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Politik

Kolonialismus in der Endphase

42 Jahre nach der Verabschiedung der UN-Resolution über die Auflösung von Kolonien gibt es immer noch Völker, deren Selbstbestimmungsrecht nicht anerkannt worden ist. Heinrich Bergstresser kommentiert.

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Am Samstag (25. Mai 2002) beginnt die von der UNO ausgerufene Woche der Solidarität mit den Völkern aller kolonialen Gebiete, die für Freiheit, Unabhängigkeit und Menschenrechte kämpfen. Manch einer mag ungläubig den Kopf schütteln, angesichts dieses Gedenktages der UN. Denn im öffentlichen Bewusstsein der meisten unabhängigen und souveränen Staaten ist das Kapitel Kolonialismus bereits Geschichte. Und schließlich ist doch die Internationale Dekade zur Beendigung der Kolonialismus im Jahre 2000 zu Ende gegangen.

Die Unabhängigkeitsfeiern in Ost-Timor vergangene Woche, an denen UN-Generalsekretär Kofi Annan nicht ohne Grund teilgenommen hat, erinnert aber die Weltgemeinschaft daran, dass das Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit noch nicht überall verwirklicht worden ist.

Das prominenteste Beispiel ist Palästina, dem trotz einer Vielzahl von Resolutionen noch immer von Israel das Recht auf Selbstbestimmung und staatliche Souveränität verweigert wird. Doch zugleich überdeckt dieses Pulverfass im Nahen Osten - zumindest in der Wahrnehmung und nach der Prioritätenliste der einflussreichsten UN-Mitglieder - politisch weniger wichtige Fälle wie die West-Sahara. Und berechtigte Ansprüche der Minderheiten im Südsudan oder Aceh im Inselreich Indonesien tauchen in der internationalen Diskussion praktisch überhaupt nicht auf.

Dabei können sie sich alle mit Fug und Recht auf die berühmte Resolution 1514 von 1960 berufen. Sie besagt nämlich nichts anderes, als dass Kolonialgebiete ihre Unabhängigkeit erhalten müssen. Und letztlich ist das Fortbestehen von Kolonialismus oder kolonialistischen Formen weder mit dieser Erklärung, noch mit der UN-Charta und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar.

Trotz einiger Einschränkungen befindet sich der Kolonialismus in der Endphase. Die anti-koloniale Bewegung kann nach mehr als 50 Jahren die Früchte ihrer Arbeit einfahren und hat zugleich - wenn auch eher zufällig - eine wichtige Plattform der internationalen Protest- und Friedensbewegung geschaffen, die heute einen wesentlichen Teil der Globalisierungskritiker vertritt.

Denn der Anti-Kolonialismus war bereits im Ansatz transnational, was seinen Beitrag zur zukünftigen Entwicklung unseres Planeten umso wertvoller macht. Der Schub, der aus dem der jahrzehntelange Dekolonisierungsprozess entstand, verkoppelte die Erste Welt mit der Zweiten und Dritten Welt.

Und dieser Schub hat die heute sichtbare Globalisierung und die damit zusammenhängenden Veränderungen und Probleme in politischer, wirtschaftlicher aber auch kultureller Hinsicht in wesentlichen Teilen bereits vorweggenommen.