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Kultur

Kolumne: Ich bin eine arabische Frau. Werde ich unterdrückt?

Frauen mit Kopftüchern werden im Westen als Unterdrückte einer von Männern dominierten Gesellschaft gesehen. Rim Dawa ist zwar der Meinung, dass ihr Heimatland Syrien zu patriarchalisch ist. Aber das Thema ist komplex.

"Du wirst unterdrückt!" Das ist das Vorurteil, das Menschen in westlichen Gesellschaften gegenüber arabischen Frauen pflegen. Aber sind wir das?

Die Frage erinnert mich an eine Freundin in Syrien, die mir erzählte, dass sie die Etiketten auf Parfüm-Flakons nicht möge. "Es sollte nicht nur Parfüm für Frauen und Eau de Cologne für Männer geben", sagte sie. "Ich bevorzuge Männerdüfte."

Parfumflakons (Foto: Fotolia/DigitalGenetics)

Müssen Parfüms wirklich nach Geschlechtern getrennt werden?

Sie meinte das nicht als Spaß. Natürlich ging es ihr nicht nur um das Parfüm. Ihre Situation ging ihr auf die Nerven, sie wollte ein bisschen Freiheit und Luft zum Atmen.

Sie war Mutter zweier Kinder und früh geschieden worden. Sie hatte jahrelang einen ermüdenden Rechtsstreit um die Kinderbetreuung geführt und wollte nicht mehr das Opfer sein. Sie hatte auch lange nach einem ordentlichen Job gesucht, aber keinen gefunden.

Wie das Patriarchat die Gedanken eines Mädchens beeinflusst

Das ist die harte, patriarchalische Realität des syrischen Systems: Frauen in Schach halten, indem man ihre Arbeitsfähigkeit einschränkt. Genau jene Männer, die das tun, halten große Reden über Menschenrechte. Dabei leben sie gedanklich im Mittelalter.

Als Teenager habe ich, wie meine Altersgenossinen, naive Gedichte geschrieben. Wir trauten uns nicht, den Namen unseres Schwarms zu Papier zu bringen und setzten stattdessen das Wort "Syrien" ein. Ein Land statt eines Jungen, um nicht als unsittlich dazustehen. Jungs durften Mädchen toll finden und mussten sich nicht dafür schämen, ihre Gefühle zu zeigen. Wir Mädchen hatten dieses Privileg nicht.

Zweierlei Maß

Ich werde nie die Blicke und die Kommentare vergessen, die ich bekam, als ich mein erstes Fahrrad ausfuhr - im Alter von 20 Jahren. Als Mann wäre das kein Problem gewesen, aber eine erwachsene Frau auf einem Fahrrad - das war eine Grenzüberschreitung.

Das war natürlich nur der Anfang. Es war für Frauen auch tabu, allein zu leben, allein zu reisen oder spät abends alleine draußen zu sein. An vielen Orten dürfen Frauen nicht einmal männliche Freunde haben. Und weiterführende Schulen sind nach Geschlecht getrennt.

In Deutschland bewundere ich vor allem Frauen mit politischen Ämtern - nicht zuletzt Kanzlerin Angela Merkel -, denn ich erinnere mich nicht an eine einzige Frau im syrischen Parlament oder einem Ministerium.

Die große Kopftuchdebatte

Video ansehen 02:06

Bikini oder Burkini?

Als die Burkini-Kontroverse in Europa aufkam und es um das Verbot von Ganzkörper-Badeanzügen muslimischer Frauen in Schwimmbädern ging, dachte ich an eine weitere syrische Freundin.

In Deutschland hörte sie sehr lustige Fragen zu ihrem Hijab; ob sie eigentlich Haare darunter habe und ob sie mit dem Kopftuch duschen müsse.

Andere baten sie, ihn abzunehmen, da sie ja jetzt in Deutschland sei und frei, dies zu tun. Es war schwer, ihnen beizubringen, dass das Tragen des Hijab ihre persönliche Entscheidung war. Sie war nicht dazu gezwungen worden.

Obwohl ihr Haar bedeckt ist, ist sie sehr offen, ehrgeizig und gebildet. Für viele Deutsche und Europäer bleibt der Hijab jedoch ein Symbol der Unterdrückung.

Warum ich keinen Hijab trage

Hier in Deutschland musste ich - im Gegensatz zu meiner Freundin - oft erklären, warum ich kein Kopftuch trage.

Ich bin in der ziemlich liberalen Stadt Salamiyya aufgewachsen, wo Kopfbedeckungen für Frauen kein Zwang sind. In anderen Regionen, wie Hama zum Beispiel, trug ich einen Hijab, um die lokalen Bräuche zu respektieren.

Manche Frauen tragen Kopftuch aufgrund ihrer eigenen religiösen Überzeugung, andere wollen es wegen ihrer Ansichten oder ihrer Erziehung nicht tun. Für mich ist der Hijab eine Entscheidung der Frau, nicht ein Symbol der Unterdrückung durch das Patriarchat.

Uns werden genug andere Freiheiten von Männern verwehrt. Und auch wenn es in meiner Gemeinschaft keinen Kopftuchzwang gab, war der Rest unserer Freiheiten eingeschränkt.

"Ich werde niemals nachgeben"

Wenn ich so zurückdenke, freue ich mich über die kleinen Fortschritte, die die syrische Gesellschaft auf dem Weg zu Gleichberechtigung gemacht hat. Obwohl es keine Gesetzesänderungen gab und die Männer immer noch am Drücker sind, fällt mir auf, dass es eine steigende Zahl an syrischen Frauen gibt, die sich ihrer Rechte bewusst sind - wie meine Freundin, die auf Männerdüfte steht.

Frankreich Burkini (Foto: picture-alliance/AP Photo)

Kopftuch ist eine Frage der Entscheidung, nicht der Unterdrückung, meint Rim Dawa

Ich hoffe, dass immer mehr Frauen ihre Stimme finden und sich nicht nur frei fühlen, sondern ihre Freiheiten auch ausleben. Meine Freundin in Syrien versucht noch immer, das Land zu verlassen, um ihre Kinder vor dem Krieg zu schützen, aber der Kindsvater verweigert sein Einverständnis. Sie wird trotzdem nicht aufgeben. Stattdessen sagt sie: "Ich werde zwar unterdrückt, aber ich werde niemals nachgeben."

Ich kann ihr Leid verstehen, denn auch ich wurde nur wegen meines Geschlechts in Syrien unterdrückt. Hier in Deutschland fühle ich mich sicher, geschützt und frei das zu tun, was ich will. Aber ich werde trotzdem eine Zeit lang nicht mit dem Rad zur Arbeit fahren - zumindest, bis meine blauen Flecken von meinem letzten Sturz verheilt sind.

Rim Dawa ist in Salamiyya, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie kam 2012 nach Deutschland, um ihren Masterabschluss in Internationalen Medienwissenschaften zu machen. Zurzeit ist sie als Journalistin für die arabische DW-Redaktion tätig.

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