinsamen Gesprächen suchte Xi jedoch nach dieser Provokation nach versöhnlichen Worten und auch Modi war anschließend optimistisch, dass sich eine Lösung finden wird.

Kein Wunder, denn beiden Seiten ist daran gelegen, diese noch recht junge blühende Partnerschaft nicht zu verletzen. Doch vor allem in diesem Punkt fühlt man sich nach dem jüngsten Treffen bekräftigt: Der chinesische Drache und der indische Elefant wollen auf keinen Fall aneinandergeraten, sondern aneinander verdienen. Und für den asiatischen Raum kann es auch nur gesund sein, wenn sich neben China eine weitere Großmacht in Asien etabliert, die ihr wirtschaftlich Konkurrenz bieten kann.

Unser Kolmnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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