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Wirtschaft

Kolbenfresser - Finanzkrise ist in der Realwirtschaft angekommen

Der IWF ruft zu "international einheitlichen" Maßnahmen gegen die Finanzmarktkrise auf. Inzwischen greift die Finanzkrise auf die Realwirtschaft über, warnt Rolf Wenkel in seinem Kommentar.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

Die amerikanische Bankenkrise ist rund um den Globus geschwappt. Sie hat inzwischen nicht nur auf den Finanzmärkten für Panik gesorgt. Es gibt bereits massive Hinweise darauf, dass die krisenhaften Symptome der Finanzmärkte auf die Realwirtschaft abfärben, die Konjunktur ausbremsen, Wachstum und Beschäftigung beeinträchtigen. Das Vertrauen der Investoren, der Unternehmen und der Konsumenten ist zutiefst erschüttert. In den USA werden Millionen von kreditfinanzierten Häuschen zwangsversteigert. Das hinterlässt Spuren in der Konsumneigung. Die großen Einzelhandelskonzerne in den USA haben allen im September einen Umsatzrückgang von fünf Prozent verzeichnet. Mehr als jeder zweite Amerikaner glaubt, dass es mit der Wirtschaft bergab gehen wird - das sind die schlechtesten Umfrageergebnisse seit Jahren.

Aber es wird noch schlimmer kommen. Denn eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen Finanzkrise ist der Vertrauensverlust der Banken untereinander. Keiner weiß, welche faulen Eier der andere noch in seinen Büchern stehen hat. Entsprechend gering ist die Bereitschaft, sich untereinander Geld zu leihen - was sich nicht nur auf die Kreditvergabe unter den Banken selbst, sondern auch auf die Ausleihungen an die Realwirtschaft auswirkt. Geld ist der Schmierstoff der Wirtschaft. Wird der zäh oder reißt der Schmierfilm ab, droht ein Kolbenfresser - und der Wirtschaftsmotor steht still.

Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. In den USA ist zum Beispiel die Zahl der verkauften Autos dramatisch zurückgegangen. Alle Anbieter mussten im September Einbußen im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen. Und das nicht etwa, weil sich amerikanische Spritschlucker nicht mehr verkaufen lassen. Nein, von den Einbrüchen sind auch die sparsamen japanischen Modelle betroffen. Der Grund ist ein anderer: Jeder Konzern leistet sich eine eigene Banktochter, die auf Kredite für Neuwagen spezialisiert ist. Doch auch diese Banken müssen sich auf den Finanzmärkten refinanzieren - was in der gegenwärtigen Lage immer schwieriger wird. Zur Zeit melden Autohändler reihenweise Insolvenz an.

Die Banken werden immer vorsichtiger mit ihrer Kreditvergabe. Sie leihen sich untereinander nur noch Geld, das mit abenteuerlich hohen Risikoaufschlägen verzinst wird. Damit werden aber auch die Investitionen für die Unternehmen teurer. Es wird für sie unmöglich. ihre Anlagen zu modernisieren und zu erweitern - selbst wenn ihre Branche von der Kreditkrise eigentlich gar nicht betroffen ist.

Man sieht: Im Grunde ist die Kreditkrise schon längst in der Realwirtschaft angekommen - auch in Deutschland. Opel kürzt in Bochum und in Eisenach die Produktion, Ford hat das gleiche im Werk Saarlouis vor, BMW drosselt die Produktion in Leipzig, Mercedes schickt seine Mitarbeiter in Sindelfingen früher in die Weihnachtsferien und lässt den Termin, wann die Produktion im Januar wieder anlaufen soll, noch offen. Alles richtet sich auf einen harten Winter ein.

Ein Trost ist immerhin, dass die Zentralbanken dieser Welt den Ernst der Lage schon früh erkannt haben und - anders als zum Beispiel in der Weltwirtschaftskrise von 1929 - Milliardenbeträge in die Märkte pumpen. Sie nehmen damit die Rolle ein, die zu normalen Zeiten die Banken untereinander wie selbstverständlich einnehmen, nämlich die Wirtschaft mit Geld zu versorgen Für den Laien mag das auf den ersten Blick unverständlich sein, genauso unverständlich wie die Tatsache, dass Staaten plötzlich Bürgschaften und Garantien vergeben, für die im Ernstfall der Steuerzahler aufkommen muss. Doch momentan muss einfach Erste Hilfe geleistet werden, koste es was es wolle. Denn der Schmierfilm darf nicht reißen. Sonst wird der Motor zerstört. Schuldige suchen und sich schärfere Regeln und Kontrollen für Finanzprodukte ausdenken, das kann man später immer noch. Aber im Augenblick hat die Erste Hilfe Vorrang vor allem anderen.