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Wissen & Umwelt

Klimawandel bringt neue Arten in die Nordsee

Qualle statt Bratfisch? Während beliebte Speisefische wie der Kabeljau in Richtung Norden ziehen, verändern Exoten zunehmend das Ökosystem und die Nahrungskette in der Deutschen Bucht.

Die roten Felsen von Helgoland Foto: Irene Quaile-Kersken, DW

Reportage Helgoland Klimawandel in der Nordsee

"Der einzige Felsbrocken zwischen Norwegen im Norden und Frankreich im Süden" – so beschreibt Karen Wiltshire die kleine Nordseeinsel Helgoland. Imposante rote Sandsteinklippen erheben sich 70 Kilometer vor der deutschen Küste aus dem Meer. Die Meeresforschung hat hier Tradition, erklärt die Direktorin der Biologischen Anstalt Helgoland. Bereits im Jahr 1873 wurden Wasserproben auf Temperatur und Salzgehalt überprüft. Seit den 60er Jahren beobachten die Forscher auch die Tiere und Pflanzen, die im Wasser leben: "Ein erstaunlicher Fingerabdruck des Ökosystems", sagt Wiltshire.

Die Nordsee wird wärmer

Karen Wiltshire leitet die Biologische Anstalt des Alfred Wegener Instituts auf Helgoland. Foto: Irene Quaile-Kersken

Fasziniert von Helgoland und der Nordsee: Die irische Meeresbiologin Karen Wiltshire

In den letzten fünfzig Jahren hat sich der "Fingerabdruck" allerdings dramatisch verändert. Mit dem Klimawandel ist die Wassertemperatur im Durchschnitt um 1,7 Grad Celsius gestiegen – weit mehr als in den anderen Meeren der Welt, erklärt Wiltshire. Zunächst beobachteten die Meeresbiologen, dass manche Tiere, die bisher üblicherweise nach dem Winter gestorben sind, überlebten. Sie fingen dann im zeitigen Frühjahr an, junge Wasserpflanzen zu fressen, bevor diese richtig auswachsen konnten.

Windrichtung und Meeresströmungen haben sich ebenfalls verändert. Verstärkt fließt klares, stark salzhaltiges Wasser aus dem Atlantik in die Nordsee. In den letzten fünfzehn Jahren beobachtete das Team um Karen Wiltshire zudem den Zustrom vieler Warmwasserorganismen.

Heinz-Dieter Francke erforscht das Leben im Meer vor Helgoland an der Biologischen Anstalt seit einem Viertel Jahrhundert. Er berichtet von einem "ganz gravierenden Wechsel im Artenspektrum". Um die sechzig neuen Arten seien während dieser Zeit in der Region aufgetaucht, erzählt er: Krebse, Borstenwürmer, Fische und Quallen, die bisher in diesen Gebieten nicht vertreten waren.

Einige wenige seien von Menschen eingeschleppt worden, unbeabsichtigt, aus weit entfernten klimatisch ähnlichen Gebieten. Die große Mehrzahl seien aber Arten, die Wärme lieben und die aus eigener Kraft ihr Verbreitungsgebiet vom Süden her über den Ärmelkanal in die Nordsee und die Deutsche Bucht ausgebreitet hätten, wo sie von den wärmeren Wassertemperaturen profitierten.

Basstölpel Helgoland Foto: Irene Quaile-Kersken

Das klare Atlantikwasser hat vor einigen Jahren Basstölpel nach Helgoland gebracht.

"Sie fressen alles"

Normalerweise freuen sich Biologen über eine Zunahme der Artenvielfalt, sagt der Helgoländer Professor. Aber der Klimawandel wirkt sich nicht gleich auf alle Meeresbewohner aus. Wenn Arten, die auf einander angewiesen sind - wie Räuber und Beute - zu anderen Zeiten auftauchen, fehlt einigen Tieren die Nahrung. Die Fressgewohnheiten einiger zugewanderter Quallen verändern ebenfalls das Ökosystem, ergänzt Karen Wiltshire: "Sie sind nicht wählerisch. Sie fressen alles, egal ob Fischeier oder andere Quallen."

Robbe am Strand, Helgoland Foto: Irene Quaile-Kersken

Robben finden im Wasser um Helgoland eine reichhaltige Speisekarte.

Der Klimawandel wirke sich auf das ganze System aus, von den kleinsten Organismen bis hin zu großen Fischen und Seevögeln, sagt Franke, "als ob man Sand in das Getriebe der Nahrungskette werfen würde." Am oberen Ende dieser Kette ist auch der Mensch betroffen. Einige ihrer Lieblingsspeisen wie Kabeljau oder Shrimp wandern ab Richtung Norden, wo das Wasser kälter ist.

Der Fischökologe Philipp Fischer leitet das wissenschaftliche Taucherteam der Helgoländer Station, die zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gehört. Neulich installierten sie in zehn Meter Tiefe ein Unterwasser-Observatorium. So stehen den Forschern im Sekundentempo Informationen über die wichtigsten Daten wie Sauerstoffgehalt, Strömung, Wasserdruck oder Wellenbewegungen zur Verfügung. Ein ähnliches System vor der Küste Spitzbergens ermöglicht den Wissenschaftlern den Vergleich mit nördlicheren Gewässern.

Beton gegen Extremwetter

Fischer leitet eine Forschungsgruppe, die sich mit weiteren Auswirkungen des Klimawandels auf Küstenökosysteme beschäftigt. So rechnen Experten mit einer Zunahme an starken Stürmen sowie mit einem steigenden Meeresspiegel. Das erfordert zusätzliche Schutzmaßnahmen wie Betonstrukturen. Länder wie Japan hätten ihre Küsten bereits weitgehend mit Betonvorrichtungen verstärkt, sagt Fischer. Auch 70 Prozent der deutschen Nordseeküste seien bereits verändert worden.

Der Ökologe will wissen, wie sich solche künstlichen Strukturen auf Fische und das Ökosystem auswirken. Letztendlich gehe es auch um Lebensqualität, erzählt der Cheftaucher.

Tetrapoden aus Beton Foto: Irene Quaile-Kersken

Bauten aus Beton schützen Helgolands Küste.

Die Mehrheit der zunehmenden Weltbevölkerung lebt in Küstennähe. Deshalb werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Küsten immer gravierender, erläutert die Direktorin der Biologischen Anstalt Karen Wiltshire. Ständige Beobachtung und Langzeitforschung wie hier auf Helgoland seien angesichts der Geschwindigkeit, mit der neue Organismen ins Ökosystem eindringen, wichtiger denn je.

Irgendwann erreiche ein System einen Sättigungspunkt, erklärt die Meeresbiologin. Davon sei die Nordsee aber noch weit entfernt. In der Zwischenzeit vertraut sie darauf, dass sich der Mensch an die Veränderungen anpassen könne. "Man kann woanders hinziehen, wenn die gesuchten Fische vor Ort nicht auftauchen. Oder andere Fische fangen. Oder, wer weiß, vielleicht auch mal Qualle auf die Speisekarte bringen?"

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