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Amerika

"Kolumbien ist ein Massengrab!"

Das Verschwindenlassen von Menschen war und ist eine systematische Praxis in Diktaturen und autoritären Regimen weltweit. Aber es passiert auch in Demokratien. Zum Beispiel in Kolumbien.

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Das Bild muss seltsam wirken für die Passanten, die auf der anderen Seite des mächtigen Stahlzaunes auf den Zentralfriedhof in Bogotá blicken: Auf die Personengruppe, die in weißen Kitteln zwischen einem mit roten Fähnchen abgesteckten, aufgewühlten Rasen steht. Manche haben Schaufeln und Besen in der Hand, eine trägt ein Plastik-Skelett unter dem Arm, andere stehen da mit unsicherem Blick und verkrampften Schultern. Detailreich erklärt Karen Quintero, welche Rückschlüsse die Lage des Skeletts auf die Todesart zulässt, während die Runde aufmerksam zuhört und sich Notizen macht. Sie sind Teilnehmer des grotesk anmutenden Seminars: "Basis-Standards bei der Suche, Bergung, Identifizierung und Rückgabe der Reste verschwundener Angehöriger". Menschen, in deren Familie jemand fehlt, deren Angehörige man verschwinden ließ. Und die nun versuchen, damit umzugehen, dass er vielleicht nie wieder auftauchen wird. Jedenfalls nicht lebendig.

Karen Quintero von ECIAF in Bogotá mit einem Skelett (Foto: Herrberg)

Mutet grotest an: Karen Quintero auf dem Friedhof in Bogotá

"Wir zeigen den Angehörigen, wie eine Aushebung im Idealfall abläuft", erklärt Karen Quintero, die das Seminar leitet. "Im Normalfall werden die meisten Standards nicht eingehalten, können manchmal, wegen der Sicherheitslage, auch nicht eingehalten werden." Die Aushebung auf dem Zentralfriedhof ist eine Art "Übungs-Labor". Aber auch nur eine Art. Denn anlässlich des 200. Jahrestages der Unabhängigkeit Kolumbiens soll hier ein "Haus der Erinnerung" gebaut werden. Deswegen müssen die derzeit noch dort liegenden sterblichen Überreste von unidentifizierbaren "Mittellosen" ausgehoben werden, die dort Anfang des 20. Jahrunderts anonym begraben wurden. Dort befinden sich aber auch Gräber von Opfern des "Bogotázo" genannten Massakers, einer Volkserhebung in den 1940ern nach dem Mord am damaligen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán.

Der Versuch, zu rekonstruieren

Karen Quintero ist von ECIAF ("Equipo Colombiano de Investigaciones Antropológicos Forenses" - "Kolumbianisches Team für anthropologisch-forensische Studien"), einer unabhängigen Gruppe forensischer Anthropologen, die sich 2008 in Kolumbien gegründet hat. Sie kümmert sich um Aushebungen, wie die auf dem Zentralfriedhof. Sie kann aber auch, wenn es die Staatsanwaltschaft erlaubt, staatliche Exhumierungen begleiten, im Labor helfen und Angehörigen zur Seite stehen. Denn Karen ist auch Psychologin und Soziologin und sie kämpft dafür, dass das ans Licht kommt, was Kolumbien von offizieller Seite aus lieber im Dunklen lassen will. "Kolumbien ist ein einziges Massengrab", sagt sie, "auch wenn nun im Rahmen des Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden damit begonnen wurde, die Verbrechen aufzuklären."

Zentralfriedhof in Bogotá, Ausgrabungen im Rahmen des Seminars 'Suche nach verschwundenen Familienagehörigen' (Foto: Herrberg)

Unzählige Opfer wurden in Kolumbien einfach verscharrt oder in Massengräbern begraben

Mehr als 24.000 Menschen gelten offiziell als "gewaltsam verschwunden" in dem südamerikanischen Land, das sich gerne als die "älteste Demokratie Lateinamerikas" bezeichnet. 50.000 Verschwundene sind es tatsächlich, schätzen Menschenrechtsorganisationen. Die hunderttausenden Toten, die in Gefechten gefallen sind, sind nicht mitgezählt. Denn in Kolumbien herrscht seit über 50 Jahren Bürgerkrieg: Guerilla, Paramilitärs, Drogenmafia und die Armee kämpfen dabei gegen- und miteinander, die Konfliktlinien sind schon lange nicht mehr klar. Lange versuchte Noch-Präsident Álvaro Uribe dies als "Krieg gegen den Terrorismus" zu verkaufen, ging mit einem enormen Militäraufgebot gegen die Guerilla vor und leitete 2003 einen spektakulären Demobilisierungsprozess ein, bei dem mehr als 30.000 Paramilitärs ihre Waffen abgeben und im Gegenzug Amnestie erhalten sollten.

