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Kultur

Klinik unter Palmen

Jedes Jahr bilden die Philippinen zehntausende Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte aus – die dann ins Ausland gehen, wo sie mehr verdienen. Nun will die Regierung den Spieß umdrehen und Patienten ins Land holen.

Zwei Ärzte mit Mundschutz in Baguio City, Philippinen, Quelle: AP

Ärzte sind auf den Philippinen Mangelware

Eine stillgelegte Müllkippe am Rande von Manila. Männer, Frauen und Kinder suchen nach Aluminium, Metall und anderen Materialien, die sich verkaufen lassen. Auch der 32-jährige Ricky. Pro Tag kann er mit dem Müll bis zu 150 Pesos verdienen, knapp über zwei Euro. Er träumt von einem Fahrrad, doch dafür muss er 7000 Pesos zurücklegen. Einen Teil des Geldes hatte er schon gespart. "Dann hatte ich eine Operation am Ohr und mein Vater ist gestorben", berichtet Ricky. "Da waren meine Ersparnisse weg. Für die Operation musste ich 2000 Pesos zahlen."

Wie Ricky geht es vielen Filipinos. Bis zu 40 Prozent von ihnen haben weniger als zwei Dollar am Tag zum Leben, nur rund sieben Prozent gelten als ausreichend sozialversichert durch die staatliche Krankenversicherung. Und selbst diese zahlt nur eine Grundversorgung, die oft zu wünschen übrig lässt. Da wird schon ein Arztbesuch zum finanziellen Risiko, eine schwere Operation kann die Existenz ruinieren.

Wer Geld hat, ist gut versorgt

Wer genügend Geld hat, kann sich dagegen einen gut ausgebildeten Arzt und wirksame Medikamente leisten, zum Beispiel im Asian Hospital in Manila. 250 Betten gibt es hier und medizinische Versorgung auf internationalem Niveau. Die Patientenzimmer sind hell, sauber und angenehm klimatisiert, Telefon und Fernseher gehören zur Standardausstattung.

Hier sollen sich auch bald Ausländer ihre Falten liften und die Augen lasern lassen. Die philippinische Regierung hofft, damit die Wirtschaft in Gang zu bringen. "Medizintourismus wird für mehr Arbeitsplätze sorgen", glaubt Pamela Robinson, Geschäftsführerin des Asian Hospital. "Die Medizintouristen kommen ins Land, um eine Schönheitsoperation durchführen zu lassen. Danach verbringen sie dann auch ihre Ferien hier, gehen einkaufen und in Restaurants. Und das wird den Filipinos letztendlich Arbeit geben."

Viele Krankenschwestern gehen ins Ausland

Elmer Jacinto, philippinischer Pfleger in New York, bereitet Medizin vor, Quelle: AP

Ein philippinischer Pfleger in New York - in seiner Heimat war er Arzt

Darauf hofft auch Eduardo Morato vom Asian Institut of Management. Er ist Wirtschaftswissenschaftler und berät die philippinische Regierung. Bislang habe die philippinische Regierung hauptsächlich auf Landwirtschaft und Industrie gesetzt, beklagt Morato. "Also auf die beiden Bereiche, in denen wir meiner Meinung nach nicht besonders produktiv und damit auch nicht wettbewerbsfähig sind." Umso wichtiger sei der Dienstleistungssektor.

Philippinische Krankenschwestern und Ärzte gingen in die ganze Welt, sagt Morato - alleine in Großbritannien seien in den vergangenen Jahren 70.000 philippinische Krankenschwestern eingestellt worden. "Wir müssen die Welt dazu bewegen, diesen Service auch hier, auf den Philippinen selbst, mehr in Anspruch zu nehmen", fordert der Ökonom.

"Uns fehlen Ärzte"

Die attraktiven Jobs im Ausland sind ein Grund, warum die Krankenpflegeschulen auf den Philippinen boomen. Zugleich fehlt immer öfter das Personal, um die eigenen Kranken zu versorgen. Auch die Ärzte werden knapp. Besonders dramatisch ist die Lage außerhalb der großen Städte, beispielsweise in einem Provinz-Krankenhaus auf der Insel Leyte, eine Flugstunde von der Hauptstadt Manila entfernt. Vier Zimmer, davon ein First-Class-Zimmer mit Klimaanlage hat der einstöckige Bau, in den restlichen Zimmern kämpfen Ventilatoren gehen die tropische Hitze und die Ausdünstungen von mindestens vier Patienten pro Zimmer an.

Eduardo Cahoy ist der Chefarzt der Klinik. Gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen kümmert er sich um die Patienten. "Eines unserer Probleme ist das Personal, besonders die fehlenden Ärzte", klagt Cahoy. "Die, die noch hier sind, haben oftmals keine Energie mehr, um wirklich ihr Bestes für die Patienten zu tun. Manchmal haben sie ein oder sogar zwei Wochen lang durchgehend Dienst." Sorge bereite ihm zudem, dass sich immer mehr Ärzte zu Krankenpflegern ausbilden ließen und dann ins Ausland abwanderten.

Grundversorgung der Bevölkerung nicht gewährleistet

Patienten und Verwandte in einem Krankenhaus in Leyte, Philippinen, Quelle: dpa

Ein Bezirkshospital in Leyte: Es fehlen Ärzte und Patientenzimmer

Auch das soll der Medizintourismus lösen. Denn die Befürworter sind sich sicher: wenn die Ärzte die Möglichkeit haben, auch auf den Philippinen gutes Geld zu verdienen, bleiben sie hier - und davon profitiere das gesamte philippinische Gesundheitswesen.

Doch zunächst einmal müsse die Versorgung der einheimischen Bevölkerung sichergestellt werden, fordert Gene Alzona Nisperos. Er ist Mitglied der Health Alliance for Democracy, einer Vereinigung regierungskritischer Ärzte. "Medizintourismus würde einer bestimmten Gruppe nutzen", kritisiert Gene Alzona Nisperos, "nämlich denen, die das Geld haben, aber sich die Leistungen in ihrem eigenen Land nicht leisten können." Medizintourismus sei nur dann eine gute Sache, wenn die Grundversorgung für die breite Bevölkerung gewährleistet sei. "Doch davon sind wir weit entfernt, und so ist der Medizintourismus hier fehl am Platz."

Währenddessen schuftet Ricky weiter auf der Müllkippe, um das Überleben seiner Familie zu sichern. Und für das Fahrrad zu sparen, von dem er träumt. Selbst wenn er in nächster Zeit gesund bleibt - es wird lange dauern, bis er das Geld zusammen hat.

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