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Berlin 24-7

Kolumne Berlin 24/7: Meine drei schönsten Berliner Konzertsäle

Berlin ist die Stadt der Musik - mit unzähligen Konzertsälen. Aber es gibt drei, die unser Kolumnist Gero Schließ besonders liebt. Sie sind so unterschiedlich wie das Musikleben in Berlin selbst.

1. Der Pierre Boulez Saal für Daniel Barenboim 

So lässig kam noch kein Konzertsaal in Berlin daher. Von innen erinnert mich der neue Pierre Boulez Saal der Barenboim-Said-Akademie an einen übergroßen Schlapphut. In sanftem Auf und Ab umrunden die oberen Publikums-Galerien den ovalen Bühnenraum (s. Artikelbild). Keine rechten Winkel, keine geraden Linien, soweit das Auge reicht. Daniel Barenboim, der hier noch viel Musik machen wird, nennt den Saal einen Ort für das "denkende Ohr". Ich finde, er ist erst einmal ein Ort für das kreisende Auge. In diesem Saal ist alles in Bewegung und durchlässig für die Musik, den Klang, die gesamte Energie, die von den Musikern auf der Bühne ausgeht.

Deutschland Eröffnungskonzert des Pierre Boulez Saals in Berlin (DW/G. Schließ)

Das Eröffnungskonzert des Pierre Boulez Saals

Ein Geniewurf der Nonchalance. Stararchitekt Frank Gehry hat mit dem neuen Pierre Boulez Saal einen Raum geschaffen, in dem die Vision des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim zum Ausdruck kommt: Grenzen zwischen Menschen, Kulturen und Ideologien mit Hilfe der Musik überschreiten. So kommen die Studenten der Barenboim-Said Akademie, die hier proben und spielen, aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens. Israelis und Araber vereint - zumindest hier.

Die Berliner haben mit dem Pierre Boulez Saal ein neues Lieblingskind. Der Hype seit der Eröffnung am 4. März ist gewaltig. Und auch ich bin ihm gleich verfallen: Mit seiner warmen Verkleidung in Holztönen ist er ein Wohlfühlraum. Sofort ist man ganz nah bei den Musikern und der Musik. Beim Vorkonzert im vergangenen Jahr war das so. Und auch jetzt beim fulminanten Eröffnungskonzert mit viel moderner Musik von Boulez bis Berg. Der Klang ist durchsichtig, ausbalanciert. Soundtest bestanden! Der japanische Akustik-Guru Yasuhisa Toyota hat ganze Arbeit geleistet.

Ich versichere, die erste Saison ist voller Höhepunkte: Neben den Studenten der Barenboim-Said Akademie konzertieren auffällig viele Promi-Pianisten wie Martha Argerich, Lang Lang oder András Schiff - und immer wieder der großartige Daniel Barenboim.   

2. Der Piano Salon Christophori

Hitorische Flügel im Piano Salon Christophori in Berlin (H. Seyring)

Historische Flügel im Salon Christophori

Ein weiterer Lieblings-Konzertsaal von mir ist der Piano Salon Christophori. Dieser Konzertort ist Kult. Vollgestopft mit Instrumenten, Noten und staubigen Stofflampen, erinnert er mich an Omas Wohnzimmer. Doch der erste Eindruck täuscht. Genaugenommen ist dieser Ort dreierlei: eine Piano-Werkstatt, ein Ausstellungsort für historische Klaviere (Bartolomeo Christophori gilt als der Erfinder des Hammerklaviers) und eine Konzertbühne. An den abendlichen Konzerten verbreitet sich eine wunderbar heimelige Stimmung. Bevor es los geht, hole ich mir ein Bier oder ein Glas Wein. Alkoholkonsum während der Aufführung ist erwünscht.

Wenn ich dicht an dicht, auf kleinen klapprigen Stühlen sitzend, der Musik lausche, fühle ich mich wie in einer verschworenen Gemeinschaft. Hier habe ich immer wieder die Chance, Entdeckungen zu machen und jüngere, noch nicht etablierte Musiker zu hören. Christoph Schreiber, der im Hauptberuf Arzt ist und den Salon für Kammermusik betreibt, präsentiert erstaunliche Talente. Etwa den Pianistin Severin von Eckardstein oder auch die am Beginn ihrer Karriere stehende Geigerin Natalia Prishepenko. Wer einen entspannten Abend mit inspirierenden Aufführungen erleben will, der ist hier richtig.

3. Die Berliner Philharmonie

Die Berliner Philharmoniker (Sebastian Hänel)

Die Philharmonie: Heimstatt der Berliner Philharmoniker

Sie ist und bleibt für mich die Königin der Konzertsäle: Die Berliner Philharmonie ist nicht zu übertreffen. Auch die neue Elbphilharmonie vermag es nicht, in Sachen Akustik an sie heranzukommen. Das jedenfalls sagen mir meine Freunde, die schon beide Konzertsäle erlebt haben.

Im Gegensatz zum Pierre Boulez Saal hat der vom Architekten Hans Scharoun entworfene Bau schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel. Um genau zu sein, wurde er 1963 eröffnet, damals ganz nah an der Berliner Mauer, als Zeichen des West-Berliner Behauptungswillens. Mit den Berliner Philharmonikern ist hier Deutschlands berühmtestes Orchester zu Hause. Immer wieder schrieben sie in den heiligen Hallen der Philharmonie Musikgeschichte. Unvergessen - und leider weit vor meiner Zeit - ist ein denkwürdiges Konzert im Jahre 1979 mit Leonard Bernstein: Er dirigierte damals Gustav Mahlers 9. Sinfonie. "Die Aufführung meines Lebens", schwärmt ein Philharmoniker bis heute.

08.2016 Kolumne Gero Schließ

Der Favorit unter den Berliner Konzertsälen ist für DW-Kolumnist Gero Schließ unangefochten die Berliner Philharmonie

Wenn ich selber an meine unvergessenen Philharmonie-Momente zurückdenke, dann lande ich ebenfalls bei Gustav Mahler und seinen Weltschmerz-Sinfonien. Aber es war nicht Leonard Bernstein, sondern der Karajan-Nachfolger Claudio Abbado, der mir mit suggestiven Interpretationen die Schauer über den Rücken trieb. Auch die legendäre Aufführung von Rossinis "Reise nach Reims" unter Abbados Leitung, bei der die Sänger im Publikum standen, klingt noch nach. Überhaupt bietet die Berliner Philharmonie mit ihren verschiedenen Ebenen glänzende Voraussetzungen für halbszenische Opernaufführungen: Vor wenigen Wochen inszenierte der Regisseur Peter Sellars die Oper "Le Grand Macabre" von György Ligeti, eine groteske Parabel auf Krieg und Tod.

Aber das Philharmonie-Erlebnis schlechthin ist und bleibt für mich die einzigartige Raumakustik: Sie eröffnet den Philharmonikern unvergleichliche Möglichkeiten zur Klangentfaltung. Ich kenne viele Konzertsäle in der Welt: Moskau, Paris, London, São Paulo, Tokio oder New York. Nirgendwo klingt es wie in meiner geliebten Berliner Philharmonie.

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