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Kultur

Knipsen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Urlaubsfotos wollen das Schöne zeigen. Mitunter sind sie sogar schöner als das Erlebte. Eine kleine Kulturgeschichte des Schnappschusses. Von Goethe bis zum digitalen Verschlankungseffekt.

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Angler in Brandenburg, ohne Verschlankungseffekt geknipst

Johann Wolfgang von Goethe in Kampanien

Sehnte er sich nach der Kamera? Goethe in Kampanien auf einem Gemälde von Tischbein

Wenn ich Worte schreiben will, stehen mir immer Bilder vor Augen", bekannte Goethe in der "Italienischen Reise" beim Versuch, seine Landschaftseindrücke vom gelobten Land niederzuschreiben. Seitdem es den Reisetourismus gibt - also seit Anfang des 19. Jahrhunderts - unternehmen Touristen den Versuch, Erinnerungen an ihre Reisen festzuhalten - in Form von Bildern, die sie mit nach Hause mitnehmen. Zunächst geschah dies in Form von Malerei und Skizzen der bereisten Landschaft. Dann kam die Fotografie als neue Möglichkeit der Abbildung hinzu.

Das erste Reisefoto, das sich verschicken ließ, war die Ansichtskarte. Sie erschien zum ersten Mal auf dem Drachenfels am Rhein. Moritz Mattern, der erste Hotelier auf dem Berg, hatte sie beim Verlag der Tageszeitung "Echo des Siebengebirges" drucken lassen und verkaufte sie ab 1880 in der Postagentur auf dem Gipfel. Kurz darauf wurde der Fotoapparat zum festen Bestandteil des Reisens. Mit Hilfe der Fotos, die der Reisende mit nach Hause bringt, kann er seine Urlaubserinnerungen in Form von Bildern für sich und andere festhalten. Je geringer der technische Aufwand des Fotografierens wurde, desto stärker entwickelte sich die Reisefotografie zu einem Medium der breiten Massen.

Digitale Rennaisance

Seit Mitte der 1990er Jahre erlebt das Fotografieren eine Renaissance: Die Digitalfotografie hat die Fotoapparate verkleinert, leichter, anwenderfreundlicher und sogar, was die Entwicklung der Fotos anbetrifft, kostengünstiger gemacht. Diese technische Entwicklung hat auch das Fotografier-Verhalten im Urlaub maßgeblich verändert. Mit einer schweren analogen Kamera wird kaum noch fotografiert. Nach Aussagen des Einzelhandels wurden im Jahr 2004 erstmals doppelt so viele digitale Kameras wie analoge abgesetzt.

Die Kunst der Selektion

Angela Merkel - Urlaubsfoto

Auch bekannte Menschen machen Urlaubsfotos

Die Digitalkamera kann in einer solchen Einfachheit und Schnelle das Gesehene reproduzieren und speichern, dass sich Hobby-Fotografen zu Dauerknipsern oder sogar zu Paparazzis entwickelt haben. Nur wenigen gelingt die Kunst der Selektion: Aus der Vielzahl der fotografierten Eindrücke die besten auszusuchen und nur diese dann zu archivieren. Für diejenigen, die der wachsenden Flut an geschossenen Fotos nicht mehr gewachsen sind, bieten die Kamera-Hersteller digitale Archivierungs- und Ordnungssysteme an, die das konventionelle Foto-Album ersetzen: Bilder runterladen, Texte kreieren, an den Serviceprovider mailen, der dann das fertige Buch fertig zuschickt.

Weil zu keiner Zeit so viel fotografiert wird wie im Urlaub, haben sich auch die Hersteller auf den wachsenden Bedarf an anwenderfreundlichen Kameras eingestellt. Die digitalen Kameras werden nicht nur kleiner, sie richten sich auch in ihrer Leistung immer mehr nach den typischen Gegebenheiten eines Urlaubsorts. So wie wasserdichte Kameras für Fotos vom Schnorcheln.

Digital verschlankt

Sollte der Fotografierte im Urlaub zu viel geschlemmt und einige Kilos zu viel auf der Waage abgesammelt haben - kein Problem. Inzwischen bietet der Markt Kameras an, die das Fett wegzaubern - mit einem automatischen Algorithmus. "Sie nehmen die Person auf, nehmen hinterher die Funktion Verschlankungseffekt, und dann wird die abgebildete Person proportional verschlankt", sagt Barbara Wollny aus der PR-Abteilung von Hewlett Packard. "Der Verschlankungseffekt ist in den USA der absolut größte Hit. Wir denken auch, dass er hier in Europa und in Deutschland Anhänger finden wird."

Vorbei auch die Zeiten, in denen Gesichter, vor einem Sonnenuntergang fotografiert, durch das Gegenlicht kaum zu erkennen waren: Viele der neuen Apparate können Gesichter erkennen. Gesichtserkennung sorgt dafür, dass das Gesicht automatisch "gut" wird: Erstens scharf, zweitens richtig belichtet. Wenn Goethe das geahnt hätte.

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