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Amerika

Kolumbiens FARC-Guerilla am Abgrund

Kolumbiens Militärs jubeln, der neue Staatschef Santos kann einen ersten großen Erfolg verbuchen: FARC-Militärchef "Mono Jojoy" wurde bei einem Luftangriff getötet - das militärische Ende der Guerilla?

Víctor Julio Suárez Rojas 2001 (Foto: AP)

Galt als militärischer Kopf der Guerilla: Víctor Julio Suárez Rojas, genannt: "Mono Jojoy"

Kolumbiens größte und zugleich regierungsnahe Tageszeitung "El Tiempo" warnt ihre Leser vor dem Klicken durch die Fotogalerie: "Der Anblick der Bilder könnte ihre Empfindungen verletzen". Wie eine Trophäe hat das kolumbianische Militär die Leiche von "Mono Jojoy" zur Schau gestellt. Die Fotos des blutüberströmten Körpers von Militärchef Víctor Julio Suárez Rojas alias Jorge Briceño sollen beweisen, dass einer der größten Staatsfeinde tatsächlich tot ist. Der 57-Jährige sei bei einem Angriff der Luftwaffe in der Region von Macarena in der zentralen Provinz Meta getötet worden, bestätigte Innen- und Justizminister Germán Vargas Lleras in der Hauptstadt Bogotá.

Verteidigungsminister Rodrigo Rivera (re.) und Nationalpolizeichef Naranjo schlagen ein (Foto: AP)

Zufrieden: Verteidigungsminister Rodrigo Rivera (re.) und Polizeichef Naranjo

Die Nachrichten überschlagen sich am Donnerstag in der kolumbianischen Hauptstadt. Wo ein öffentlicher Fernseher zugänglich ist oder ein Radio steht, bilden sich Menschentrauben. Jorge Briceño war für viele Kolumbianer der Inbegriff des Terrors. Es ist der Mann, der hinter so vielen Bombenattentaten, Entführungen und Morden der FARC-Guerilla stand, dass der überwiegende Teil der Kolumbianer für den auf Fotos so sympathisch wirkenden Schnurrbartträger nur eines empfindet: Hass. Die Menschen klatschen Beifall, pfeifen und umarmen sie sich. "Das ist das Ende der FARC", jubelt ein Zollbeamter am Flughafen El Dorado in Bogota, als er die Nachricht über einen der Bildschirme flackern sieht.

Santos: "Symbol des Terrors ist gefallen."

Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos feiert die Militäroperation, bei dem "Mono Jojoy" und weitere rund 20 führende Guerilla-Kämpfer getötet worden, als den größten Schlag gegen die FARC in der Geschichte: "Das Symbol des Terrors ist gefallen." Es ist der bislang größte Erfolg des ehemaligen Verteidigungsministers in seiner nur kurzen, wenige Monate währenden Amtszeit.

Doch in die militärische und politische Euphorie mischen sich auf nachdenkliche Stimmen. Die liberale, oppositionelle Senatorin Piedad Cordoba, die über gute Kontakte zu den FARC verfügt, sprach von einem kriegerischen Akt der Regierung, die dem Frieden im Lande nicht unbedingt dienlich sei. Die kolumbianischen Bischöfe, die zuletzt nach jahrelanger Funkstille, wieder einen guten Draht zur ältesten Guerilla-Organisation Lateinamerikas gefunden hatten, mahnte die Guerilla und die Regierung nun endlich einen wahrhaftigen Friedensprozess einzuleiten. "Vielleicht ist das der Moment, um in einen politischen Prozess der Reflexion einzutreten", sagte der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Ruben Salazar. "Der Krieg hat allen Seiten schon so viel Schmerzen gebracht."

Aderlass in der FARC-Führung

Die Politik der "demokratischen Sicherheit", die Santos Vorgänger Alvaro Uribe begann, hat die FARC-Guerilla in den vergangenen Jahren militärisch stark geschwächt. Zu Beginn der Amtszeit von Santos flackerten die Kämpfe zwar noch einmal auf, doch in den vergangenen drei Jahren sind fast alle führenden Köpfe der FARC bei Militärschlägen getötet worden. Nur Alfonso Cano, der Nachfolger des legendären FARC-Gründers Manuel Marulanda, hat die militärische Jagd bislang überlebt.

Kolumbiens Verteidigungsminister Rodrigo Rivera lässt sich Bogota die Aktion erklären (Foto: AP)

Kolumbiens Verteidigungsminister Rodrigo Rivera (m.) lässt sich Bogota die Aktion erklären

Wie die FARC den neuerlichen Rückschlag verkraften ist unklar. Cano hatte dem neuen Präsidenten zu dessen Amtseinführung eine Videobotschaft geschickt, auf der er Gesprächsbereitschaft signalisierte. Zwar waren die Bedingungen die Cano für einen runden Tisch forderte, für die kolumbianische Regierung unannehmbar, doch immerhin bewegte sich die Farc erstmals seit Jahren wieder auf einen Friedensprozess zu. Die Liste der Rückschläge der letzten Jahre ist lang. Durch den Tod von Manuel Marulanda verlor vor über zwei Jahren die älteste Guerilla-Bewegung Lateinamerikas ihre Führungsfigur. Wenig später kam Raul Reyes, die Nummer zwei der FARC, bei einem umstrittenen Militärschlag in der Grenzregion zu Ecuador auf dem Territorium des Nachbarstaates ums Leben. Schließlich gelang der kolumbianischen Armee die spektakuläre, gewaltfreie Befreiung der prominenten Langzeitgeisel Ingrid Betancourt. Seitdem wurden eine ganze Generation von mittlereren und höheren FARC-Kommandaten im Kampf getötet.

Nur wenn die FARC die international gültigen Menschenrechten anerkennen und alle Geiseln freilassen, die sich teilweise seit über 10 Jahren in ihrer Gewalt befinden, könne es zu einem wahrhaftigen Friedensprozess kommen, sagte der Vorsitzender der kolumbianischen Bischofskonferenz, Ruben Salazar am Donnerstag. Allerdings ist angesichts der vielen bei Militärschlägen gefallenen Farc-Kommandanten fraglich, wer überhaupt noch für die Guerilla verhandeln kann und soll. Ihre militärische und ideologische Existenz scheint gefährdeter denn je.

Autor: Tobias Käufer
Redaktion: Sven Töniges

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