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Deutschland

Kofferschleppen für 1,05 Euro

Schwarze Asylbewerber tragen Koffer und bekommen 1,05 Euro. Diese Schlagzeile sorgte für reichlich Empörung in Deutschland. Die Debatte zeigt jedoch auch die Realität in Deutschland lebender Flüchtlinge.

So viel Aufmerksamkeit hat die Stadt Schwäbisch Gmünd mit ihren 70.000 Einwohnern in Baden-Württemberg wohl noch nie bekommen: Flüchtlinge aus dem Gmünder Asylbewerberheim helfen Bahnreisenden beim Koffertragen und bekommen dafür nur 1,05 Euro pro Stunde. Soziale Netzwerke, die Leserkommentare der lokalen Tageszeitung und auch das E-Mail-Postfach des Schwäbisch Gmünder Oberbürgermeisters laufen voll. Von Rassismus- bis zu Neokolonialismusvorwürfen ist alles dabei.

Dabei wollte Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) zwei Probleme auf einmal lösen. Da der Bahnhof der Stadt derzeit umgebaut wird, können die Reisenden die Gleise nur über eine große provisorische Stahltreppe überqueren. Für Passagiere mit großem Gepäck ein unüberwindbares Hindernis. Deswegen hatte Arnold die Idee, Flüchtlinge aus dem Asylbewerberheim zu fragen, ob diese beim Koffertragen helfen würden, so könnten sie mit den Gmünder Bürgern in Kontakt kommen und hätten eine Beschäftigung: Sofort meldeten sich freiwillig zehn Flüchtlinge aus verschiedenen afrikanischen Ländern, Afghanistan und Pakistan. Das Gehalt durfte jedoch nur bei 1,05 Euro pro Stunde liegen. Mehr erlaubt das deutsche Asylbewerberleistungsgesetz nicht.

Koffertragen am Bahnhof als Integrationsprojekt

Flüchtling trägt Koffer (Foto: dpa)

Die Bahn beendete die Aktion - Die Flüchtlinge sind jetzt enttäuscht

Hinzu kam ein Bericht der lokalen Tageszeitung und Fotos, auf denen der hoch gewachsene Oberbürgermeister im weißen Hemd neben den Asylbewerbern posiert und ihnen Strohhüte aufsetzt. "Das mit den Strohhüten, das hätte wirklich nicht sein müssen", gesteht Arnold rückblickend im Gespräch mit der DW ein. Trotzdem steht er noch immer zu der ursprünglichen Idee des Projekts: "Meine Intention ist es, dass alle, die in Schwäbisch Gmünd leben, dazugehören. Und unsere Flüchtlinge gehören auch dazu."

Kurz nachdem die Aktion in ganz Deutschland empörte Reaktionen hervorrief, zog sich die Deutsche Bahn wieder aus dem Projekt zurück. "Die konkreten Arbeitsbedingungen sind der Deutschen Bahn erst jetzt bekannt geworden", heißt es in einer Stellungnahme.

Deepak Singh macht die Debatte traurig. Er befürchtet, dass in Zukunft andere Menschen, die Flüchtlingen helfen wollen, eher davor zurück schrecken werden. Der Inder musste aus seinem Heimatland fliehen. Sein Vater wurde aus politischen Gründen verfolgt und kam im Gefängnis um. 2011 kam der 32-Jährige in das Asylbewerberheim in Schwäbisch Gmünd.

Sieben Personen in einem Zimmer

Er weiß, wie das Leben ohne Beschäftigung und auf engstem Raum ist. "Wir haben mit sieben Leuten in einem Zimmer gelebt", erzählt er der DW. Sieben Menschen, die sich vorher nicht kannten und auch sonst keinen Bezug zueinander hatten: "Es war nicht einfach. Manche wollen um zwei Uhr Nachts schlafen, andere wollen im Zimmer rauchen und ich rauche nicht", erzählt der Inder. Doch das schlimmste sei das Gefühl, nutzlos zu sein und nichts tun zu können, sagt Deepak Singh. Keine Beschäftigung, keine sozialen Kontakte und die Unterkunft Kilometer vom nächsten Stadtzentrum entfernt. So sieht die Realität in vielen Flüchtlingsunterkünften in ganz Deutschland aus.

Theateraufführung der Stauffersaga der Stadt Schwäbisch Gmünd. Menschen winken. (Foto: privat)

Beim 850. Stadtjubiläum spielte Deetap Singh (re.) den Edelmann

Deepak Singh hatte jedoch Glück. Manfred Köhnlein, Gründer der lokalen Flüchtlingsinitiative "Arbeitskreis Asyl", bot ihm nach ein paar Monaten an, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung auszuhelfen: Kranke Menschen zum Arzt fahren, unterhalten, spazieren gehen. Fünf Mal die Woche, fünf Stunden am Tag. Dafür bekam er 1,05 Euro pro Stunde. "Wegen dieser Arbeitsstelle habe ich heute alles: Ich habe meine Aufenthaltserlaubnis, ich habe Freunde und kann Deutsch sprechen. Das war sehr, sehr wichtig", sagt Deepak Singh im Blick zurück. Heute arbeitet Deetap Singh in einer Gärtnerei und besucht das Abendgymnasium, um einen in Deutschland anerkannten Schulabschluss zu bekommen. Danach will er ein Studium beginnen.

Neun Monate Arbeitsverbot für Flüchtlinge

Asylsuchende, die nach Deutschland kommen, haben ein neunmonatiges Arbeitsverbot: Tätigkeiten wie die von Deepak Singh oder das Koffertragen am Bahnhof dürfen aus diesem Grund nicht mit einem höheren Stundenlohn als 1,05 Euro vergütet werden - so steht es im Gesetz.

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer und verantwortlich für die Pressearbeit von PRO ASYL (Foto: Pro Asyl ***Achtung: grenzwertige Bildqualität! Nicht für Artikelbild geeignet!***

Bernd Mesovic: "Man kann Menschen nicht parken"

Bernd Mesovic von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fordert, dass dieses Gesetz abgeschafft wird, es sei diskriminierend. Außerdem gingen der Gesellschaft in der Zeit, in der Asylsuchende zum Nichtstun gezwungen werden, viele Ressourcen verloren: "Ich kann jemanden, der heute kommt, nicht zwei Jahre auf Eis legen und danach sagen: Jetzt geht es weiter. Das menschliche Leben lässt sich nicht parken." Sein Vorschlag: Man solle Asylsuchenden integrative Maßnahmen bieten, durch die sie ihre Qualifikationen nicht verlieren.

Arbeiten für 1,05 Euro pro Stunde hält er dagegen für keine integrative Maßnahme, das sei menschenunwürdig. Da kann die Geste noch so gut gemeint sein: "Gleichberechtigte Bedingungen bedeutet, dass man auch die gleiche Bezahlung bekommt." Außerdem bestünde immer die Gefahr, dass ein regulärer Arbeitsplatz mit den viel billigeren Flüchtlingen besetzt würde und man somit ihre Situation ausnutze, so Mesovic.

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