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Deutschland

Kohl-Protokolle heizen Nachlass-Streit an

Einst wurde Heribert Schwan von Helmut Kohl beauftragt, seine Biografie zu schreiben. Später kündigte Kohl die Zusammenarbeit auf. Jetzt bringt Schwan den Altkanzler mit einer Veröffentlichung in die Bredouille.

"Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" - unter diesem Titel erscheint jetzt ein neues Buch über Helmut Kohl. Der frühere Bundeskanzler ist damit offenbar nicht einverstanden: Nach Informationen des Magazins Focus hat Kohl bereits seine Anwälte eingeschaltet, um das Buch zu stoppen. Denn der Buchautor Heribert Schwan hat beim Schreiben womöglich jene Tonbänder aus Gesprächen mit Kohl verwertet, deren Nutzung ihm vom Oberlandesgericht Köln im August untersagt wurde.

Kohls Abrechnung: Von Nullen ohne Tischmanieren

Das neue Werk von Heribert Schwan, der einst das volle Vertrauen des Altkanzlers genoss und auch dessen Memoiren mit verfasste, stand bereits vorab dem "Spiegel" zur Verfügung. "Abrechnung" nennt das Hamburger Magazin die Gesprächsprotokolle und belegt das mit einer Reihe von deftigen Kohl-Zitaten. Der Zusammenbruch der DDR etwa ist nach Meinung des Altkanzlers nicht das Verdienst der Bürgerrechtsbewegung gewesen. Vielmehr sei es die Schwäche Moskaus gewesen, die die Wende herbeigeführt habe: "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte."

Helmut Kohl 1990 zu Besuch bei Michail Gorbatschow in Moskau. (Foto: dpa)

Der Schlüssel zur Einheit lag in Moskau - Kohl überzeugte Michail Gorbatschow von der Wiedervereinigung

In den Gesprächen mit seinem Ex-Biografen Schwan soll Kohl - rund drei Jahre nach seiner Abwahl - auch mit einigen

Parteifreunden hart abgerechnet

haben. Angela Merkel "hat keine Ahnung", soll er über die jetzige Kanzlerin gesagt haben. Und: "Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen."

Zusammenarbeit und Bruch mit Schwan

Der Kölner Journalist Heribert Schwan hat als Co-Autor die Autobiografie des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl mitgeschrieben. Dazu führte Schwan mit Kohl viele Gespräche. Als drei der geplanten vier Bände der Kohl-Biografie fertig waren, beendete Kohl die Zusammenarbeit mit seinem Ghostwriter. Es folgte ein Rechtsstreit um die Tonbandaufnahmen der Gespräche mit dem Ex-Kanzler. Das Drama um das Kohl-Vermächtnis, in dem jetzt ein neuer Akt beginnt, nahm bereits drei Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft seinen Anfang.

Bänder mit Erinnerungen und Memoiren entstehen

Denn ab 2001 traf sich Kohl-Biograf Schwan mit dem Kanzler in dessen Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen in Süddeutschland - insgesamt 105 Mal. Sie führten stundenlange Gespräche. Schwan zeichnet sie auf Tonband auf. So entsteht die Grundlage für die Kanzler-Memoiren: 135 Tonbänder, Aufzeichnungen von etwa 630 Stunden Länge.

Acht Jahre lang arbeitet Heribert Schwan mit Helmut Kohl an dessen Memoiren. Drei Bände mit dem simplen Titel "Erinnerungen" sind bereits veröffentlicht worden. Sie umfassen die Jahre 1930-1994. Die letzten vier Jahre Kohls im Kanzleramt bis zu seiner Abwahl 1998 fehlen noch.

Maike Kohl-Richter mit Altkanzler Helmut Kohl im Mai 2013. (Foto: David Ebener/dpa)

Kohls zweite Ehefrau hat in den Jahren von 1994 bis 1998 als Referentin im Bundeskanzleramt gearbeitet

300 Seiten des letzten Bandes hat Co-Autor Schwan bereits geschrieben, als Kohl im März 2009 die Zusammenarbeit mit dem Journalisten aufkündigt. Schwan vermutet Kohls zweite Ehefrau Maike Kohl-Richter hinter der Entscheidung. Schon bei einem anderen Projekt hatte es vorher Konflikte zwischen dem Publizisten und der Kanzlergattin gegeben.

Im Februar 2008 erleidet Kohl bei einem Treppensturz in seinem Haus schwere Kopfverletzungen. Seitdem ist der einst mächtige Politiker auf den Rollstuhl angewiesen, kann nur noch mit Mühe sprechen. Die Bedeutung der Tonbandaufnahmen aus den Jahren 2001 und 2002 steigt damit enorm. Sie sind laut "Spiegel" "der letzte authentische Blick des Altkanzlers auf seine Regierungsjahre".

Rechtsstreit Kohl vs. Schwan

Heribert Schwan im Juli 2014 in Köln. F(oto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Heribert Schwan hat in Kohls Namen als Ghostwriter drei Memoirenbände des früheren Bundeskanzlers verfasst

2013 fordert Kohl gerichtlich die Aufnahmen zurück. Das Oberlandesgericht Köln, wo Heribert Schwan seinen Wohnsitz hat, gibt ihm in der ersten Instanz recht, wogegen Schwan in Berufung geht. Der Biograf übergibt die Bänder, lässt aber zuvor Abschriften anfertigen. Am 1. August 2014 werden die Originalbänder in zweiter Instanz zu Kohls Eigentum erklärt. Doch der juristische Streit geht weiter: Schwan legt gegen das Kölner Urteil Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe ein. Er erhebt als Co-Autor von Kohls "Erinnerungen" weiterhin Anspruch auf die Tonbänder.

Im Frühjahr 2014 beansprucht Meike Kohl-Richter in einem Interview, "die alleinige Entscheidungsbefugnis" über den künftigen Nachlass ihres Mannes solle bei ihr liegen. Sie überlege, eine private Kohl-Stiftung zu gründen. "Wenn Helmut Kohl einmal tot ist, wird es unweigerlich zum Streit mit seiner Frau um die Deutungshoheit über das Leben des Altkanzlers kommen", sagt Heribert Schwan. Der Streit um die Tonbänder ist auch eine Geschichte über verletzte Eitelkeiten, über zerstörtes Vertrauen - aber auch ein Kampf um das politische Vermächtnis des Altkanzlers.

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