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Globale Zusammenarbeit

Klimawandel verändert Katastrophenhilfe

Dürren, Überflutungen und Wirbelstürme machen es mehr Menschen unmöglich, in ihrer angestammten Heimat zu bleiben. Meist trifft es die Ärmsten der Armen. Das hat Konsequenzen, auch für humanitäre Hilfsorganisationen.

Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor Kriegen und Gewalt, vor politischer Verfolgung, aber auch vor Hunger und Elend. Seit Jahren steigt aber auch die Zahl derer, die ihre Heimat nach Naturkatastrophen verlassen müssen. Der Schweizer Staatsrechtler Walter Kälin beziffert sie allein für die Jahre zwischen 2008 und 2011 auf rund 144 Millionen. Pro Jahr wären das 29 Millionen Menschen. "80 Prozent dieser Menschen fliehen im Kontext von Ereignissen, die mit einer Veränderung des Klimas zu tun haben", betont Kälin, der sich mit der Nansen-Initiative für die Anerkennung von Klimaflüchtlingen im Rahmen der Genfer Flüchtlingskonvention einsetzt. "Wir sprechen also über eine Realität und nicht über eine Zukunft", ergänzt er.

Humanitäre Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, die Welthungerhilfe oder der Malteser Hilfsdienst können Kälins Aussage nur bestätigen. Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen. Der Klimawandel bedroht vor allem die Lebensgrundlagen von Menschen in Entwicklungsländern. "Das Thema Klimawandel in allen seinen Auswirkungen und Herausforderungen ist der überbordende globale Trend, mit dem wir es derzeit zu tun haben", sagt Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe.

Extremwetter trifft die Ärmsten

Es werde immer schwieriger, nach Katastrophen eine gewisse Stabilität wiederherzustellen. Beispiele für diese Aussage hat Jamann viele. In Haiti, das 2010 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde, dem ein knappes Jahr später ein schwerer Hurrikan folgte, lebe trotz der milliardenschweren Hilfe die überwiegende Zahl der damals wie heute armen Menschen immer noch im Elend. Das liege vor allem auch an den immer wieder extremen Wetterverhältnissen. "Wir müssen es mit einer wachsenden Fragilität und Bedrohungslage aufnehmen und mit der Herausforderung, das Risiko, in dem diese Menschen leben, zu managen." Der Klimawandel sei ein Multiplikator der ohnehin fragilen Lage und mache es sehr schwer, für Ernährungssicherheit zu sorgen.

Somalische Flüchtlinge in Kenia. (Foto: WFP/Rose Ogola)

Auf der Flucht vor der Dürre: Somalische Flüchtlinge in Kenia

Humanitäre Hilfe müsse sich noch stärker auf den Klimawandel einstellen und reagieren, fordert Christoph Strässer, Beauftragter für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung. 2011 hat das Auswärtige Amt einen Paradigmenwechsel eingeleitet und setzt inzwischen deutlich mehr auf vorbeugende und schadenmindernde Maßnahmen. "Wir wollen mit unseren Partnern nicht nur im Rahmen der Sofort- und Nothilfe auf Krisen und Katastrophen reagieren, sondern planerisch und vorausschauend agieren und Maßnahmen der Risikoreduktion in die humanitäre Hilfe integrieren."

Nach vorne blicken und nicht zurück

Perspektivisch soll die humanitäre Hilfe weltweit vom klassischen Katastrophenmanagement auf ein Risikomanagement umgestellt werden. Dafür wird in erster Linie natürlich mehr Geld gebraucht, das sagen alle Beteiligten. Gleichzeitig müssten aber auch Strukturen und Denkweisen verändert werden. Noch ist der Maßstab für eine Finanzierung der Blick auf zurückliegende und nicht auf zukünftig mögliche Ereignisse. Thorsten Klose, Leiter des Fachbereichs Katastrophenvorsorge und Anpassung an den Klimawandel beim Deutschen Roten Kreuz führt als Beispiel ein langfristiges Klimaanpassungs-Projekt in Uganda und Togo an. Für die Dauer von sechs Jahren werden in diesem Projekt die Auswirkungen des Klimawandels erforscht, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Philippinen Wiederaufbau nach Taifun Haiyan 22.12.2013 (Foto: Reuters)

Der Taifun Haiyan traf die Philippinen 2013 mit verheerender Wucht

Mit Projektbeginn war das Budget verplant, Änderungen sind nicht mehr möglich. "Wenn ich dem BMZ sage, wir bekommen hier eine Extremwettervorhersage, die besagt, dass in Ostafrika einschließlich Uganda innerhalb der nächsten Monate das Überschwemmungsrisiko enorm angestiegen ist, dann kann ich das in dem Projekt faktisch nicht berücksichtigen", klagt Klose. "Klassische humanitäre Geber finanzieren mir hier keine Maßnahme, weil faktisch noch keine Katastrophe eingetreten ist."

Klimareferenten sind gefragt

Dabei können gerade witterungsbedingte Katastrophen immer besser vorhergesagt werden. Klimaforscher sind heute in der Lage, Extremwetterereignisse mit hoher Eintrittswahrscheinlich bis zu sechs Monate im Voraus zu bestimmen. "Das heißt, dass wir Wochen und Monate für die Risikoreduktion auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten haben", sagt Klose. Die großen humanitären Hilfsorganisationen beschäftigen sich inzwischen intensiv mit den Ergebnissen der Klimaforschung. Seit ein paar Jahren werden beispielsweise immer mehr Klimareferenten eingestellt, die sich mit Simulationen und Risikoanalysen beschäftigen.

Ein Dorf auf den Fidschi-Inseln (Foto: Viti Levu, Fiji © donyanedomam)

Auf den Fidschi-Inseln werden bereits ganze Dörfer umgesiedelt

Strukturen zu verändern, das heißt für Walter Kälin auch, die klassische Trennung zwischen der Finanzierung von Entwicklungshilfe und humanitärer Hilfe zu beseitigen. Eine Forderung, die der Schweizer auch mit Blick auf die wachsende Zahl der grenzüberschreitenden Klimaflüchtlinge und Migranten stellt. "Wir müssen investieren, damit Menschen bleiben können. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass Anpassung oft bedeutet, dass Menschen weggehen." In Zukunft würden immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um sich auf Dauer in einer anderen Region einzurichten und dabei müsse ihnen sowohl humanitär, als auch perspektivisch geholfen werden. "Migration als Anpassungsmaßnahme ist wichtig, ist zu akzeptieren, ist zu fördern als ein Lösungsansatz."

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