Gerechtigkeit und Frieden?

Inzwischen haben zahlreiche Untersuchungen aber gezeigt: Abseits der Geschäftszentren und Touristengebiete üben bewaffnete Paramilitärs nach wie vor die Kontrolle aus, auch die Guerilla gewinnt wieder an Kraft. Und die Armee selbst ist derzeit in den Skandal der so genannten "falsos positivos" verwickelt: Sie hatten 2000 getötete Zivilpersonen als "im Gefecht gefallene Guerilleros" ausgegeben und die dafür vom Verteidigungsministerium ausgegebene Prämie von umgerechnet 70 Euro kassiert.

Paramilitärs vermummt und mit Maschinenpistolen bewaffnet in Bolívar, nördlich von Bogota (Foto: AP)

Trotz offizieller Entwaffnung - die Paramilitärs sind in Kolumbien immer noch mächtig

"Gerechtigkeit und Frieden", sagt Doña Marta, lacht heiser und knibbelt derweil an dem Kruzifix, das um ihren Hals hängt. "Weißt du, ich glaube, das sind Werte, die wir verloren haben als Gesellschaft, was bleibt sind diese.... Worthülsen." Ihren richtigen Namen möchte Doña Marta nicht veröffentlicht wissen, weil sie Angst hat, dass man sie sonst in ihrem Dorf erkennt. Dort, wo noch immer, oder wieder, dieselben Paramilitärs aktiv sind und sie bedrohen: Diese Männer sind für das Verschwinden ihrer Tochter verantwortlich, damals im Jahr 2005. "Ich habe immer wie alle gedacht: Mich erwischt es nicht. Aber dann klopften sie an meine Tür…" Sie verschluckt die Wörter beim Reden, wird immer schneller, die letzten Worte sind kaum noch zu verstehen, auch weil Doña Marta irgendwann die Stimme bricht: "Sie zerrten sie raus und nahmen sie mit. Aber vorher vergewaltigten sie sie", erklärt sie und erzählt stockend, wie die Männer den Körper ihrer Tochter brutal entstellten.

Es ist ganz still im Seminarraum, wo sie ihre Geschichte erzählt. Doña Martas Tränen sind erstickt, vergiften wieder ihre Brust, in die sich seit letztem Jahr ein Brustkrebs gefressen hat. Aber jeder der hier Anwesenden hat eine Geschichte erlebt, die dem Zuhörer die Luft zum Atmen nimmt. Jeder zweite hat eine chronische Krankheit.

Krokodilen zum Fraß vorgeworfen

Seit 2006 werden im Rahmen des Gesetzes 975 für "Gerechtigkeit und Frieden" ("Justicia y Paz") die Verbrechen derjenigen Paramilitärs aufgearbeitet, die seit 2003 ihre Waffen niedergelegt haben. In so genannten "versiones libres" - freiwilligen Geständnissen - sollen die ehemaligen Kämpfer ihre Verbrechen zugeben. Dadurch erhalten sie ein Sonderverfahren und können zu höchstens acht Jahren Gefängnis verurteilt werden. "Kein Land kann vorweisen, was wir in den letzten drei Jahren geschafft haben", sagt Luis González, Direktor von "Justicia y Paz". "Wir wissen jetzt, dass Menschen in Öfen verbrannt, in Flüssen Krokodilen zum Fraß vorgeworfen wurden. Wir haben 38.000 Geständnisse. Welches Land kann das in so kurzer Zeit vorweisen?"

