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Kultur

"Knittas" - die kuscheligen Rebellen

Sie hängen an der Nadel: In den USA stricken Menschen kleine wollene Hüllen für Bäume, Stoppschilder und Hunde - und bringen sie nachts heimlich an, als gestrickte Graffiti. Die "Knitta"-Bewegung greift um sich.

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Brückenlaterne, warm eingekleidet: Hier waren die Guerilla-Stricker am Werk

Stricken als Grafitti

Houston, wir haben es bequem: In Texas hat der Woll-Wahn angefangen

Eine Zeitlang war Stricken für junge Menschen so interessant wie ein Zentralfriedhof zur Mittagszeit. Und der Ärger über unvollendet herumliegende Babydeckchen und halbfertig verstaubende Pullover war enorm. Aber in den USA (wo sonst) haben frustrierte Frauen eine neue Masche entdeckt. Sie legten sich coole Künstlernamen zu, AKrylik und PolyCotN, und zogen nachts durch die Straßen von Houston. Und am nächsten Morgen fand ein ahnungsloser Boutique-Besitzer seinen Türgriff mit einem pink-violetten-Wollüberzug vor.

Das war der Anfang der "Knittas" (abgeleitet vom englischen Wort für stricken), im August 2005. Seitdem hat immer wieder plötzlich das Stoppschild ein Mäntelchen an oder ein Autofahrer findet einen hübschen Antennenwärmer an seinem Jeep. Ob das illegal ist? Sachbeschädigung gar? Bisher haben sich die Guerilla-Stricker offenbar noch nicht mit Ordnungshütern in die Wolle gekriegt. "Es ist kein Vandalismus", hat AKrylik mal in einem Interview betont. PolyCotN sieht einen großen Vorteil gegenüber Graffiti: "Es bleibt dem Opfer überlassen. Wenn sie's nicht mögen, können sie es einfach abknöpfen."

Heimliche Handarbeit von Florida bis London

Stricken als Grafitti

Ein Wollschal an einer öffentlichen Statue - ist das legal?

AKrylik und Poly CotN sind nicht nur die Stars der Szene Sie haben auch noch Anhänger gefunden. Ihre "Knitta Crew" hat mittlerweile mehr als zehn Mitglieder. Und wenn in Florida ein Hund oder ein Stuhl einen entzückenden Häkelmantel trägt, waren womöglich die beiden "FemmeKnits" aus St. Augustine am Werk. Oder "The Lone Knitta" aus Jacksonville. Und in Kalifornien regieren die "Hells Knitters". Überall sind die meisten Mitglieder weiblich, nach eigenen Angaben zwischen 17 und 35 Jahre alt.

Sogar in London haben die flauschigen Rebellen Sympathisanten gefunden: Das Team "Klickety Klick" verziert Statuen, Baumstämme und Geländer von U-Bahn-Stationen. Die kalifornische Künstlerin Elaine Bradford strickt Tarnhüllen für Hirschköpfe an der Wand oder entzückende Janker für Staubsauger - mit dem Unterschied: Sie gibt sich auf Ausstellungen offiziell zu erkennen. Das käme einem echten Knitta nicht in den Sinn, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Wärme für die Welt

Stricken

'Knittas' hinterlassen wollene Graffiti

Schafwoll-Fetischisten wie die "Hell's Knitters" ziehen die Fäden im Internet. In Blogs verabreden sie sich ("Dienstag ist ein guter Tag fürs Tagging") oder kündigen die nächsten Attacken an: "Pass auf, San Marco, Du bist als nächstes dran". Eigentlich steckt hinter dem Stricken weder ein Zweck noch eine besondere Aussage, hat "AKrylik" der Houston Press verraten. Aber das Motto der Autos bestrickenden "Knitta Crew" ist trotzdem allerliebst: "Wir wärmen die Welt, Antenne für Antenne."