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Amerika

Kochen mit Hebe de Bonafini

Sozialistisches Huhn und andere Rezepte gegen den Kapitalismus – Kochkurs mit der argentinischen Madres-Präsidentin Hebe de Bonafini.

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Die Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo, Hebe de Bonafini

Der Name Hebe de Bonafini ist in Argentinien mit einem düsteren Kapitel der jüngsten Geschichte des Landes verbunden: mit der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, während der nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen rund 30.000 Menschen ermordet wurden. Die heute 80-jährige ist die Präsidentin der Madres, der Mütter der Plaza de Mayo, die seit mehr als 30 Jahren Aufklärung über das Schicksal ihrer Kinder fordern.


Mit dem Mut der Verzweiflung Bevor Hebe de Bonafinis zwei Söhne von Schergen der Militärdiktatur verschleppt wurden, um nie wieder aufzutauchen, war die Argentinierin eine einfache Hausfrau, die jeden Tag für ihre Familie kochte. "Ich habe immer gerne gekocht. Einige sagen, Kochen sei eine Kunst – für mich ist es eine Leidenschaft", sagt die Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt und fügt hinzu, in der Küche entspanne sie sich. "Ich koche schnell, es macht mir Spaß und ich improvisiere gern." Als nach dem Putsch im Jahr 1976 ihre Kinder verschwanden, ließ Hebe de Bonafini Haus und Herd zurück – genauso wie viele andere betroffene Frauen. Sie klapperten Polizei- und Justizbehörden sowie Militäreinrichtungen ab und stellten sich bei ihren Protestrunden auf der Plaza de Mayo mit dem Mut der Verzweiflung den Sicherheitskräften entgegen. Bald wurden die Mütter zu Symbolfiguren des Widerstands gegen die Diktatur, später gegen die Straflosigkeit.

Kochkurs der Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo, Hebe de Bonafini 3

Kochen und dabei über Politik sprechen - das ist das "Rezept"

Kulinarische Kreationen mit politischer Würze


Heute schwingt Hebe de Bonafini wieder den Kochlöffel – und das ausgerechnet auf dem Gelände der ESMA, eines ehemaligen Folterzentrums des Militärregimes. "Cocinando política" heißt ihre Kochveranstaltung, frei übersetzt: "Politik im Kopftopf". Und während sie Braten würzt und Empanadas füllt, kommentiert sie die Politik – und den Kapitalismus. "Das kapitalistische System mit seinen Medien, mit dem Fernsehen und dem ganzen Müll, der aus den USA kommt – Fastfood, McDonalds und so weiter – hat unsere Art zu essen verändert. Selbst für die armen Leute. Die Supermärkte verkaufen, was sie wollen. Warum essen wir heute nicht mehr unsere köstlichen, heimischen Saaten: Quinua, Gerste und Weizen ? Ich bringe den Leuten bei, mit diesen Körnern zu kochen. Und kein Gericht darf mehr als drei Pesos pro Person kosten." Drei argentinische Pesos, das sind 66 Euro-Cents. Auch in Argentinien leiden die Menschen unter steigenden Lebensmittelpreisen – da sind preiswerte Kochrezepte willkommen. Hebe de Bonafinis erster Kochkurs im vergangenen Herbst war gut besucht – rund fünfzig Personen kamen jeden Dienstagabend ins Kulturzentrum Unsere Kinder, das die Mütter auf dem ESMA-Gelände eingerichtet haben.


Kochkurs der Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo, Hebe de Bonafini 2

Che Guevara ist immer am Körper

Revolutionsheld auf Kochschürze

Vor wenigen Tagen hat der zweite Kurs begonnen. In dem Raum mit offener Küche hängen Bilder von Che Guevara an der Wand. Das Antlitz des kubanischen Revolutionshelden argentinischer Herkunft prangt auch auf Hebe de Bonafinis Kochschürze. Unter den Teilnehmern sind überwiegend ältere Semester, darunter auffällig viele Männer. Nestor war bereits im ersten Durchgang dabei: "Es war interessant, weil wir wie zu Hause gekocht haben. Kein Restaurant-Essen, sondern Gerichte, wie sie früher in den Familien zubereitet wurden. Essen wie bei Muttern, und Hebe ist die Mutter, nicht wahr? Und dabei haben wir über Politik geredet." Gemeinsame Mahlzeiten mit Zeit für politische Diskussionen also - statt Pizza-Service und schnellen Fertiggerichten.

Mütter des Plaza de Mayo, Demonstration in Argentinien

Hebe de Bonafini (Mitte) bei einer der Donnerstags-Demonstrationen

Umstrittene Symbolfigur

Hebe de Bonafini, bekennende Anhängerin von Venezuelas linkspopulistischem Präsidenten Hugo Chavez, hält mit ihren politischen Meinungen generell nicht hinter dem Berg. In der Vergangenheit sorgte sie in Argentinien mehrfach für Empörung – etwa, als sie Zufriedenheit über die Attentate des 11. September 2001 in New York äußerte oder ihre Sympathie mit der baskischen Untergrundorganisation ETA und der kolumbianischen FARC-Guerilla ausdrückte. Wegen solcher Ansichten ist Hebe de Bonafini in ihrem Land mittlerweile eine durchaus umstrittene Figur. Selbst viele Menschen, die die Verbrechen der Diktatur verurteilen, stehen der Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo skeptisch gegenüber. 1986 spaltete sich eine Mütter-Gruppe von de Bonafinis Organisation ab und warf ihr einen undemokratischen Führungsstil vor. Grund für die Trennung war auch ein Streit über die Annahme staatlicher Entschädigungszahlungen für die verschwundenen Kinder – de Bonafini lehnte diese ab. Zur heutigen Regierung, unter der die juristische Aufarbeitung der Diktatur wieder in Gang gekommen ist, pflegt sie ein äußerst enges Verhältnis. Etwa stärkte sie Präsidentin Kirchner im Konflikt mit den Bauern den Rücken und schenkte ihr demonstrativ ihr weißes Kopftuch, das Erkennungszeichen der Mütter.

Kochkurs der Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo, Hebe de Bonafini 6

Die Kochkurse bei Hebe de Bonafini sind gut belegt

Das sozialistische Hühnchen steht hoch im Kurs

Kochen tut Hebe de Bonafini also ohne Kopftuch – und führt etwa vor, wie aus einem Hühnchen ein sozialistisches Hühnchen wird: "Als meine Kinder klein waren, habe ich ein Huhn so weit wie möglich gestreckt. Ich habe daraus alles mögliche gemacht: Schnitzel, Eintopf, Suppe. Mein Sohn sagte: Mama, jeden Tag essen wir Hühnchen, aber eigentlich ist es so, als würden wir nie welches essen, denn es schmeckt alles kaum danach. Als er heiratete und selber wenig Geld hatte, kam er eines Tages, brachte ein Huhn mit und bat mich: Mama, machst Du mir daraus ein sozialistisches Huhn? Und ich machte daraus Hähnchenschnitzel, Hühnchensalat, Brühe und Reis mit Huhn."

Autorin: Victoria Eglau / Redaktion: Esther Broders