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Kultur

Kolumbien feiert die Kultur

Kolumbien bedeutet nicht nur Krieg, Gewalt und Drogenhandel. Das Land hat auch eine vielfältige Kulturszene. Einmal im Jahr treffen sich beim Hay Festival in der Hafenstadt Cartagena Künstler aus aller Welt.

Copyright: DW/Nils Naumann Keine Nutzung in sozialen Netzwerken.

Die afroperuanische Musikerin Susana Baca bei ihrem Konzert in Cartagena.

Es ist früher Abend in Cartagena. Eine frische Brise vertreibt die Hitze des Tages. Pferdekutschen schlängeln sich durch die kolonialen Gassen der Altstadt. Ambulante Händler werben lautstark für kaltes Bier, billige Zigarren oder den schwarzen, stark gesüßten Kaffee Kolumbiens.

Richtig fremd aber klingt es einige hundert Meter weiter am Rande der Altstadt auf der Plaza de la Aduana. Hier werden aus scheinbar endlosen Buchstabenfolgen schneidige Kehllaute, hier wirbt Eurig Salisbury für walisische Poesie.

"Llyfr Glas Eurig" heißt die Gedichtsammlung, aus der Salisbury an diesem Abend auf der Gala der Poesie liest. Die große Mehrheit der rund 1000 Zuschauer, ob einheimische oder ausländische Besucher, hört die walisische Sprache wohl zum ersten Mal. Und doch kann sich kaum jemand der Poesie des Vortrags entziehen.

Dialog mit der Welt

Begegnungen – genau darum gehe es beim Hay Festival, erklärt die Direktorin Christina Fuentes La Roche. "Wir bringen Stimmen aus aller Welt nach Cartagena". Das Hay Festival sei "eine große Feier des gedruckten und gesprochenen Wortes". Gleichzeitig "zeigen wir der Welt Kolumbien über seine Schriftsteller". Ein solches Austauschforum habe dem Land lange gefehlt. Für die meisten Gäste sei Kolumbien noch immer eine große Entdeckung und Cartagena dafür genau der richtige Ort. Schließlich hat Kolumbiens Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez lange hier gelebt und Werke wie "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" hier angesiedelt.

View from the sea of part of the walled Old Town in Cartagena, Colombia, on November 15, 2009. Cartagena is Colombia's most important touristic city. AFP PHOTO/Rodrigo ARANGUA (Photo credit should read RODRIGO ARANGUA/AFP/Getty Images)

Die Altstadt von Cartagena.

Bei der achten Ausgabe des Festivals kamen mehr als 120 Schriftsteller, Filmemacher, Illustratoren und Musiker in die Stadt am karibischen Meer. Darunter Literaturnobelpreisträger wie der der Peruaner Mario Vargas Llosa oder die Deutsch-Rumänin Herta Müller. Sie diskutierten und lasen in barocken Theatern, kolonialen Konventen und alten Palästen. Es ging – natürlich – um ihre Werke, aber auch um die Gefährdung von Schriftstellern und Journalisten in Lateinamerika.

Das Festival in Cartagena war der Auftakt von insgesamt zehn weltweiten Hay Festivals. Veranstaltungsorte sind in diesem Jahr unter anderem Beirut, Budapest, Nairobi und Dakar.

Attraktion Nobelpreis

Die spanischsprachigen Autoren des Festivals wie Mario Vargas Llosa oder die Nicaraguanerin Gioconda Belli hatten in Cartagena ein Heimspiel. Dagegen sind die Werke der deutschen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller für viele Kolumbianer Neuland. Trotzdem waren auch die Auftritte der Deutsch-Rumänin voll – ob bei der Gala der Poesie oder bei der Podiumsdiskussion mit ihrem Übersetzter Philip Boehm.

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Die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli.

Viele der Besucher kamen vor allem, um die Nobelpreisträgerin in Fleisch und Blut zu sehen. Schließlich, sagt zum Beispiel die Kolumbianerin Lenora Echavarria, seien die Preisträger "Ikonen der Literatur." Auch Olga Giraldo wusste vor dem Auftritt wenig über Herta Müller "außer, dass sie einen Nobelpreis bekommen hat".

Jetzt aber erkennt Giraldo durchaus Parallelen zwischen der politischen Realität unter der Ceausescu-Diktatur in Rumänien, die Herta Müller in ihren Büchern beschreibt, und dem Leben in Kolumbien: "Diese Angst, die einen ständig begleitet, die das Leben bestimmt. Bei Herta Müller war es die Furcht, vom rumänischen Geheimdienst bespitzelt zu werden. Bei uns ist es die ständige Angst vor Gewalt und Überfällen."

Vom Leben in der Diktatur

Die meisten Staaten Lateinamerikas sind heute Demokratien, doch die Erinnerung an die Zeit der Militärdiktaturen ist noch immer lebendig. Herta Müller sieht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Rumänien und Lateinamerika: "Diktaturen ähneln sich in ihren Mechanismen und ihren Auswirkungen auf den Menschen. Wer eine Militärdiktatur erlebt hat, oder eine stalinistische oder poststalinistische Diktatur in Osteuropa, der weiß, was Diktaturen mit Menschen machen."

Deswegen glaubt Herta Müller, dass ihre Bücher in Lateinamerika anders als zum Beispiel im Westen Deutschlands aufgenommen werden: "Wer eine Diktatur erlebt hat, liest auch Kafka ganz anders, das ist dann nicht eine surreale Geschichte, sondern die Realität."

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Herta Müller bei ihrem Auftritt in Cartagena.

Schon vor 15 Jahren reiste Herta Müller in mehrere Länder Südamerikas. Damals habe sie die Begeisterung vieler Autoren für den Sozialismus erschreckt. Sie warnt davor, eine rechte durch eine linke Diktatur zu ersetzen: "Chavez ist ja nicht die Befreiung von Pinochet, Castro auch nicht. Das ist ein Irrglaube."

Die lateinamerikanische Literatur hat Herta Müller schon immer beeindruckt: "Ich habe seinerzeit sehr früh Márquez gelesen, "100 Jahre Einsamkeit". Macondo war für mich das banatschwäbische Dorf, aus dem ich komme. Niemand hat das banatschwäbische Dorf besser beschrieben als Garcia-Márquez, das faschistoide in der Gesellschaft und im Alltag."

Kolumbien und die Deutschen

Anita Thirkettle leitet die Deutsch-Kolumbianische Kulturgesellschaft in Cartagena. Sie hofft, dass Auftritte wie der von Herta Müller das Interesse an deutscher Kultur steigern. Zumindest in Cartagena gebe es bisher einen Informationsmangel. "Die Leute wissen zum Beispiel kaum etwas über Stipendien für ein Studium in Deutschland".

Insgesamt aber, so betont Katja Kessing, Leiterin des Goethe-Instituts in Bogotá, sei das Interesse an deutscher Kultur und deutscher Sprache in Kolumbien "riesig". Immer mehr Veranstalter würden inzwischen auch ohne Unterstützung des Goethe-Instituts Künstler aus Deutschland einladen. Trotzdem ist der Besuch von Herta Müller beim Hay Festival natürlich ein willkommener zusätzlicher Impuls.