1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Knoche: "Bücher wie Ascheklumpen"

Die Brandschäden sind weitgehend beseitigt, ein Großteil der Bücher restauriert. Der Direktor der Anna Amalia Bibliothek, Michael Knoche, erinnert sich an die Brandkatastrophe, "als sei sie gestern gewesen".

Die Rettung der jahrhundertealten Bücher ist gut vorangegangen: von den 50.000 verloren gegangenen Büchern konnte 10.000 antiquarisch hinzugekauft werden. Die "schwersten Patienten" werden allerdings noch einige Jahre in den Restaurierungswerkstätten verbringenmüssen. Zehn Jahre nach dem Brand, dessen Ursache nicht eindeutig geklärt werden konnte, tauchen sogar verloren geglaubte Werke auf: eine Erstveröffentlichung von Nikolaus Kopernikus' "De revolutionibus orbium coelestium" ist unter den Ascheklumpen in einer Kiste entdeckt worden. Mit seinen Erkenntnissen über die Erde und das Sonnensystem erschütterte Kopernikus 1543 die mittelalterliche Welt.

Michael Knoche - seit 1991 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek - erzählt im DW-Interview, wie wichtig dieser Fund für die kostbaren historischen Bestände der Bibliothek ist und wie präsent ihm die Ereignisse von damals bis heute sind.

DW: Die Brandnacht ist jetzt zehn Jahre her. Was für Erinnerungen haben Sie noch daran?

Michael Knoche: Die Ereignisse der Nacht stehen mir noch so lebendig vor Augen, als ob sie gestern gewesen wären. Ich wurde um 20.25 Uhr von einem Mitarbeiter benachrichtigt, dass Flammen im Stammhaus der Bibliothek entdeckt wurden. Ich war etwa sechs Minuten später schon vor Ort, da ich in der Nähe wohne, und sah dann auch mit eigenen Augen, dass Rauch aus dem Dachboden aufstieg. Da wurden mir die Knie weich, und mir wurde klar, dass es sich nicht um einen Fehlalarm handelte, sondern um eine Katastrophe.

Brand in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Schock für die Kulturwelt: Flammen zerstören das Dachgeschoss des historischen Teils der Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Wir haben dann über den Weimarer Notfallverbund, eine Hilfseinrichtung der Kultureinrichtungen hier vor Ort, in einer Telefonkette die Helfer verständigt. Sie trafen kurz nach der Feuerwehr ein, die um 20.31 Uhr vor Ort war. Mit diesen Helfern haben wir dann gleich begonnen, einzelne, besonders wertvolle Kunstwerke und Bücher aus dem Rokokosaal herauszubringen.

Und die Feuerwehr hat Sie einfach so gewähren lassen?

Der Brand ist im Dachbodenbereich ausgebrochen, und der Rokokosaal liegt im ersten Stock. Zwischen den Helfern und dem brennenden Dach lagen also zwei Stockwerke. Anderthalb Stunden lang ließ die Feuerwehr das auch noch zu, weil sie darin keine große Gefahr sah. Das Haus brannte im Dachbereich lichterloh, aber im Inneren konnte man noch Bücher bergen.

Sie sollen ja selbst eine Luther-Bibel gerettet haben...

Das war zu einem späteren Zeitpunkt, als die Feuerwehr die Situation für zu kritisch hielt und befürchtete, dass das Haus in sich zusammenbrechen würde. Es durften dann keine Zivilpersonen und auch die Feuerwehrleute selbst nicht mehr in das Haus hineingehen. Erst in dem Moment fiel mir ein, dass unser wichtigstes Stück immer noch im Rokokosaal auf der ersten Galerie stand. Ich bin dann mit einem Feuerwehrmann zusammen noch mal reingegangen und habe das Buch rausgeholt. Es hat sich nachträglich gezeigt, dass die Befürchtung unbegründet war. Das Haus ist stabil geblieben. Dass dieses Ereignis so bekannt geworden ist, hängt damit zusammen, dass es eben die berühmte Lutherbibel aus dem Jahr 1534 war. Das ist aus meiner Sicht keine besondere Tat gewesen. Es hat Leute gegeben, die sich genauso heftig und leidenschaftlich eingesetzt haben zur Bücherrettung.

Brand in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Ein Bild der Verwüstung: der weltberühmte Rokokosaal nach dem Brand im Jahr 2004

Was hatten Sie für ein Gefühl, als Ihnen klar wurde, was da gerade passiert?

Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet, immer weiter evakuiert und auch die Erstversorgung der Bücher organisiert, die wurden noch in der Nacht tiefgefroren. Wir haben eigentlich überhaupt keine Sekunde darüber nachgedacht, was da passiert ist, sondern funktioniert, so wie ja auch Sanitäter bei einem Unfall nicht groß darüber nachdenken sollten, wie schlimm alles ist, sondern handeln müssen. Die große Resignation, die große Enttäuschung kam eigentlich erst am zweiten Tag nach dem Brand, als man etwas mehr Ruhe hatte und sich die Dimensionen des Unglücks klarmachen konnte.

