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Kultur

Knobeln im Quadrat: 100 Jahre Kreuzworträtsel

Ein Fluss in Russland mit vier Buchstaben? Keine kuriose Frage für ein Kreuzworträtsel. Die Leser der "New York World“ könnte sie 1913 überrascht haben. Damals veröffentlichte die Zeitung das erste Denkspiel dieser Art.

Ein Spiel aus der Kindheit war die Inspiration: das Magische Quadrat, bei dem waagrecht und senkrecht gleichlautende Begriffe in Felder eingetragen werden. Daran musste der Journalist Arthur Wynne denken, als er sich für die Weihnachtsbeilage der "New York World“ noch eine Kleinigkeit überlegen sollte. Er ordnete 31 Suchbegriffe in Form einer Raute an: Das Kreuzworträtsel war geboren.

Das erste Kreuzworträtsel von Arthur Wynne aus dem Jahr 1913 (Foto: Wikipedia)

Das erste Kreuzworträtsel von Arthur Wynne

So weit der "Gründungsmythos“. Ob Wynne wirklich als Erfinder des Kreuzworträtsels gelten darf oder es nur als Erster veröffentlichte, daran scheiden sich die Geister. Lewis Carroll, Autor von "Alice im Wunderland“, wird ebenso genannt wie Victor Orville. Der saß um die Jahrhundertwende in Kapstadt im Gefängnis und entwarf die Gitterrätsel. Zunächst wurde er für verrückt gehalten, doch mit Hilfe eines Wärters gelangte das Denkspiel an die Öffentlichkeit.

Rätsel fürs Volk

Der Erfinder bleibt also selbst ein Rätsel. Warum es aber Anfang des 20. Jahrhunderts zur Entstehung dieser Gattung kommt, darüber muss sich Tomas Tomasek nicht den Kopf zerbrechen. Der Germanistik-Professor ist Rätselforscher und weiß: "Die Zeit war reif.“ Neuerungen in der Drucktechnologie ermöglichten eine billigere Produktion von Zeitungen und Zeitschriften, die damit von einem Massenpublikum gekauft wurden. Denn mittlerweile konnten auch einfache Arbeiter lesen und schreiben. "Das ist die Grundlage, dass sich in dieser Zeit breite Volksmassen für das Phänomen des Rätsels interessierten“, meint Tomasek.

Eine Frau löst in der Badewanne ein Kreuzworträtsel (Foto: imago/CHROMORANGE)

Früher wurden Rätsel in geselliger Runde gelöst, heute sogar in der Badewanne

Das war neu. Zuvor grübelte vor allem das Bürgertum gerne - sei es in geselliger Runde oder über trickreiche, knifflige Fragen in anspruchsvollen Zeitschriften. Jetzt öffnete sich ein neuer Markt: "Man hatte dann ein Publikum, das stolz die Schrift benutzen konnte und einfache Fragen bekam, ohne sich gewissermaßen gehirnmässig verrenken zu müssen“, erklärt Tomasek.

Ein Phänomen

Immer mehr Zeitungen übernahmen das neue Denkspiel. 1925 erschien das Kreuzworträtsel zum ersten Mal in Deutschland in der "Berliner Illustrierte“ und begeistert seitdem in mehreren Varianten die Bundesrepublik. Heutzutage gibt es rund 300 Rätselzeitschriften, dazu kommen die vielen Kreuzworträtsel in Tageszeitungen oder Zeitschriften.

Johannes Susen (Foto: Rätselredaktion Susen)

Organisiert die Deutsche Kreuzworträtsel-Meisterschaft: Johannes Susen

Aber warum sind sie so beliebt? Der Rätselautor Johannes Susen erklärt das so: "Man bekommt eine Aufgabe gestellt, die man spielerisch unterhaltend lösen kann. Man kann seinen Wortschatz und sein Wissen damit überprüfen, verbessern und erweitern. Das macht eigentlich jeder gerne.“ Susen sollte seine Klientel gut kennen. 30 Jahre ist er schon Rätselautor und leitet seit 10 Jahren eine eigene Redaktion. Außerdem organisiert er die Deutsche Kreuzworträtsel-Meisterschaft und hat das Event nach Deutschland gebracht.

Im Moment laufen die Vorbereitungen für die vierte Ausgabe im September. Ganz so einfach ist das nicht: "Man will die Teilnehmer nicht frustrieren. Man muss Rätsel auf einfachem Schwierigkeitsgrad machen, damit jeder Punkte machen kann, aber es müssen auch ganz schwierige Rätsel dabei sein, damit man nachher wirklich einen Sieger hat“, erläutert Susen. In vier Runden werden 40 Teilnehmer darum kämpfen, die richtige Lösung waagrecht und senkrecht einzutragen.

Rätsel per Mausklick

Der Rätselautor Manfred Stock aus Berlin. Copyright: Manfred Stock

Dokumentiert die Geschichte des deutschen Rätsels: Manfred Stock

Auch sein Kollege Manfred Stock ist ein leidenschaftlicher Rätselautor. Er ist schon lange im Geschäft, rund 8000 Knobeleien hat er bereits entworfen. Mit einem Silbenrätsel steht er sogar im Guinnessbuch der Rekorde. Stock stellt einen gewissen Anspruch an seine Arbeit. Nach dem Hundelaut "wau“ oder dem Ausruf "oh“ würde er nie fragen. Stock kreiert jedoch nicht nur Rätsel, er beschäftigt sich auch mit deren Geschichte. 1860 erschien die letzte Rätselkunde, die verschiedene Formen aufführte. "Seitdem hat sich viel verändert allein an Rätselarten. Darum machte ich mich an die Arbeit", erklärt Stock. Passend zum Jubiläumsjahr veröffentlichte er auch seine "Kleine deutsche Rätselkunde".

Seit 1860 sind aber nicht nur neue Arten wie das Kreuzworträtsel und seine Variationen hinzugekommen. Auch der Beruf des Autors ist nicht mehr mit dem von Arthur Wynne vergleichbar. Mittlerweile übernimmt immer häufiger der Computer die Arbeit. Susen sieht das durchaus positiv: "Das eröffnet viel größere Möglichkeiten. Die Computerprogramme sind heute so gut, dass ich sagen kann: Gesteuert von einem Rätselmacher, der mit Herz und Verstand dabei ist, ist das unschlagbar.“ Jedoch: Früher hätten Rätselagenturen 200 bis 300 Angestellte beschäftigt, heute seien es nur noch 20.

Teilnehmer bei der Deutschen Kreuzworträtsel-Meisterschaft in Berlin (Foto: Rätselredaktion Susen)

In vier Runden müssen sich die Teilnehmer der Kreuzworträtsel-Meisterschaft beweisen

Während die Zahl der Autoren abnimmt, trifft dies auf die Rätselfans nicht zu. Johannes Susen hat deshalb für seine Meisterschaft noch große Pläne: "In den USA sind 700 Teilnehmer und 100 Auswerter vor Ort. Das ist eine Dimension, zu der wir noch hinwollen.“ Vielleicht werden die Teilnehmer der deutschen Meisterschaft dann auch nach einem Fluss in Russland mit vier Buchstaben gefragt. Die richtige Antwort wäre Newa.

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