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Fokus Südosteuropa

Kohleabbaugebiet vor der Existenzfrage

130 Kilometer nordwestlich von Thessaloniki entfernt liegt das griechische Kohleabbaugebiet: Die Gegend an der mazedonischen Grenze lebt von der Braunkohle. EU-Umweltvorschriften stellen es jetzt vor die Existenzfrage.

Wenn man durch die griechischen Städte Kozani, Ptolemaida, Amyntaio oder Florina fährt, entdeckt man ein Griechenland abseits des touristischen Klischees: Kein Strand und Meer weit und breit, sondern 250 Meter tiefe Gruben, dazu Kohlehalden und Kohlekraftwerke. Der Betreiber der Anlagen ist die Energiegesellschaft DEI, die mehrheitlich dem griechischen Staat gehört.

Doch die Region hat mit Umweltproblemen zu kämpfen. Vier von fünf Kohlekraftwerken sind bereits vor Jahrzehnten gebaut worden. Ihr Schadstoffausstoß ist hoch und verletzt EU-Umweltschutzbestimmungen. Deshalb wurde die DEI wiederholt mit Strafzahlungen seitens der Kommunen und des Bezirks belegt. Greenpeace macht die DEI zudem für die erhöhte Anzahl von Todesfällen in der Region verantwortlich. Eine Studie der Universität Thessaloniki von 2007 stellte fest, dass Krebs die Ursache für jeden dritten Todesfall in Ptolemaida war.

Ioakim Iossifidis, Bürgermeister von Amyntaio, Griechenland, bei der Deutsch-Griechische Tagung zum Thema Energie in Thessaloniki Copyright: DW (Panagiotis Kouparanis)

Bürgermeister Iossifidis nennt die Probleme beim Namen

Nachlässig verhalte sich die DEI auch in der Frage der Renaturalisierung von Gebieten, in denen sie die Braunkohle abgetragen hat, sagt Ioakim Iossifidis, Bürgermeister von Amynatio. "Der Staat, aber vor allem die DEI, haben sich nicht an Gesetze gehalten. Der Abbau von Braunkohle setzt eine Umweltstudie voraus. Darin wird die Renaturalisierung der abgebauten Flächen nicht nur beschrieben, sondern auch verbindlich vorgeschrieben", erklärt Iossifidis und beklagt, dass keine dieser Umweltstudien je umgesetzt worden sei. Dennoch seien weiterhin Abbaugenehmigungen an die Energiegesellschaft DEI erteilt worden. Die Kosten für die Sanierung der Gebiete heute schätzt Iossifidis auf sechs Milliarden Euro. Diese Summe könne nicht aufgebracht werden, so Iossifidis.

Sanierung nach deutschem Vorbild

Sollte man aber das Geld dennoch auftreiben können, dann könnte eine Sanierung wie in der ostdeutschen Region Lausitz möglich sein - das wäre zumindest der Wunsch von Iossifidis. Dort hat man seit Mitte der neunziger Jahre neun Milliarden Euro für die Rekultivierung von 100.000 Hektar ehemaliger Kohlegebiete ausgegeben. So wurden 4,5 Millionen Kubikmeter Gruben mit Wasser gefüllt, Flächen bewaldet, toxische Erde abgetragen. Mit dem Geld hat man aber auch Infrastrukturprojekte finanziert, Arbeitskräfte umgeschult, touristische Angebote entwickelt und somit Anreize für die Ansiedlung von Unternehmen geschaffen.

Braunkohlegrube in der Nähe der griechischen Stadt Ptolemaida Copyright: DW (Panagiotis Kouparanis)

Das griechische "Ruhrgebiet"

Auch wenn in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftkrise kaum Geld da ist, muss die westgriechische Region umdenken. Auch in der Frage der Energiequellen. Denn die Braunkohlereserven der Gegend werden voraussichtlich in 40 Jahren aufgebraucht sein. Außerdem sieht die Energiestrategie der EU-Kommission aus dem Jahr 2010 vor, dass ab dem Jahr 2020 in jedem EU-Land 20 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden soll. Deshalb wollen die Kommunalpolitiker des griechischen Kohleabbaugebiets jetzt schon die Weichen für ein neues Energiezeitalter in ihrer Region setzen.

