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Berlin 24-7

Kolumne: Auf ein besseres Miteinander in Berlin!

Achtlosigkeiten sind ärgerlich und erschweren das Leben. Unserem Kolumnisten Gero Schließ fällt das in Berlin an vielen Stellen auf. Er ist überzeugt: Es ginge auch anders. Selbst in Berlin.

New York, Wallstreet Ecke Waterstreet: Ich habe keinen Blick für die hochschießenden Wolkenkratzer. Auch nicht für die vielen Banker, die aus der Mittagspause zurück an den Schreibtisch eilen. Stattdessen studiere ich die engbedruckte Stadtkarte in meiner Hand. "Hey, can I help you?" Ich schrecke kurz auf. Neben mir steht ein jüngerer Mann im dunklen Anzug. Wie nett, denke ich. Ich suche eines der Steakrestaurants hier im Umkreis, sage ich und nenne ihm den Namen.

Willkommen in New York

Er googelt das Restaurant in seinem Handy und beschreibt mir ziemlich genau den Weg. Dann eilt er davon. Wie gerne hätte ich ihn zum Essen eingeladen.

Wall Street Straßenschild (picture alliance/A. Gombert/EPA/dpa)

New Yorker Wall Street: You're welcome!

Thanks a lot! Gleich fühle ich mich mit offenen Armen aufgenommen in dieser Megastadt.

Ok, jetzt wird es noch etwas pathetischer. Ich kann mein Gutmenschentum eben nicht unterdrücken. Sich um den anderen zu kümmern, obwohl man ihn gar nicht kennt: Diese spontane Empathie hat mich immer wieder in den USA begeistert.

Willkommen in Berlin?

Sie glauben, in Berlin wäre das undenkbar? Berliner Schnauze und so? Seien wir ruhig etwas nachsichtig. Es gibt sie die unhöflichen Berliner, aber seltener. Da wären allerdings noch die Berliner Autofahrer, die in ausgelassenen Hupkonzerten herzlich Anteil nehmen an den Fahrversuchen des orientierungsschwachen Neuberliners.

Mir kommt aber eher die Dame in den Sinn, die nach meinem Einkauf hinter mir herläuft und fragt: "Ist das Ihr Schirm?" Oder neulich "Unter den Linden" auf dem Rad, als mir ein anderer Fahrradfahrer beim Überholen zuruft: "Pass auf, von deinem Gepäckträger hängt was runter, das könnte in die Speiche kommen." Oder als ich beim Bäcker war, ohne Geld in der Tasche. Eine wildfremde Frau reichte mir 10 Euro und sagte, ich könne das Geld ja morgen für sie im Bäckerladen hinterlegen.

Pfandflaschen für Obdachlose

Obdachloser hat sein Quartier unter einer Brücke aufgeschlagen (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Obdachlose sollten nicht in Mülleimern wühlen müssen

Das war supernett. Leider ist Berlin aber beileibe nicht die himmlische Hauptstadt. Nicht immer läuft es so gut ab. Es war ein Kollege vom Berliner Tagesspiegel, der mir die Augen öffnete für die vielen kleinen Dinge, die wir übersehen. Und damit machen wir es anderen unendlich schwer.

In einem Artikel fragte er, warum wir eigentlich Pfandflaschen in den Mülleimer werfen? Arme und Obdachlose würden so gezwungen, mit ihrer bloßen Hand in Essensresten oder Plastikabfall zu wühlen – auf der Suche nach 25 Cent Nebenverdienst in Form einer Pfandflasche. 7000-10.000 Obdachlose gibt es in Berlin und noch viel mehr Menschen, die in Armut leben.

Für sie wäre es menschenwürdiger, würden wir die Pfandflaschen neben die Abfalleimer auf den Boden stellen. Säuberlich aufgereiht und abholfertig.

Tiere in der Berliner Straßenbahn

Bahn und Hund laufen parallel zueinander die Straße entlang (Imago)

Tun sich schwer mit Hunden: Berliner Verkehrsbetriebe

Achtlos sind die Berliner, genau genommen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), auch gegenüber Vierbeinern. Neulich, in überfüllter Straßenbahn, trat ich einem großen schwarzen Hund auf die Hinterläufe. Autsch! Er lag zusammengekauert auf dem Boden. Der Hund jaulte auf. Ich habe seinen Schmerz förmlich gefühlt. Die BVG weist in ihren Bahnen Platz für Fahrräder aus. Warum tut sie das nicht auch für Hunde? Immerhin leben mehr als 250.000 von ihnen in Berlin.

Wenden wir uns zum Schluß nochmal den Zweibeinern zu, insbesondere den Kulturaffinen unter ihnen. Wie oft gehe ich ins Konzert zu den Berliner Philharmonikern. Ein Weltklasseorchester mit vielen jungen Musikern. Natürlich haben die auch Kinder. Aber keiner von ihnen denkt daran, jungen Eltern den Konzertbesuch zu erleichtern.

Kinderbetreuung beim Philharmoniekonzert

Portrait Gero Schließ

Gero Schließ wünscht sich mehr Achtsamkeit von den Berlinern

Die Philharmoniker könnten Kinderbetreuung anbieten. Genug Räume gibt es in der Philharmonie. Und auch der Etat von mehr als 20 Millionen Euro jährlich sollte das hergeben. Im gerade unterschriebenen Hauptstadtkulturvertrag zwischen Bund und Land Berlin wurde er sogar nochmals kräftig angehoben. Allerdings nicht für Kinderbetreuung. Aber: Warum schaffen die erstklassigen Philharmoniker nicht, was in einem zweitklassigen Fitnessstudio möglich ist?

Berlin ist nicht New York. Ich weiß schon. Das berüchtigte Berlin-Gen steht dagegen. Die hassgeliebte Berliner Schnauze. Aber ein bisschen mehr New York dürfte es schon sein! Und so ganz hoffnungslos ist es ja nicht. Denn Sie wissen ja, ich habe es an dieser Stelle schon geschrieben: Berliner Schnauze kann auch freundlich.

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