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Berlin 24-7

Kolumne Berlin 24/7: Bundeskulturpräsident Steinmeier

Er galt als der "zweite Kulturminister" in Merkels Kabinett: Ex-Außenminister Walter Steinmeier baut auf die Kraft des kulturellen Dialogs. Das könnte ihm helfen, ein guter Bundespräsident zu werden, meint Gero Schließ.

Kurzschluss  oder Weitsicht? Künstler wie Mario Adorf oder Sönke Wortmann waren sich schnell einig: Als bekannt wurde, dass die SPD den bisherigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten küren wollte, sangen sie öffentlich ein Loblied auf ihren Favoriten. Der Text ging ungefähr so: Steinmeier habe Leidenschaft für Kunst und Kultur und sei somit der Richtige für die Nachfolge von Joachim Gauck.

Steinmeier und der "Wind of change"

08.2016 Kolumne Gero Schließ

Kolumnist Gero Schließ beobachtete Frank-Walter Steinmeier viele Jahre lang.

Der früherer Bundespräsident Walter Scheel trällerte Mitte der 70er Jahre "Hoch auf dem gelben Wagen". Und Frank-Walter Steinmeier? Sollte er jetzt nach dem Willen seiner Unterstützer den von den Scorpions besungenen "Wind of Change" herbei pfeifen, als gefällige Muse seines Parteifreundes Martin Schulz? 

Aber halt! Hinterfragen wir seine Kulturkompetenz angesichts der Würde des Amtes politisch korrekt. Also: Hat sich der gelernte Jurist Frank-Walter Steinmeier als kunstsinniger "Homo culturalis" bereits profiliert? Oder sind das vorschnell verschossene Lorbeeren?

Zugegeben: Ich schaue Steinmeier nicht über die Schulter, wenn er beim abendlichen Rotwein seinen Bücherschrank öffnet. Ob er Kafka oder Konsalik liest, weiß ich nicht. Aber eins weiß ich aus nächster Anschauung: Neben Kulturstaatsministerin Monika Grütters war Frank-Walter Steinmeier sozusagen der zweite Kulturminister in Angela Merkels Kabinett.

Steinmeier Besuch einer Partnerschule des Goethe Instituts 02.11.2014 (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Steinmeier spricht in Jakarta 2014 auf dem Fest einer Partnerschule, die vom Goethe Institut betreut wird

Kein Außenminister vor ihm hat das von Willy Brandt geprägte Wort von der Auswärtigen Kulturpolitik als "dritter Säule" der Außenpolitik stärker in reale Politik umgesetzt. "Arbeiten an der Weltvernunft" hat Steinmeier das genannt. Dabei hat er das veraltete Konzept von Auswärtiger Kulturpolitik als schönem Schaufenster der Kulturnation Deutschland rasch entsorgt. Stattdessen forcierte er mit Hilfe der Goethe-Institute den Dialog mit der Zivilgesellschaft - etwa in schwierigen Ländern wie Russland, Türkei oder China. 

Kultureller Austausch bringt friedliches Miteinander

Die "Soft Power" des kulturellen Austausches sollte friedliches Miteinander und Verständnis in eine Welt bringen, die immer unübersichtlicher und gefährlicher wird. Das ging auch mal schief. Etwa bei Steinmeiers Vision, die Sammlung der Iranerin Fahrah Diba nach Berlin zu holen. Mit ihr wollte er nach dem Nuklear-Abkommen die Öffnung des Irans vorantreiben. Die Mullahs stellten sich quer, die Ausstellung musste abgesagt werden.

Besser lief es für Steinmeier bei der überfälligen Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit, deren blutige Exzesse wir lange verdrängt haben. Die schwierigen Verhandlungen mit den Nachfahren der von den deutschen Kolonialherren brutal dezimierten Herero und Nama stehen jetzt offensichtlich vor dem Abschluss.

Deutschland Berliner Korrespondenzen - Außenminister Steinmeier (DW/G. Schließ)

Steinmeier mit Achille Mbembe (rechts von ihm), dem Theoretiker des Postkolonialismus aus Kamerun.

Wichtig auch der Einsatz für Palmyra und andere syrische Antikenstätten, die im Krieg schwer beschädigt wurden. Steinmeier initiierte ein "Expertentreffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien". Dahinter verbarg sich nicht der Gutmensch in ihm, sondern der messerscharf kalkulierende Politiker. Mit der Besinnung auf das Weltkulturerbe wollte er helfen, die nationale Identität eines Nachkriegssyriens zu wahren.

Der neue Bundespräsident ist kein "harter Hund"

Halten wir kurz inne und ziehen Bilanz: Frank-Walter Steinmeier agierte glaubwürdig. Er hat sich redlich sein Kulturdiplom verdient. Aber ist das in diesen Krisen geplagten Zeiten ein hinreichendes Qualifikationsmerkmal, zumal für das Staatsoberhaupt des größten und mächtigsten Landes in EU-Europa? Oder bräuchten wir nicht doch eher einen Bundespräsidenten der Marke harter Hund, der den Trumps und Putins dieser Welt Paroli bietet?

Frank-Walter Steinmeier ist ein netter Mensch, freundlich im persönlichen Umgang. Ein einziges Mal hat er den harten Hund geben wollen. Das war - ausgerechnet -  bei Donald Trump. Steinmeier nannte ihn einen Hassprediger. Und als Trump gewählt war, weigerte er sich, ihm zu gratulieren. Das war nun ziemlich kindisch und erinnert an einen heftig Pubertierenden, der sich weigert, Realitäten zu akzeptieren.

Fotografie von Konrad Rufus Müller Ausstellung Über Schreibtische Steinmeier (Konrad R. Müller)

Frank-Walter Steinmeier an senem Schreibtisch im Auswärtigen Amt, fotografiert von dem bekannten Politiker-Fotografen Konrad Rufus Müller

Steinmeiers eigentliche Stärke ist aber nicht die raue Kante. Da wäre Horst Seehofer die Idealbesetzung. Nein, Steinmeier steht für den fast schon manischen Glauben an die Kraft des Dialogs. Und das ist gut so!

Ich bin sicher, er wird auch als Bundespräsident auf die Kultur des Ausgleichs und des intellektuellen Kräftemessens setzen - unermüdlich, bis zur Erschöpfung.

Steinmeiers Aura der Zivilität 

Sönke Wortmann und Mario Adorf wissen gar nicht, wie recht sie haben: Die Leidenschaft für Kunst und Kultur ist eine exzellente Voraussetzung für einen Bundespräsidenten. Denn sie geht bei Steinmeier einher mit einer Aura der Kultiviertheit und der Zivilität. Und das ist ein unschätzbarer Vorzug, den ich bei unserem neuen Bundespräsidenten nicht missen will - gerade jetzt bei einer öffentlichen Konversation, die immer roher und zügelloser wird, international wie national.

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