Es gab danach eine Welle der Solidarität, auch aus dem Ausland. Was waren das für Spender?

Zum Beispiel hat sich eine Gruppe "American Friends of the Herzogin Anna Amalia Library" gebildet, die Spenden gesammelt haben. Die Goethe-Gesellschaft Südkorea hat gespendet, aus Japan kamen Spenden, eine Schulklasse aus Brüssel hat sich besonders engagiert, die Partnerstadt Weimars, Blois in Frankreich, war dabei. Es hat über Europa hinaus eine große Unterstützung gegeben. Insgesamt haben sich 22.000 Einzelpersonen an der Rettung beteiligt.

Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Hort der Forschung: das neu errichtete Studienzentrum im Jahr 2005

Was ist für Sie heute, zehn Jahre nach dem Unglück, die größte Herausforderung?

Im Restaurierungsbereich sind es die Aschebücher. Die Bibliothek ist ja eine Forschungsbibliothek, und die steht vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen, die aber nicht unmittelbar mit dem Brand zu tun haben. Hier lautet das Stichwort Digitalisierung. Aber im Bereich Restaurierung würde ich sagen, sind es die stark verkohlten und scheinbar völlig unbrauchbaren Ascheklumpen, die wir aus dem Brandschutt geborgen haben. Die erweisen sich, sobald man die äußere Hülle entfernt, als innen noch ziemlich gut intakt.

Wir haben noch sehr viele Texte, Noten, Handschriften, alte Drucke vor uns liegen, bei denen manchmal der Einband und das Titelblatt fehlt, aber der Rest des Buches noch intakt ist. Damit umzugehen, restaurierungstechnisch und auch von der Identifizierung her, und mit der Menge zurechtzukommen - es gibt 25.000 dieser Aschebücher - das ist eigentlich die größte Herausforderung.

Eines dieser Aschebücher ist ein Sensationsfund. Warum ist das Kopernikus-Buch erst jetzt aufgetaucht?

Das hängt damit zusammen, dass wir nach dem Brand Schadensklassen gebildet haben. Die weniger beschädigten Bücher gehören in die Schadensklasse eins, die am schlimmsten betroffenen in die Schadensklasse vier, und wir kümmern uns erst um die Klassen eins bis drei, bevor wir uns mit vier befassen. Dieser Fund betrifft eben die Schadensklasse vier, an die wir jetzt erst herankommen. Wir sind noch lange nicht mit der Sichtung dieser Aschebücher durch. Wir brauchen etwa noch zwei Jahre dafür, um allein die Identifizierung abzuschließen.

In den zwei Jahren kann es immer wieder vorkommen, dass wir einen besonderen Fund machen. Der Prozess lässt sich auch kaum beschleunigen, weil natürlich so viele Spezialkenntnisse ineinander greifen müssen, um Drucke des 16. Jahrhunderts wieder bestimmen zu können. In einer dieser Schachteln der Schadensklasse vier lag eben der Kopernikus.

Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (Foto: Stiftung Weimar/Maik Schuck)

Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Bei dem Druck handelt es sich um das Werk mit dem Titel "De revolutionibus orbium coelestium". Es ist die Erstveröffentlichung von Kopernikus aus dem Jahr 1543, in der er das neue Weltbild darlegt, dass die Erde um ihre eigene Achse rotiert und Teil eines Planetensystems der Sonne ist. Das widersprach ja völlig dem mittelalterlichen Weltbild. Deshalb hat dieses Buch so eine große Bedeutung.

Es gibt noch zahlreiche Exemplare in verschiedenen Bibliotheken auf der ganzen Welt. Aber diese Exemplare sind so sehr gesucht und wissenschaftsgeschichtlich interessant, weil sie immer anders kommentiert sind, so auch unser Exemplar, dass auf dem Antiquariatsmarkt für ein Buch dieser Art 1,4 Millionen Euro bezahlt werden. 2008 wurde das letzte Exemplar dieses Kopernikusdruckes in New York für diesen Preis versteigert.

Das Wiederherstellungsverfahren eines verbrannten Buches ist sicher sehr aufwändig...

Jedes einzelne Blatt Papier wird behandelt. Zunächst wird es gewässert, um die Schadstoffe herauszuwaschen, dann wird das Papier mit einem neuen Papierbrei angefastert, damit ein Rand existiert, mit dem man hantieren kann. Anschließend wird das Buch getrocknet und schließlich noch mit einem hauchdünnen Japanpapier überfliest. Dann ist das Blatt wieder stabil und kann zusammen mit anderen Blättern wieder zu einem Buch gebunden werden.

Stammt die Handschrift am Rand der Seiten womöglich von Ihrem berühmten Vorgänger? Goethe, der hat das Buch in seinen Aufzeichnungen ja erwähnt...

So viel kann man schon sagen: Das war sicher nicht Goethe. Es ist eher eine zeitgenössische Handschrift, also aus dem 16. Jahrhundert, aber wir haben die Blätter noch nicht restauriert und sind noch nicht so weit, genau untersuchen zu können, welche Bedeutung diese Kommentare haben.

Das Interview führte Philipp Jedicke.

Die Redaktion empfiehlt