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Fußball

Klopp: "Wieder ein Spektakel bieten"

Einen Titel zu holen ist schwer, ihn zu verteidigen, noch viel schwerer. Das weiß Jürgen Klopp, Trainer des Meisters Borussia Dortmund. Im DW-Interview verrät er sein Saisonziel – und das lautet nicht "Meister".

Jürgen Klopp lacht (Foto: dapd)

Auf kaum einen Trainer trifft der Begriff "Fußball-Lehrer" so gut zu wie auf Jürgen Klopp. Der Meistercoach sieht sich auch als Erziehungsbeauftragter seines jungen Teams. Seine Philosophie des behutsamen Aufbaus junger Talente brachte ihm im Vorjahr den Titel "Deutscher Meister" und viel Anerkennung. Im Mai feierte Klopp noch ausgelassen mit 400.000 Fans den Titel, den es jetzt zu verteidigen gilt. Doch das ist gar nicht sein Ziel, verrät der 44-jährige Familienvater und Diplom-Sportwissenschaftler gegenüber DW-WORLD.DE. Vielmehr gehe es darum, "den Fans Spaß zu bereiten" und ihnen "ein Spektakel zu bieten", während Bayern München für ihn ausgemachter Meisterfavorit ist. Mit dieser Understatementtaktik war Klopp übrigens auch im Vorjahr erfolgreich.

DW-WORLD.DE: Jürgen Klopp, als Sie im Mai Deutscher Meister wurden, haben alle Ihre jungen Gipfelstürmer gefeiert. Aber sind die denn überhaupt schon am Gipfel angelangt?

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp (r.) streichelt vor dem Spiel Neven Subotic. (Foto: dpa)

Hat ein inniges Verhältnis zu seinem Team: Klopp (r.)

Jürgen Klopp: Ich hoffe nicht! Klar, es gibt keinen höheren Gipfel, als Deutscher Meister zu werden. Es war durchaus eine Gipfelbesteigung, aber dass meine Spieler in ihrer Entwicklung natürlich noch nicht fertig sind, davon sollten wir einfach mal ausgehen. Das wäre ja Wahnsinn, wenn sie irgendwann auf ihre Karriere zurückblicken und sagen: 'Mein bestes Jahr hatte ich, als ich 18 war.' Das wäre ein bisschen blöd. Also dementsprechend arbeiten wir daran, dass sie in ihrem Leben noch ein paar große und positive Dinge vor sich haben.

Qualität und Preis sind entscheidend, nicht das Alter

Vor der letzten Saison haben viele Experten Ihre Strategie, auf sehr junge Spieler zu setzen, noch mutig genannt. Nun haben Sie wieder sehr viele junge Spieler verpflichtet. Der Altersdurchschnitt des Kaders liegt bei 24,3 Jahren. Ist das jetzt noch mutig oder ist das nicht längst schon eine Strategie?

Wir haben uns vorgenommen, mutig zu bleiben. Ich weiß gar nicht, wie das letztes Jahr von den Experten genannt wurde. Um in der Bundesliga wirklich erfolgreich zu sein, ist es kein Erfolgsrezept, nur auf "jung" zu setzen, sondern idealerweise auf "gut" bis "sehr gut". Diese Kombination hat bei uns doch einigermaßen gut funktioniert. Auch für dieses Jahr bleibt es für uns ganz wichtig, dass wir weiterhin unsere eigenen Fehler machen dürfen und nicht die der anderen nachmachen. Natürlich sagt man uns, dass die Anforderungen noch schwerer werden. Wir haben unsere Transferpolitik also nicht am Alter festgemacht, sondern an Qualität und Preis. Und wenn eine gewisse Qualität zu einem gewissen Preis zu haben sein soll, dann sind das meistens eben blutjunge Spieler.

Dortmunds Spieler jubeln nach dem Spiel bei der Siegerehrung beim Liga Total Cup (Foto: dapd)

Der nächste Titel ist schon perfekt: der eher unbedeutende Liga Total-Cupsieg wurde kräftig gefeiert

Im Vorjahr war eine der größten Stärken Ihres Teams der unglaublich große Erfolgshunger. Haben Sie Angst, dass der ein kleines bisschen gestillt sein könnte?

Nein, gar nicht, weil ich weiß, dass meine Jungs nicht blöd sind. Wir sind Fußballer und wissen, dass eine Saison mit Erfolg oder Misserfolg endet. Wir sind es alle gewohnt, dass man danach wieder anfangen muss, um überhaupt die Chance auf das nächste Ziel zu haben. Wenn ein Sportler nur spielen oder trainieren würde, bis er einmal was gewonnen hat und danach sofort aufhört, das wäre dramatisch. Dann hätte ein Sergej Bubka keinen Weltrekord aufgestellt, sondern wäre einmal Olympiasieger geworden und fertig. Aber er wollte danach durchaus noch etwas höher über die Latte, und er war keine 18, 19 oder 20 Jahre alt damals.

