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Asien

Kolumne: Ökostrom-Weltmeister China

Nirgends wird mehr grüne Energie produziert als in der Volksrepublik – trotzdem bleibt noch viel zu tun, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Kein Land hat einen größeren Energiehunger als China. Und gestillt wird dieser Hunger bis heute vor allem durch die traditionellen Rohstoffe Öl, Gas und vor allem Kohle. 70 Prozent der Energieversorgung Chinas basieren auf Kohle. Doch wenn Kohle zu Strom verwandelt wird, entsteht viel CO2. Und es wird immer schwieriger, Gas und Öl in all den Krisenregionen rund um den Globus zu beschaffen. Im Fall des Ukraine-Konfliktes ist das Spiel zwar nochmal gut ausgegangen für die Chinesen. Weil Russland fürchtet, bald nicht mehr an den Westen verkaufen zu können, bietet es China sein Gas jetzt zum Discountpreis an.

Anders die Krise im Irak: Dort hat jetzt die Terrorgruppe IS das Sagen und destabilisiert die Region zunehmend. China, der mittlerweile größte Öl-Käufer im Nahen Osten, muss also um seinen Nachschub bangen. Insofern wird man in Peking erleichtert sein, dass zumindest ein anderes Projekt gut vorankommt: Schon vor Jahren hat die Regierung beschlossen, die erneuerbaren Energien stark auszubauen. Und schon jetzt, zwei Jahre früher als geplant, generiert China 30 Prozent seiner Energie mit Wasser-, Sonnen- oder Windkraft. Prozentual ist das bereits jetzt etwa so viel wie in Deutschland. Und die Chancen stehen gut, dass China noch in diesem Jahr am bisherigen Ökostromweltmeister vorbeiziehen wird.

Löwenanteil des Ökostroms aus Wasserkraft

In absoluten Zahlen ist bereits alles klar: 378 Gigawatt Öko-Strom - doppelt soviel wie die USA mit 172 Gigawatt und viermal soviel wie Deutschland mit 82 Gigawatt - kann China derzeit produzieren. Es läuft so gut, dass die Regierung schon für das Jahr 2017 die Ziele angehoben hat und die Kapazitäten der Erneuerbaren auf 550 Gigawatt ausbauen will. Doch zu sehr sollte man sich in Peking noch nicht auf die Schulter klopfen. Einige Probleme sind erst noch zu lösen: Der Löwenanteil, nämlich fast zwei Drittel des produzierten Ökostroms, wird momentan noch mit Wasserkraftwerken gewonnen.

Und die Kapazitäten in diesem Bereich dürften erst mal auch noch weiter steigen: Im kommenden Jahr soll der Jinping-1-Staudamm fertiggestellt werden, der dann mit über 300 Metern der höchste Staudamm der Welt sein wird und zudem noch 3600 Megawatt Strom erzeugen soll. Solche Projekte sind umstritten, weil ein Großteil des Wassers, das die Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung brauchen, aus Flüssen kommt, die ihre Quellen im Himalaja haben. Erwärmt sich die Erde weiter, wird von dort von Jahr zu Jahr weniger Schmelzwasser in die Täler fließen, und auch die Pegel der Stauseen werden sinken. Und schon jetzt beschweren sich Chinas Nachbarn, die ebenfalls auf das Wasser aus dem Himalaja angewiesen sind, dass immer weniger bei ihnen ankommt.

Deutschland darf sich nicht abhängen lassen

Daraus können ernste politische Konflikte entstehen. Hier muss Peking also nachjustieren und statt auf Wasserkraft noch mehr auf Sonne und Wind setzten. Denn am Ende bringt es natürlich nichts, sich vom Nahen Osten unabhängig zu machen, dafür aber einen neuen Krisenherd direkt vor der eigenen Haustür in Kauf zu nehmen. Doch auch im Westen sollte man sich Gedanken machen. Deutschland mag mit seiner Energiewende noch eine Weile mit China mithalten können. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr abhängen lassen und am Ende zusehen müssen, wie China uns die Technologieführerschaft bei grünen Energien abnimmt.

Peking scheint mehr und mehr klar zu werden, dass die meisten Ergebnisse der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre schnell zunichte gemacht werden können, wenn die grüne Revolution nicht gelingt. Schließlich ist China nicht nur Ökostrom-Weltmeister, sondern gleichzeitig auch in Sachen Umweltschäden und Luftverschmutzung die Nummer eins in der Welt. Diesen Titel will Peking loswerden, was nicht einfach werden wird. Denn das ist der Preis des Wachstums.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.