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Kultur

Kokoschka-Gemälde unter Verdacht

Der "Pariser Platz" von Oskar Kokoschka hing jahrelang im Büro des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Jetzt hat Hermann Parzinger es abhängen lassen, denn es könnte sich um NS-Raubkunst handeln.

"In dem Moment, wo das scheinbar sichere Bild mit dem Hauch eines Fragezeichens versehen war, haben wir sofort reagiert", so Hermann Parzinger (Artikelbild). Der Präsident der

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

hat das Gemälde wegen des Verdachts auf NS-Raubkunst bis auf weiteres ins Depot der Berliner Nationalgalerie bringen lassen. Sollte sich herausstellen, dass die jüdische Galerie Caspari das Bild "Pariser Platz in Berlin" unter Druck der Nazis verkaufen musste, werde es selbstverständlich zurückgegeben, versichert Parzinger.

Banken erhalten Kunst als Pfad

Nach bisherigen Erkenntnissen soll die jüdische Kunsthändlerin Anna Caspari das Gemälde vor 1933 an die Dresdner Bank verpfändet und auch schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten Geschäfte mit der Bank gemacht haben. "Ich war gezwungen, die Firma in einer Zeit zu übernehmen, die mitten in die Krise des Kunsthandels gemeinhin fällt", äußerte Anna Caspari ihre wirtschaftliche Situation in einem Schreiben an das Finanzamt. "Nicht allein, dass nunmehr die Substanz völlig untergegangen ist, vielmehr musste auch der Privatbesitz noch geopfert werden."

Jüdische Kunsthändlerin Anna Caspari (Foto: Stadtarchiv München - Judaica/KKDo)

Passbild der Kunsthistorikerin Aniela Julia (Anna) Caspari

Wie viele andere Kunsthändler litt auch ihre Galerie an den Auswirkungen der Wirtschaftskrise von 1929. Anfang der 30er Jahre trat sie deshalb acht Gemälde an das Bankhaus Herzog & Meyer in München ab. "Kunstwerke als Sicherheit für laufende Kredite waren zu dieser Zeit keine Seltenheit", erklärt Dieter Ziegler vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Ruhruniversität in Bochum. "Aktien waren entwertet und im Keller, und so traten Kunstwerke an ihre Stelle", sagt Ziegler weiter. Konnte ein Kreditnehmer seinen Schuldschein im Laufe festgesetzter Fristen nicht einlösen, so verwertete die Bank seine Kunstwerke. Ein Prinzip, das auch heute noch im Bankwesen nach diesen Regeln funktioniert.

Ist das Kokoschka-Gemälde NS-Raubkunst?

Die Dresdner Bank schloss am 15. August 1935 einen Kaufvertrag mit dem Deutschen Reich, mehrere tausend Kunstobjekte gingen daraufhin in den Besitz der Berliner Museen. Darunter war auch das Gemälde "Pariser Platz in Berlin" des österreichischen Expressionisten Oskar Kokoschka (1886-1980). Ob Anna Caspari das Bild nun vor oder nach 1933 an die Dresdner Bank verpfändet hatte, es als Jüdin nach der Machtübernahme Adolf Hitlers auszulösen war in jedem Fall aussichtslos: Jüdische Geschäftsleute wurden damals in Deutschland enteignet, ihre Geschäfte arisiert. "Im Jahr 1935 erhielten jüdische Kunsthändler ein Rundschreiben mit der Aufforderung, binnen vier Wochen ihr Geschäft, ihr Warenlager und damit ihr ganzes berufliches Leben aufzulösen und zu liquidieren", erklärt Provenienzforscherin Maike Hopp vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Diejenigen, die konnten, organisierten ihre Flucht, mussten aber ihre Sachgüter weit unter Wert verkaufen. "Viele jüdische Geschäftsleute konnten in dieser Situation ihre Kredite nicht mehr bedienen, weil keiner mehr Geschäfte mit ihnen gemacht hat, und so wurden die Sicherheiten, wie zum Beispiel Kunstobjekte, in das Eigentum der Banken überführt", ergänzt Dieter Ziegler.