"Die Art, wie wir spielen, wird sich nicht verändern."

Einer der prägenden Spieler Ihres Teams war Nuri Sahin. Der spielt jetzt für Real Madrid. Ist das Gesicht Ihrer Mannschaft trotzdem das gleiche geblieben?

Nuri Sahin verabschiedet sich von den Dortmunder Fans (Foto:dapd)

Nuri Sahin wechselte vom BVB nach Madrid. Wer ersetzt ihn?

Ja, ich glaube schon. Das Gesicht des Teams ist ja nicht von einem Einzelnen abhängig. Wir haben ganz viele Jungs dabehalten. Und die Art und Weise, wie wir spielen, wird sich nicht verändern. Dass Nuris Qualität herausgezogen wird, ist klar. Aber wir gedenken, das durch die Entwicklung der anderen Spieler aufzufangen. Und ich setze ja natürlich auch einen anderen Spieler auf die Position. Nuri ist uns ja nicht ersatzlos gestrichen worden, wir haben Alternativen. Dementsprechend mache ich mir da keine Gedanken. Nuri ist ein ganz toller Junge, und wir stehen weiter ständig in Kontakt. Er ist nun leider gerade verletzt, aber für ihn geht es weiter und für uns auch. Das ist für beide gut so.

Die einzige Schwäche ihres Teams im Vorjahr war das Auslassen von Großchancen. Wie machen Sie Ihre Offensive effizienter?

Mir geht es gar nicht so sehr um Effizienz, weil Leidenschaft, Emotionalität und Effizienz schwer zusammen zu bringen sind. Wir haben letztes Jahr mehr Großchancen vergeben, als Bayer Leverkusen herausgespielt hat. Das find ich jetzt keinen so schlechten Wert, ehrlich gesagt (lacht). Ich weiß, dass wir nun eine größere Erfahrung im Umgang mit Situationen vor dem Tor haben. Wir werden dort häufiger die richtige Entscheidung treffen. Ich mache mich da nicht verrückt. Das ist ein Thema für die Öffentlichkeit, das hat mich nicht interessiert. Man stelle sich einmal vor, wir wären in der Effektivitätsstatistik ganz vorne gewesen. Dann hätten wir 140 Tore geschossen oder so. Das ist ja lächerlich. So, wie es war, ist es schon ok. Wir wollen den Fußball des Vorjahres weiter spielen. Und wenn man mit hohem Tempo vor dem Tor auftaucht, kann man den Ball auch mal vorbeischießen.

"Das Ziel kann nicht sein, den Titel zu verteidigen"

Zum Saisonauftakt wartet der Hamburger SV auf Sie – angesichts der vielen Neuzugänge dort ein nahezu unbekannter Gegner?

Die Dortmunder Spieler Roman Weidenfeller (v.l.), Lucas Barrios, Kevin Grosskreutz, Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski, Lukasz Piszczek, Antonio da Silva, Mats Hummels, Neven Subotic, Nuri Sahin, Felipe Santana und Marcel Schmelzer jubeln nach Spielschluss gegen Bayer Leverkusen vor den Fans. (Foto: dapd)

"Wir wollen den Fans Spaß bereiten", kündigt Klopp an

Nein, wir haben in der Vorbereitung schon gegen sie gespielt. Ein bisschen konnten wir sie kennen lernen. Natürlich ist Michael Oennig gerade dabei, die Mannschaft kräftig umzubauen. Trotzdem sind auch ein paar alte Bekannte dabei wie Mladen Petric. Den Koreaner Son haben wir auch schon kennen lernen dürfen, Jarolim ist immer dabei, Westermann und Aogo auch. Also das Team ist nicht völlig neu für uns. Aber es sind ein paar interessante Jungs dabei, und der Auftakt ist immer speziell: Am 1. Spieltag weißt du über den Gegner nichts, egal, ob die Spieler vom letzten Jahr da sind oder nicht. Dementsprechend sind wir genau so unbekannt für den HSV wie sie für uns.

Sie haben bereits mehrfach betont, dass der FC Bayern München Ihr großer Meisterfavorit ist. Kann der BVB den Titel dennoch verteidigen?

"Kann" ist für mich nicht wichtig. Es geht mir darum, Ziele zu setzen, und das Ziel kann für uns nicht sein, den Titel zu verteidigen. Das Ziel muss für uns ganz klar sein, den Fußball aus dem letzten Jahr wieder auf dem Platz zu zeigen. Dazu gehört: erfolgreich und emotional zu sein, die Leute an uns zu binden, den Fans im Stadion Spaß zu bereiten, ein Spektakel zu bieten mit Latte, Pfosten, Fallrückzieher und allem, was dazugehört. Und am Ende werden die Punkte dann eben zusammengezählt.

Das Gespräch führte Joscha Weber
Redaktion: Arnulf Boettcher

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