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Asien

Kolumne: Learning by doing

Erst schloss die Zentralbank den Geldhahn, jetzt flutet sie den Markt. Beim komplizierten Umbau des chinesischen Finanzsystems wird die Regierung noch einige Male nachbessern müssen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die chinesische Zentralbank dreht den Geldhahn auf und spendiert den Geschäftsbanken 500 Milliarden Yuan, umgerechnet also 63 Milliarden Euro - so die Nachricht, die die Finanzwelt in den vergangenen Tagen aufhorchen ließ. Jede der fünf größten chinesischen Banken bekommt in den verbleibenden drei Monaten des Jahres jeweils 100 Milliarden Yuan überwiesen. Eine Routinemaßnahme, heißt es von offizieller Seite. Schließlich startet am Mittwoch in China die "Goldene Woche" - eine Feierwoche, in der praktisch das ganze Land für sieben Tage herunterfährt und Urlaub macht.

Klingt also plausibel, dass die Menschen für Reisen und zum Shoppen viel Bares brauchen und die Banken ihre Reserven deshalb auffüllen müssen. Aber so viel brauchen sie dann doch nicht: Es geht um weit mehr, als um kurzfristige Liquidität. Und die Ansage zum Gelddrucken kommt von ganz oben. Denn die chinesische Notenbank ist kein unabhängiges Organ, sondern untersteht direkt der Kommunistischen Partei.

Widersprüchliches Signal?

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Auf den ersten Blick scheint die jüngste Liquiditätsspritze deshalb ein widersprüchliches Signal der Regierung. Noch vergangenen Sommer setzte Chinas Präsident Xi Jinping auf ganz andere Methoden: Damals wollte er zeigen, wie ernst er es mit der geplanten Finanzreform meint, bei der Banken privatisiert und die Finanzmärkte nach und nach weiter geöffnet werden sollen. Kurzerhand drehte er den Staatsbanken den Geldhahn zu und prompt verloren sie untereinander das Vertrauen und die Kreditzinsen schossen in die Höhe. Ein Test also, der zeigen sollte, wie es um das System steht. Und tatsächlich gingen die Zinsen nach oben. Aber sonst passierte nichts.

Nun also die Rolle rückwärts? Statt den Hahn zudrehen, den Markt mit Geld fluten. Sind die Reformen also schon zu Ende? Nein, Peking meint es weiterhin ernst mit der angestrebten Reform des Finanzsektors. Doch offenbar hat die Regierung auch erkannt, dass eine Reform mit der Brechstange schnell nach hinten losgehen kann.

Reform in schwieriger Zeit

Peking hat sich für seine angestrebte und auch notwenige Reform des Bankensektors schließlich eine schwierige Zeit ausgesucht: Die Industrie des Landes, die dringend auf Kredite der Banken angewiesen ist, schwächelt. Dass China sein angestrebtes Wachstumsziel von 7,5 Prozent halten kann, wird immer unwahrscheinlicher. Erst im August war die Industrieproduktion so sehr eingebrochen, wie zuletzt während der weltweiten Finanzkrise 2008.

Mit der Geldspritze an die Banken schlägt Peking deshalb jetzt kurzfristig zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens wird das Geld dazu dienen, den Banken den Spielraum zu geben, den sie brauchen, um die angeordneten Reformen umzusetzen. Gleichzeitig sinken aber auch die Kreditzinsen. Womit der chinesischen Industrie, aber auch dem Mittelstand und den unzähligen Start-ups geholfen würde, günstiger an Finanzierungen zu kommen. Das Hin und Her könnte negative Reaktionen auf den weltweiten Finanzmärkten auslösen. Aber es zeigt vor allem, dass auch Chinas Regierung nicht in die Zukunft schauen kann und die einst angeschobenen Reformpläne bei Bedarf nachbessert.

Gerüchte um den Chef der Notenbank

Völlig kopflos ist Peking allerdings auch nicht bei der Sache. Gerüchte, dass nun auch noch der Notenbankchef Zhou Xiaochuan abgesetzt werden soll, haben sicher wenig damit zu tun, dass die Regierung über ihren Reformkurs zerstritten ist, wie es in der vergangen Woche ebenfalls vielfach zu lesen war. Für Zhous anstehenden Abgang gibt es dann doch eine einfachere Erklärung: Er wird bald 67 Jahre alt, höchste Zeit also, um in Rente zu gehen! Noch wird der Abgang allerdings von der Zentralbank dementiert. Denn Zhou hat einen ausgezeichneten Ruf in der internationalen Finanzwelt.

Unser Kolumnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.