Solarstrom als Zukunftsperspektive

"Wir wollen einen reibungslosen Übergang hin zu erneuerbaren Energien erreichen", sagt Paraskevi Vryzitou, Bürgermeisterin von Ptolemaida. Die Region soll zwar weiterhin so viel Energie produzieren wie bisher. "Diese Energie soll aber künftig aus Quellen erzeugt werden, die weder endlich sind noch die Umwelt zerstören."

Wann: 9. und 10. Juli Wo: Ptolemaida, Griechenland Paraskevi Vryzitou, Bürgermeisterin von Ptolemaida, Griechenland bei der Deutsch-Griechischen Tagung zum Thema Energie Copyright: DW (Panagiotis Kouparanis)

Ptolemaida soll als Energiestandort erhalten bleiben, so Vryzitou

Die Voraussetzungen dafür sind da: Die Stromtrassen sind bereits vorhanden und müssen nicht erst kostspielig angelegt werden. Vermutlich deshalb ist die Region als Hauptstandort für das staatlich initiierte Photovoltaik-Projekt "Helios" vorgesehen, das Ende Februar vom damaligen griechischen Umweltminister in Brüssel vorgestellt wurde. Griechenland will die Photovoltaik im Land massiv ausbauen und Solarstrom in andere EU-Staaten exportieren. Ausländische Investitionen sollten fürs "Helios"-Projekt gewonnen werden.

Ausschau nach Investoren

Die griechischen Kommunalpolitiker halten bereits Ausschau nach Investoren und stellen stadteigene Flächen zur Verfügung. Ein solcher Investor könnte die westdeutsche Stadt Detmold sein. Die 70.000-Einwohner Stadt in Nordrhein-Westfalen verfolgt seit Jahren eine erfolgreiche Investitionspolitik bei erneuerbaren Energiequellen. Über eine Trägergesellschaft mit anderen deutschen Kommunen und dem Energieriesen RWE betreiben die Stadtwerke Detmold Windparks in der Nordsee und in Schottland.

Bei einer Tagung in Thessaloniki konnten die örtlichen Bürgermeister vor kurzem direkt mit Vertretern der Detmolder Stadtwerke über mögliche Investitionen sprechen. Zwei Fragen seien zu klären, bevor man sich für ein Engagement in der Region entscheide, so Stefan Freitag von den Detmolder Stadtwerken. "Wir haben auf der einen Seite das Wechselkursrisiko, das signifikant werden könnte, sollte sich die Situation zuspitzen und Griechenland nicht mehr in der Eurozone verbleiben." Außerdem soll der Netzbetreiber dem Investor einen tragfähigen Finanzierungsplan für die nächsten 20 Jahre vorlegen können.

Der menschliche Faktor

Jorgos Adamidis, Vorsitzender der betriebseigenen Gewerkschaft beim griechischen Energieunternehmen DEI Copyright: DW (Panagiotis Kouparanis)

Gewerkschaftler Adamidis gegen den Umstieg auf Solarenergie

Auch die Menschen in der Region müssen den Wandel wollen. Ohne sie wird es schwierig sein, Neuerungen umzusetzen. Mit fast 7000 Festangestellten und 3500 Saisonarbeitern ist die DEI der wichtigste Arbeitgeber der Region. Trotz der drastischen Kürzungen liegen die Löhne der DEI-Beschäftigten mit 2500 Euro im Monat weit über den Landesdurchschnitt. Tatsächlich aber befürchten die Beschäftigten der DEI arbeitslos zu werden, wenn die Braunkohlekraftwerke durch Photovoltaik- und Windanlagen ersetzt werden. Denn dafür benötigt man bei weitem nicht so viel Personal.

Gegen diese Strategie verschließt sich auch die DEI-Betriebsgewerkschaft. Der rasante Umstieg auf erneuerbare Energien geschehe zu Lasten "des nationalen Kraftstoffs, der Braunkohle", beklagt Jorgos Adamidis, Vorsitzender der DEI-Betriebsgewerkschaft. "Die Verwendung von Braunkohle ist quasi kriminalisiert worden. Wir brauchen konventionelle Energiequellen, für den Fall, dass weder die Sonne scheint noch der Wind bläst." Griechenlands Grundenergiequelle müsse daher die Braunkohle bleiben, fordert der Gewerkschaftler.