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Wirtschaft

Knochenjob Spargelstechen

Aufgrund der hohen Temperaturen hat die Spargelsaison in diesem Jahr früher als üblich begonnen. Doch die Zahl der polnischen Erntehelfer verringert sich, und die Deutschen scheuen die harte und schlecht bezahlte Arbeit.

Eine Kiste voller Spargel

Edles Gemüse, aufwendige Ernte

"Hier steht der Spargel. Jetzt machen wir mit zwei Fingern ein Loch, gehen mit dem Messer ran und schneiden ihn ab." Mit einer Maschine, die aussieht wie ein Servierwagen auf vier Rädern, hebt Andreas Kuckert die schwarze Folie von den Erdhügeln hoch, aus denen weiße Spargelspitzen hervor sprießen. 50 bis 100 Kilogramm des Edelgemüses sticht der deutsche Erntehelfer jeden Tag, je nachdem wie gut der Spargel gewachsen ist. Er erzählt: "Wir sind das alle gewöhnt, wir kommen alle vom Land, haben oft noch ein bisschen Viehzeug." Alle die aus der Stadt kamen, wären ganz schnell wieder weg gewesen, so Kuckert weiter. Die hätten sofort Rückenprobleme bekommen. Dann zeigt er auf die Folie und sagt: "Fassen Sie die mal an, wie schwer die ist. Früher haben wir die hochklappen müssen, haben den Spargel gestochen und dann die Folie wieder zugeklappt." Und das über eine Länge von 400 Metern und zurück.

Frau mit Korb voller Spargel

Beelitzer Spargelkönigin zeigt die ersten weißen Spitzen

Auf dem Nachbarfeld arbeitet eine Gruppe Polen. Ohne Folienhebemaschine und sichtbar schneller als die Deutschen. Bis zu 120 Kilogramm Spargel sticht ein polnischer Erntehelfer pro Tag und daher sind die Saisonarbeiter aus dem östlichen Nachbarland im brandenburgischen Beelitz auch heiß begehrt. Jürgen Jakobs, der mit seinem Bruder Josef zwei Höfe und insgesamt 1,5 Quadratkilometer Spargelfelder in der Region bewirtschaftet, beschäftigt pro Saison 300 polnische Erntehelfer. In diesem Jahr allerdings ist alles etwas anders. "Wir haben in diesem Jahr viele neue Gesichter, da viele altbewährte Mitarbeiter teilweise nach England oder Skandinavien gehen", sagt Jakobs. "Die Leute sagen: Bei euch verdienen wir mit Grundlohn und Prämienzuschlag vielleicht fünf oder sechs Euro, aber haben in den skandinavischen Ländern teilweise zwölf bis fünfzehn Euro."

Gute Erfahrungen mit Polen

Jürgen Jakobs hat Verständnis für diejenigen, die in diesem Jahr weg bleiben. Er bemüht sich um Ersatz. 60 Arbeiter sucht er noch für die bis Ende Juni dauernde Saison und auch die sollten unbedingt aus Polen kommen. "Mein Bruder spricht perfekt polnisch und wir vertrauen unseren Polen. Wir haben eine wirklich gute Beziehung zueinander", sagt er. Sie scheuten sich aber davor, Rumänen oder Bulgaren zu beschäftigen, weil in diesen Völkern teilweise eine andere Mentalität herrsche.

Auch die deutschen Erntehelfer sind in Beelitz nicht besonders gefragt. Seit dem vergangenen Jahr gibt es eine Quote für deutsche Arbeitskräfte, die ursprünglich bei 20 Prozent lag. Mittlerweile müssen es nur noch zehn Prozent sein, aber selbst die, so weiß Jürgen Jakobs, sind schwer zu finden. Mit Hilfe der Arbeitsagentur und mit Zeitungsinseraten bekommt er ausreichend deutsche Kräfte nur für die Gastronomie und die Verkaufsläden auf seinen Spargelhöfen, aber nicht für die Feldarbeit. "Einer, der ein Schreiben vom Amt erhält mit der Aufforderung, er soll sich mal vorstellen, der sucht nach fünf Gründen: Es ist zu weit draußen, es gibt keinen Bus, er hat kein Auto, es ist zu früh, es ist zu kalt, es ist zu nass", meint der Spargelbauer. Er würde immer einen Grund finden, warum er diese Arbeit nicht aufnehmen wollte.

Schlechte Bezahlung

Erntehelfer aus der Vogelperspektive

Beelitz ist die größte deutsche Anbauregion für Spargel

Ein Grund ist auch die Bezahlung. Die findet auch Erntehelfer Andreas Kuckert nicht besonders attraktiv. Aber der gelernte Maurer, der auch nach einer Umschulung zum Dachdecker keinen Job fand, steht lieber auf dem Feld, als zuhause zu sitzen. "Vier Euro plus 18 Euro am Tag vom Arbeitsamt als Stütze, damit man herfahren kann. Sonst wäre es ein bisschen knapp", schildert Kuckert die finanzielle Lage. Damit haben die deutschen Erntehelfer deutlich mehr im Portemonnaie als ihre polnischen Kollegen, selbst wenn sie wegen der geringeren Leistung von ihrem Arbeitgeber in der Regel keine Prämien bekommen. Aber auch das reicht als Motivation für den Knochenjob auf dem Feld nicht aus.

Für Jürgen Jakobs ist es häufig unverständlich, wenn gesagt wird, die Arbeit sei unzumutbar. "Wenn ich von den Leuten erwarten würde, dass sie hier mit giftigen Chemikalien arbeiten müssten, dann wären das andere Geschichten. Aber zu sagen, das sind ja Polen, die können das ruhig machen, für mich ist das nicht zumutbar, das halte ich für unsinnig." Jemandem, der körperlich nicht in der Lage ist, zu sagen: Du hast einen Bandscheibenvorfall und musst jetzt Spargel stechen gehen, das sei natürlich unsinnig. "Das kann ich einem Maler oder Tapezierer auch nicht zumuten."

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