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Nahost

Kobane - ein vergessenes Symbol

Monatelang hat die Welt den Kampf zwischen dem "Islamischen Staat" und den Kurden um Kobane verfolgt. Nach dem Ende der Gefechte und der fast vollständigen Zerstörung der Stadt gelingt der Wiederaufbau nur schleppend.

Idriss Nassan Alirahim ist zum Gespräch ins Zentrum von Berlin gekommen. Nur wenige Schritte entfernt von den feinen Boutiquen der Hauptstadt und den mächtigen Glasfronten des Bundestages berichtet er mit leisen Worten über Tod und Zerstörung in seiner Heimat. Sein Haus sei fast vollständig von Extremisten des "Islamischen Staates" zerstört worden. "Nur einen Raum haben sie nicht angerührt." Idriss Nassan Alirahim zuckt mit den Achseln: "Vielleicht haben sie ihn als Unterschlupf genutzt."

Das Haus des Syrers in der überwiegend kurdischen Stadt Kobane wurde von den Extremisten belagert, als sie versucht haben, die autonome kurdische Enklave zu erobern. Gut fünf Monate lang verfolgten die Medien die Kämpfe zwischen Angreifern und Verteidigern der Stadt von der nur wenige hundert Meter entfernten türkischen Grenze. Tausende Einwohner flohen. Kobane wurde in den Medien zu einem mächtigen Symbol für den Widerstand gegen die Dschihadisten, die große Teile Syriens und des Iraks zuvor erobert hatten.

Im Januar konnten die Bürger Kobanes aufatmen. Mit Hilfe kurdischer Kämpfer aus dem Nordirak und US-geführter Luftangriffe gelang es den Verteidigern der Stadt, die Milizen des "Islamischen Staates" in die Flucht zu schlagen und der Terrororganisation eine schwere Niederlage beizubringen.

Über zwei Drittel der Stadt zerstört

Porträt Idriss Nassan Alirahim (Foto: DW)

Idriss Nassan Alirahim: "Brauchen dringend Unterstützung aus dem Ausland"

Die abziehenden Kämpfer des IS hinterließen eine Stadt in Trümmern. "Zwischen 70 und 80 Prozent von Kobane sind zerstört und die Infrastruktur ist beschädigt", berichtet Idriss Nassan Alirahim, der als Vize-Außenbeauftragter der Stadt politisch aktiv ist. Während viele Geschäfte wieder geöffnet haben, die zentrale Bäckerei ihren Betrieb wieder aufgenommen hat und auch einige Gesundheitszentren wieder arbeiten (eines davon in Regie der "Ärzte ohne Grenzen"), gibt es für die nach Kobane zurückkehrenden Flüchtlinge weder fließendes Wasser noch Strom. "Wir pumpen Wasser aus lokalen Brunnen, aber das ist nicht genug", bemerkt er achselzuckend. Ein weiteres Problem, ergänzt der Politiker, ist der Mangel an Treibstoff: "Wir haben nur sehr geringe Mengen."

Deutlich schwerer wiegt allerdings, dass bis heute nur wenig humanitäre Hilfe oder Baustoffe in die Stadt gelangen, so Idriss Nassan Alirahim. Die türkischen Behörden, sagte er, seien nicht bereit, die Grenzen zur Enklave zu öffnen, da diese von kurdischen Kämpfern der Volksverteidigungseinheiten (YPG), einem syrischen Ableger der PKK, kontrolliert werde. Die linke Arbeiterpartei Kurdistans hat bis vor kurzem einen Guerillakrieg gegen den türkische Staat geführt.

Moustafa aus Kobane, der nicht mit seinem vollen Namen genannt werden will, berichtet im Telefoninterview mit der DW, dass die türkischen Grenzposten den Menschen nur die Ausreise nach Kobane erlaubten, aber nicht die Wiedereinreise in die Türkei. "Menschen, die zurück in die Türkei gelangen wollen, müssen Schlepper dafür bezahlen - das kostet manchmal bis zu 100 Dollar."

Blick auf das zerstörte Kobane im Februar 2015 (Foto: DW)

Zerstörte Stadt: Kobane nach der Befreiung von den Kämpfern des IS

IS bleibt eine Bedrohung

Auch Idriss Nassan Alirahim ist nach eigenen Angaben nur mit Hilfe von Schleusern aus Syrien heraus gelangt. Zusammen mit anderen kurdischen Politikern möchte er den internationalen Druck auf die Türkei erhöhen. "Die internationale Gemeinschaft sollte einen humanitären Korridor öffnen", fordert der Politiker.

Die kurdischen Kämpfer, ergänzt er, brauchten zudem militärische Ausrüstung. Auch wenn sie Waffen der geflohenen Dschihadisten in ihren Besitz bringen konnten, fehlten vor allem Panzerabwehrwaffen und Mörser. Tatsächlich wird Kobane immer wieder vom IS ins Visier genommen. Vor wenigen Tagen erst starteten IS-Kämpfer nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London einen Überraschungsangriff am südlichen Stadtrand von Kobane. Aber Idriss Nassan Alirahim ist überzeugt: Kobane sei sicherer geworden, "viel sicherer".

Hilfe aus dem Ausland

Allerdings, so räumte er ein, müsse die Stadt gegen alle möglichen Widerstände kämpfen, um zu überleben. "Wir brauchen Hilfe von allen Seiten, um Menschenleben zu retten und die Bewohner mit dem Nötigsten zu versorgen." Anwohner Moustafa macht das im DW-Gespräch an einem einfachen Beispiel deutlich: Die Preise für Grundnahrungsmittel hätten sich in Kobane verdoppelt.

In der deutschen Hauptstadt beklagt Idriss Nassan Alirahim die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Er habe Angst, dass Kobane, das vor wenigen Monaten noch ein wichtiges Symbol für den Kampf gegen den IS war, zunehmend vergessen werde. Nachdem der militärische Kampf nun vorbei ist, "sei die humanitäre Seite offenbar nicht mehr so wichtig für das Ausland". Aber, fügt er nach einer Pause hinzu, er sei voller Hoffnung, dass Hilfe Kobane erreichen und die Stadt wieder aufgebaut werden könne. Bis dahin würde er weiterhin mit seiner Familie in dem einzig verbliebenen Zimmer seines zerstörten Hauses leben. Auch wenn das nun alles sei, was sie hätten, sei er glücklich, sagt der Politiker lächelnd, "weil wir das Haus von diesen Terroristen befreit haben".

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