Luíz Gonzales, Direktor der Abteilung der Staatsanwaltschaft 'Gerechtigkeit und Frieden' (Foto: Herrberg)

Lebt gefährlich: Luíz González

"Genau das ist Teil des Problems", erklärt Amanda Romero von der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation "Cooperative Housing Foundation", die die Opfer in diesem Prozess begleitet: "Alle Verbrechen des 'Verschwinden-lassens' wurden der Einheit 'Gerechtigkeit und Frieden' unterstellt. Dabei bleibt außer Acht, dass darunter auch Verbrechen staatlicher Einheiten wie Armee, Polizei oder der Guerilla sind." Außerdem sei das Gesetz für "Gerechtigkeit und Frieden" eben vor allem ein Gesetz für die Täter, das die Opfer außen vor lasse: "Es werden nun im Akkord Gräber ausgehoben, aber wer darin liegt, interessiert keinen mehr. Dafür sind keine Mittel da, vor allem aber gibt es keinen politischen Willen."

Stadt versus Land

In Städten wie Bogotá oder Medellín gibt es inzwischen relativ gut funktionierende Behörden, die Opfer-Familien dabei helfen, ihre Angehörigen zu suchen. In entfernten Regionen sieht die Realität meist anders aus: Suchanzeigen werden, wenn überhaupt, fehlerhaft aufgenommen. Oft fehlt die Infrastruktur, damit die Betroffenen von ihren Dörfern überhaupt zur Anhörung in die Stadt kommen können. Häufig kommen Dokumente weg, von einer adäquaten, psychosozialen Opferbetreuung kann keine Rede sein. Doña Marta erzählt, dass die Beamten ihr weder erklärten, was sie an Hinweisen auf ihre Tochter anzugeben habe, noch boten sie ihr Schutz, als sie nach einer persönlichen Konfrontation mit dem Paramilitär "Iguano" Todesdrohungen erhielt. Der Ehemann von Mari Leni, ein Reisbauer, ist 2007 als so genannter "falso positivo" aufgetaucht und man ließ ihn verschwinden. Der Anwalt, den Mari Leni darauf einschaltete, war, wie nun herauskam, von den örtlichen Behörden bezahlt. Er erreichte nichts, kassierte aber fast 2000 Euro dafür.

Argentiniens 'Mütter von der Plaza de Mayo' (Foto: AP)

Kolumbien ist kein Einzelfall: Argentiniens 'Mütter von der Plaza de Mayo'

Das alles wollen die Seminarteilnehmer in ein fünfzehnminütiges Referat packen, um es Ende April bei einer internationalen Konferenz zum Thema "Gewaltsames Verschwinden-lassen von Personen und die Betreuung der Angehörigen" vorzutragen. Die Konferenz findet in Bogotá statt und es sind Angehörige und Begleitorganisationen aus Südafrika, Jugoslawien, den Philippinen und ganz Lateinamerika dabei, um ihre Erfahrungen zu teilen. "Hier sind Mitglieder von Organisationen die vorher verfeindet waren, aus politischen oder sonst anderen Gründen", sagt Maria Elena von der Opferorganisation "Mütter der Candelaria" in Medellin, "aber jetzt sind wir alle hier und arbeiten gemeinsam an diesem Vortrag, weil allen klar ist, wie wichtig das hier ist".

Wer ist der Staat?

Kolumbien hat geschätzte 50.000 Verschwundene, obwohl es sich als Demokratie bezeichnet und die Konvention der Vereinten Nationen gegen solche Praktiken unterschrieben hat. Die Ratifizierung fehlt, vor allem aber die praktische Umsetzung, sagt Amanda. "Wie kann ein Staat sich nach außen als demokratisch präsentieren, wenn außerhalb der zwei großen Städte des Landes keine Behörde so funktioniert, wie sie laut Verfassung sollte?", fragt Doña Marta. Und, so fügt sie hinzu, in dem, trotz offizieller Demobilisierung, nach wie vor Paramilitärs mit staatlichen Behörden kooperieren, Kontrolle ausüben, Supermärkte, Handelszentren, Banken kontrollieren und die Menschen bedrohen, ohne dass irgendeine Behörde dagegen etwas unternehmen könne.

Denkmal für die Opfer in Medellín (Foto: Herrberg)

Erinnerung an die Abwesenden - ein Denkmal für die Opfer in Medellín

Maria Elena seufzt: "Es gibt, gerade hier in Medellín, sehr viele gute Beamte, ich habe Vertrauen gewonnen", sagt sie, "aber während wir in Medellín einen Schritt vorwärts gehen, fällt der Catatumbo an der Grenze zu Venezuela oder Nariño in Amazonien, einen Schritt zurück, weil es Regionen sind, die niemand interessieren. Nicht die Wirtschaft, nicht den Tourismus."

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Ina Rottscheidt, Annamaria Sigrist

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