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Nahost

Kollateralschaden

Die britischen und amerikanischen Streitkräfte haben in der Nacht auf Samstag (21./22.3.2003) mit einer Welle schwerer Luftangriffen auf Ziele in und um die Hauptstadt Bagdad begonnen. Daniel Scheschkewitz kommentiert.

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Für den Dow-Jones-Index war es die beste Woche seit zwanzig Jahren – aber war A-Day, der Beginn des massiven Lufkriegs im Irak, auch ein guter Tag für Amerika? Mit dem Beginn der massiven Bombenangriffe auf Bagdad und andere Städte im Nordirak hat der Krieg eine gefährliche Eskalationsstufe erreicht. Gefährlich nicht nur für das zusammenbrechende Regime, sondern auch für die USA. Das Ansehen der Supermacht wird weltweit weiter sinken, je länger Tod bringende Cruise-Missile-Raketen und tonnenschwere Bomben auf dicht bevölkerte Städte niederprasseln. Jeder weitere Tag, an dem die Bomben Schock und Schrecken verbreiten, läßt auch den Haß auf Amerika in der Welt weiter wachsen.

Die gewalttätigen Demonstrationen, vor allem in den arabischen Ländern, lassen da nichts Gutes ahnen. Statt sich zu demokratisieren, wie es Präsident Bushs naive Vision von der Zukunft des Nahen Ostens vorhersah, drohen die autoritären, aber amerikafreundlichen Regime in Ägypten oder im Jemen ihre Unterdrückung nur noch weiter zu verschärfen. Neuer Zulauf zu Terrorgruppen könnte das Ventil sein, über das die Menschen ihrer Wut Luft verschaffen. Amerikanische Zivilisten werden sich im Nahen Osten auf lange Sicht kaum sicher fühlen können.

Dazu werden sich die Bilder von den brennenden Palästen in Baghdad, die das Leiden der Zivilisten bisher nur erahnen lassen, zu tief ins das Gedächtnis der arabischen Bevölkerung einbrennen.

Aber auch in anderen Teilen der Welt regt sich die moralische Empörung. Selbst in Deutschland heben gestandene Transatlantiker in der Union warnend den Zeigefinger. So dürfte Amerika bald alle verbliebenen Symptathien auch im alten Teil des Kontinents verspielt haben.

Der publizistische Kollateralschaden, den A-Day in der Welt ausgelöst hat, wird sich in seiner ganzen Tragweite erst erfassen lassen, wenn Saddams Regime längst in sich zusammen gebrochen ist. Präsident Bush selbst trägt dazu seinen Teil bei. Sein demonstratives Bemühen, im Regierungsalltag Routine vorzuspielen und sich am Wochenende auf seinen Landsitz zurückzuziehen, grenzt an Zynismus. Krieg ist kein Normalzustand und präzisionsgesteuerte Hightech-Waffen bleiben Waffen, die Tod und Zerstörung bringen.

Schon jetzt sind die Krankenhäuser in Bagdad voll von Menschen, die den Abwurf der Bombenkolosse gerade noch einmal überlebt haben. Während die kilomterlange Stahlkolonne der Panzer weitgehend ungebremst von militärischem Widerstand auf Bagdad zurollt, bangen die Menschen im Irak um ihr Leben. Viele friedensbewegte Amerikaner bangen mit ihnen. Doch die schweigende Mehrheit der US-Bürger glaubt weiter an die Notwendigkeit dieses Krieges. Ihre Angst gilt neuen Terroranschlägen. Dass A-Day in Bagdad die Wahrscheinlichkeit solcher Anschläge nur noch erhöht hat, haben die meisten von ihnen leider nicht begriffen.