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Berlin 24-7

Kolumne: Berlin im Kunstrausch

Die Berliner Schnauze ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Jetzt wurde sie zum Kunstwerk. Am Kottbusser Tor protestieren Berliner mit einer Kunstaktion gegen Junkies. DW-Kolumnist Gero Schließ ist beeindruckt.

Man findet sie in Berlin überall: Auf der Straße, in U-Bahnschächten, am Laternenpfahl, auf Mauerwänden, zuweilen auch am stillen Örtchen: Kunst und Kreativität in Überfülle. Und das ganz abseits der staatlich geförderten Kunsttempel.

Berliner Schnauze als Kunstwerk

Man sieht ein Augenpaar, vergrößert auf einem Transparent, das am Balkon herunterhängt

Augen am Balkon: Anwohner am Kottbusser Tor wollen auf ihr Anliegen aufmerksam machen

Das Füllhorn an Kreativität: Wer hätte gedacht, dass es gerade am - nun, etwas schäbigen - "Kotti" (so nennen die Berliner das Kottbusser Tor) ein paar edle Tropfen vergießt. Dort, mitten in Kreuzberg, bei einem sonntäglichen Spaziergang, starren mich plötzlich große Augenpaare an. Einige scheinen mich mit ihrem Blick zu durchbohren, andere schauen ernst oder besorgt. Fröhlich oder lächelnd blickt keiner drein. Es sind um die 20 überdimensionale Augenpaare, die auf Transparenten von den Balkonen einer großen Hausfassade hängen. Warum das? Ich frage einen älteren, verhärmten Rollstuhlfahrer, der sich gerade mühsam an den heruntergekommenen Geschäften vorbei Richtung "Kotti" schiebt: "Die schauen, was da so passiert", sagt er. "Die wollen wieder Verhältnisse haben wie früher, als die Junkies ihre Spritzen weggeräumt hatten." Ich stutze. Dann erfahre ich mehr.

Kolumne Berlin 24/7 Kunstaktion Augenblicke am Kottbusser Tor (DW/G. Schließ)

Bewohner am "Kotti" protestieren mit Transparenten gegen die einseitige Wahrnehmung als Drogen-Hotspot

Die Augenpaare gehören zu Bewohnern des sogenannten "Zentrum Kreuzberg", einem Bau aus den 1970er Jahren, in dem mehr als 1200 Mieter wohnen. Dass sie so ernst schauen, hat seinen Grund. Der "Kotti" ist Knotenpunkt für Drogendealer und Kriminelle. Berlins härtester Drogenumschlagplatz. Und seit den 1990er Jahren haben sich die Junkies in den Treppenaufgängen dieses Miet-Komplexes eingenistet. "Wir wollen zeigen, dass hier Menschen leben, dass das Kottbusser Tor mehr ist als eine Projektionsfläche für alles, was in der Stadt schief läuft", zitiert die Zeitung B.Z. einen Bewohner. Und sie wollen mitreden über die Zukunft ihres Kiezes.

Ich bin beeindruckt. Dort, wo Stadt und Polizei die Bürger im Stich lassen, versinken die Leidtragenden nicht in Frust, sondern werden aktiv - in diesem Fall auch künstlerisch. Tja, so originell kann sich der Berliner Bürgersinn artikulieren: Berliner Schnauze eben, diesmal sogar als Kunstwerk.

Im Kunst-Rausch

Man sieht Besucher an einer Balustrade stehen, dahinter große Wandmalereien von Gesichtern in Schwarz-Weiß

Luciano Castellis spektakuläre Wandmalereien im Berliner Kaufhaus Jandorf

Verglichen mit dem "Zentrum Kreuzberg" wirkt das Kaufhaus Jandorf in Berlin-Mitte wie eine Sommerfrische. Früher nannte man es die kleine Schwester des KaDeWe. Und dann residierte hier sogar mal das DDR-Modeinstitut (nun, es gab zwar keine Mode in der DDR, aber immerhin das Institut dafür). Zuletzt wurden hier Partys und Kunstevents zelebriert. Ach ja, vor der Bundestagswahl ging es besonders kunstvoll zu: da war das begehbare Parteiprogramm der CDU zu besichtigen. An diesem Abend - er nennt sich "Kunstherbst Jandorf", mitorganisiert von der Berliner Galerie Deschler - ist der 1904 errichtete Bau die herrlich-morbide Bühne für ein grandioses Kunstspektakel: Nein, ich meine nicht die Fotoporträts von Sven Marquardt, dem berüchtigten Türsteher des Berliner Technoclubs Berghain, der in einem Seitentrakt ausstellt. Meine volle Aufmerksamkeit gilt Luciano Castelli, der in Paris lebt und in Berlin kein Unbekannter ist. Fünf Tage und Nächte, sagte er mir, habe er im Jandorf gemalt. Es müssen Tage und Nächte des Rausches gewesen sein. Wenn auch vorwiegend mit dem Besenstil in der Hand - an dessen Ende ein breiter Malerpinsel montiert war. Nun, anders hätte Castelli die riesigen Betonwände nicht so schnell verpinseln können.

Man sieht den Maler Luciano Castelli als jungen Mann in eng anliegenden goldenem Glitzeranzug

In den 1980ern zählte er zu Berlins "Jungen Wilden": Luciano Castelli im Selbstporträt

Entstanden sind großflächige Szenen vorwiegend in Schwarz-Weiß, ganz in der Tradition der Murals: Figuren, Körper und Gesichter. Manche ähneln seiner Ehefrau Alexandra und seinem Sohn Leandro: expressiv, sinnlich, provokativ.

Achtziger reloaded

Und plötzlich sehe ich darin auch Castellis Berliner Punk-Vergangenheit aufscheinen, als er in den 1980ern mit den "Jungen Wilden" die Kunstszene aufmischte. Und sich in Selbstaufnahmen lasziv-erotisch als Toy-Boy inszenierte. Alles sei an diesem Abend fast wie damals zur Mauerzeit, erzählt mir die Berliner Malerin Martina Goldbeck, die ich gerade kennenlerne: "Kaputte Gebäude, an den Wänden was geschmiert, Leute stehen rum, es gibt was zu Saufen." Nur mit einem Unterschied: Damals gab es keinen VIP-Einlass. 

 Kolumne Gero Schließ mit verschränkten Armen in schwarzem Sakko blickt den Betrachter freundlich lächelnd an

Berlins Kunstszene überrascht auch Gero Schließ immer wieder

Und noch etwas ist anders: Nach einer Woche wird Luciano Castelli seine Malereien wieder überpinseln. Alles wird weiß, so wie vorher. Als wäre diese rauschhafte Woche nur ein Spuk gewesen.

Und ich lerne etwas dazu: Von wegen Überfülle. Es gibt eben doch noch Orte in Berlin, wo von der Kunst am Ende nichts mehr übrig bleibt.

 

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