Maike Hopp - Provenienzforscherin (Foto: DW/Heike Mund)

Maike Hopp - Provenienzforscherin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München

Ist Oskar Kokoschkas "Pariser Platz", das die Berliner Nationalgalerie 1935 erworben hat, nun NS-Raubkunst oder nicht? Dieser Frage werden

Provenienzforscher

jetzt noch einmal intensiv nachgehen müssen. Auch die Geschäfte der Banken am Kunstmarkt, im speziellen der Dresdner Bank, und ihre Beteiligung an der Enteignung von Juden spielen möglicherweise eine Rolle. Eine im Herbst zur Veröffentlichung

geplante Studie

könnte bald mehr Aufschluss darüber geben, aber vorab wollte sich die Autorin des Forschungsprojektes nicht äußern, auch nicht zum Kokoschka-Gemälde.

Gestapo beschlagnahmt Casparis Eigentum

Das Bild hatte Parzingers Amtsvorgänger für das Arbeitszimmer des Stiftungspräsidenten ausgewählt. Die Provenienz wurde damals überprüft und als gesichert angesehen. 2008 hat Hermann Parzinger den Posten übernommen. In diesem Jahr publizierte auch die bayerische Staatsbibliothek in ihrem Bestand. Darunter finden sich auch Recherchen zur jüdischen Kunstsammlerin Anna Caspari: In einem Protokoll der geheimen Staatspolizei - der Gestapo - von 1939 ist genau aufgelistet, welche Kunstgegenstände aus ihrem Besitz beschlagnahmt wurden: Gemälde kamen noch am gleichen Tag ins bayerische Nationalmuseum, Bücher in die Staatsbibliothek. Das Kokoschka-Gemälde ist nicht dabei.

Exlibris der Sammlung Caspari (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Exlibris der Sammlung Caspari - gefunden in einem Werk der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Söhne Anna Casparis erhielten einen Teil der beschlagnahmten Kunstwerke nach dem Krieg zurück. Sie können vor den Nazis nach London flüchten, aber ihre Mutter wird nach Litauen deportiert und dort am 25. November 1941 ermordet. Die Recherchen zur Sammlung Caspari sind noch nicht abgeschlossen. Die bayerische Staatsbibliothek steht im Moment unmittelbar davor, den Erben ein dreibändiges Werk zurückzugeben. "Dank eines Exlibris, einem im Buch eingeklebten Zettel, konnte das Werk eindeutig der Sammlung Caspari zugeordnet werden", so Stephan Kellner von der der Staatsbibliothek in München.

Erben stellen bisher keine Ansprüche

Interessant ist weiter der Umgang mit zwei Bildern, die Anna Caspari einst zur Sicherung an das Bankhaus Herzog & Meyer gab: Max Peter Meyer, selbst Jude, pflegte jahrelang eine Geschäftsbeziehung mit der Kunstsammlerin. Nach dem Krieg werden ihm zwei Gemälde vom Collecting Point in Wiesbaden zugesprochen, weil er sie im "geschäftlichen Verkehr von Frau Caspari" übernommen hatte. "Die Tatsache, dass die Erben offensichtlich keinen Einspruch gegen die Aushändigung der Gemälde an Herrn Meyer erhoben hatten, spricht dafür, dass Meyer als Teilhaber des Bankhauses bereits vor der Beschlagnahmung der Kunstgüter bei Anna Caspari durch die Kreditvergabe des Bankhauses Anspruch auf die beiden Gemälde hatte", heißt es in einem Aufsatz von Vanessa Voigt und Horst Kessler von 2012. Noch haben die Erben Anna Casparis auch keinen Anspruch auf das Kokoschka-Gemälde erhoben. Vielleicht kann es sich der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bald wieder in sein Arbeitszimmer hängen, wenn die Provenienforscher feststellen, dass der "Pariser Platz" vor 1933 verpfändet wurde. Wie das moralisch zu bewerten ist, bleibt allerdings eine andere Frage.

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