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Politik

Kolumbianische Lokaljournalisten leben gefährlich

Lokaljournalisten in Kolumbien werden von regionalen Machthabern und Terroristen bedroht. Die Folge: Selbstzensur oder die Flucht ins Exil. Und das, obwohl sich die Situation der Pressefreiheit im Land verbessert hat.

Symbolbilld Pressefreiheit in Kolumbien

Wer garantiert die Pressefreiheit?

"Das Thema Menschenrechte macht uns Angst", sagt Jesús Sanchez, Direktor des kleinen Lokalsenders 89.2 in Gamorra. Die Journalisten hier leben gefährlich, denn sie arbeiten in der sogeannten "Roten Zone", Einflussgebiet der Paramilitärs wie der links gerichteten Guerillaorganisation FARC. Jesús Sanchez verwendet lieber das Wort "Grundrechte", weil es weniger polarisiere. Die Bürgerfunker informieren die Landbevölkerung über ihre Rechte, vor allem über ihre Besitzrechte. Denn einflussreiche rechte Gruppierungen und die Paramilitärs versuchen mit allen Mitteln, ihren Landbesitz zu vergrößern.

Jesús Sanchez, Direktor des Radiosenders 89.2 in Gamorra, Kolumbien (August 2008, DW)

Jesús Sanchez im Interview

Auch Jesús Sanchez ist bedroht worden: Im Stadtpark nahmen ihn mehrere Paramilitärs zur Seite und zwangen ihn, bestimmte Themen nicht mehr anzusprechen. Danach ist er vorsichtiger geworden. "Ich will nicht feige sein, aber ich habe Familie", sagt der 43-Jährige und setzt dabei ein gepresstes Lächeln auf.

FLIP: "Die Lage hat sich verbessert."

Dabei konnte man in letzter Zeit durchaus gute Nachrichten aus dem Land vernehmen, das seit vierzig Jahren unter einem internen Konflikt zwischen verschiedenen terroristischen Gruppierungen leidet. Die Stiftung für die Pressefreiheit in Kolumbien, FLIP, meldete jüngst einen Rückgang der Verstöße gegen die Pressefreiheit. Im ersten Halbjahr 2008 wurden von der Organisation 63 Verstöße registriert. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren noch 86 gezählt worden. Morddrohungen sind dem Bericht zufolge immer noch die häufigste Art der Einschüchterung, vor allem dann, wenn kolumbianische Journalisten über Verbrechen allgemein und über Korruptionsfälle berichten.

Diese Verbesserungen sind in den ländlichen Gebieten kaum zu spüren. Vor allem da nicht, wo die terroristischen Vereinigungen weiterhin aktiv sind. "Es gibt eine große Ungleichheit in der Presselandschaft Kolumbiens", bestätigt Benoît Hervieu, Amerikabeauftragter von "Reporter ohne Grenzen", einer internationalen Organisation, die sich für die Pressefreiheit einsetzt.

Hohe Konzentration der Medien

Kern des Problems sei die große Konzentration in der Medienlandschaft, berichtet Hervieu. In Kolumbien gibt es nur zwei Tageszeitungen von nationaler Reichweite - "El Tiempo" und "El Espectador". In "El Tiempo" - dem politischen Leitmedium im Land - ist Kritik an der Regierung vorhanden, kommt allerdings nur leicht dosiert ins Blatt. Ein Grund dafür mag die große Zufriedenheit der Kolumbianer mit der Regierung sein. Ein anderer ist, dass die Eigentümer eng mit dem Vize-Präsidenten Francisco Santos verwandt sind. Sie sind Vettern.

Radiosender Carmen Stereo in Carmen del Bolívar (August 2008, DW)

Lokalradio in Carmen del Bolívar - Hier randallierte der Bürgermeister

Aber nicht nur "El Tiempo" ist politisch dem Präsidentenlager zuzuordnen, auch die beiden wichtigsten Rundfunkanstalten "RCN" und "Caracol". Mit Zuschauerzahlen von etwa 80 Prozent sind sie die Schwergewichte beim Fernsehen - und auch beim Radio. Nur solche Themen, die in diesen Leitmedien stattfinden, schaffen es auf die politische Agenda. Für die Lokaljournalisten sind das denkbar schlechte Bedingungen, ihre Arbeit durch nationale Aufmerksamkeit abzusichern.

Mehr Journalisten gehen ins Exil

In einem Land, in dem die Aufklärungsrate von Morden weit unter zehn Prozent liegt, haben die Menschen wenig Vertrauen in die Institutionen. Lokaljournalisten fordern Hilfe von der Regierung und von nationalen und internationalen Nicht-Regierungsorganisationen. Hernan Martinez, Lokaljournalist aus dem nahe gelegenen Bosconia, wünscht sich, dass die Appelle der Interamerikanischen Pressevereinigung (Sociedad Interamericana de Prensa) Wirkung zeigen. "Aber während man darauf wartet, sind wir hier großen Risiken ausgesetzt", sagt er.

Auch wenn weniger Morde an Journalisten gemeldet werden, so gehen immer mehr Journalisten in Kolumbien ins Exil, wie Benoît Hervieu von "Reporter ohne Grenzen" berichtet.

Selbstzensur: Radio der guten Nachrichten

Der Fluss Magdalena, aufgenommen in Barraquilla, Kolumbien (August 2008, DW)

Der Fluss Magdalena

Jesús Sanchez jedenfalls will in Gamorra bleiben und die Bevölkerung weiterhin so gut es geht mit Informationen versorgen. Aber auch die terroristischen Gruppierungen, die um die Vorherrschaft im Drogengeschäft konkurrieren, werden so schnell nicht weichen. Gamorra ist ein strategisch wichtiger Landstrich, direkt am Mega-Fluss Magdalena gelegen - ein Korridor, durch den der Rohstoff Kokain aus dem Inland und die Chemikalien zur Weiterverarbeitung von der Küste her geschmuggelt werden.

Und auch wenn sich Jesús Sanchez für einen Journalismus der guten Nachrichten entschieden hat, so disqualifizieren sich die Paramilitärs hier schon von selbst. Die Radiofrequenz 107.5 nutzen sie regelmäßig, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Auch die FARC schaltet ihre bösen Botschaften auf bestimmten Radiostationen des Landes.

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