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Deutschland

Klimaopfer Fichte: Tod eines Mainstream-Baums

Sie wächst schnell, ist wenig anspruchsvoll und bringt der Holzwirtschaft satte Gewinne. Jeder dritte Baum in Deutschland ist eine Fichte. Noch, denn die Klimaerwärmung setzt der Baumart hart zu.

Fichtenwald (Foto: Tilo Arnhold)

Verlierer des Klimawandels: Die Fichte mag kühle und feuchte Bedingungen

Der Brocken ist der höchste Berg in Deutschlands Mitte. 1141 Meter über dem Meeresspiegel liegt der Gipfel des Ausflugsberges Nummer Eins im Mittelgebirge Harz. Und vom Fuß des Berges bis hinauf zur waldfreien, bebauten Kuppe zieht sich ein dunkelgrüner Teppich immergrüner Fichten - vom Menschen dicht an dicht gepflanzt.

Fichtenmonokulturen soweit das Auge reicht

Naturschützer Hermann Martens ist über diese Fichtenmonokulturen keineswegs glücklich. Er ist Mitarbeiter am Naturschutzzentrum Altenau-Torfhaus, einem ultramodernen Holzhaus mit Panoramaglasfront. "Die meisten Wälder im Harz sind sehr stark verändert worden, durch intensive Bewirtschaftung und den Bergbau", sagt der Naturschützer beim Blick aus dem Fenster auf den bewaldeten Brocken. "Erst verschwanden die natürlichen Buchenwälder, dann waren weite Teile des Harzes sogar entwaldet. Später wurde mit Fichten massiv wieder aufgeforstet."

Vom Orkan Kyrill zerstörter Wurzelfichte (Foto: dpa)

Der Flachwurzler Fichte hält starken Stürmen nicht immer stand

Und so wurde nicht nur im Harz aus dem Waldland Deutschland ein Fichtenland. Rund ein Drittel aller Bäume sind heute in Deutschland Fichten. Kein Zufall, denn die heimische Baumart hatte in den Augen der Menschen bestechende Vorzüge: Sie wächst schnell, bringt Forstwirten, Sägewerken und der Holzindustrie hohe Erträge und ist äußerst pflegeleicht zu bewirtschaften. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass Fichten von Rehwild relativ wenig verbissen werden, weshalb die Fichte auf freien Flächen schnell wieder Fuß fassen kann. So begann der beispiellose Siegeszug einer Baumart, der in den letzten 200 Jahren ungebrochen ist.

Am falschen Ort zur falschen Zeit

Rund um den Brocken wird allerdings das Problem dieser Entwicklung deutlich, denn die Nadelbäume mit der typischen rotbraunen Rinde wachsen heute nicht mehr da, wo ihre natürlichen Standorte waren. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND Naturschutz Deutschland, zeigt auf ein Modell des Brockens, auf dem die unterschiedlichen Höhenlinien sichtbar werden. "Die Fichte ist von Natur aus ein echter Gebirgsbaum", sagt Weiger. Massiv gefördert durch die Forstwirtschaft habe man dann aber begonnen, Fichten auch unterhalb von 700 oder 800 Metern über Null anzupflanzen. Und genau das könnte sich jetzt rächen, prognostiziert er. "Es gibt berechtigte Sorgen, dass die Fichte auch im Harz ganz massiv gefährdet ist", sagt Weiger.

Treffen die Prognosen namhafter Klimaforscher zu, wird die Durchschnittstemperatur in Deutschland deutlich steigen. Wissenschaftliche Modelle sagen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zwei bis 3,5 Grad Celsius höhere Jahresmitteltemperaturen voraus. Die Folgen für die Fichtenwälder im Harz wären enorm: Wasserknappheit und Hitze würden selbst gesunde Fichten schwächen, nicht nur weil die flachen Wurzeln dann schwerer an das tiefer liegende Grundwasser gelangen. Auch häufigere Stürme und Orkane stellen eine Gefahr für die Fichte dar. Das spektakulärste Beispiel jüngster Zeit dürfte wohl Orkan Kyrill sein, der im Januar 2007 eine Spur der Verwüstung in Europas Wäldern hinterließ. Mit bis zu 225 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit rasierte Kyrill vor allem den "Flachwurzler" Fichte ab. "Flachwurzler" deshalb, weil seine Wurzeln wenig standhaft sind. Zusammen mit einer engen Pflanzung ließ das die Bäume wie Dominosteine fallen.

Geplagt durch Borkenkäfer

Die beiden Borkenkäfer-Schädlinge "Buchdrucker" und "Kupferstecher" tun ihr Übriges, um die Fichte zum möglichen Opfer der Klimaerwärmung zu machen. Nicht wie früher zwei, sondern vier bis fünf Generationen von Nachkommen befallen die Fichten pro Vegetationsperiode schon heute. Ein einziges Weibchen kann bei solchen Massenvermehrungen bis zu einer Million Nachkommen erzeugen. Durch ihr Liebesleben zerstören die Schädlinge die Lebensadern der Fichten unter der Borke.

Borkenkäfer (Foto: Nationalpark Bayerischer Wald)

Der Fichte größter natürlicher Feind: der Borkenkäfer

Diese Marterung überstehen auch kerngesunde Bäume nicht. "Aber das Positive ist", sagt Weiger, "dass nur diese beiden Borkenkäferarten, die sich ausschließlich auf die Fichte spezialisiert haben, Massenvermehrungen entwickeln". Im Umkehrschluss sei also klar: "Diese existenzielle Gefährdung einer Baumart als Folge des Klimawandels gibt es nur für die Fichte."

Noch ist die Fichte bei Privatwaldbesitzern und Staatsforsten aber hoch im Kurs, denn mit der Fichte wird Geld verdient. Ob zum Bau von Häusern, Möbeln oder Musikinstrumenten, ob zur Papier-Herstellung, beim Heizen oder schlicht als Weihnachtsbaum: Die Fichte bringt der Holzindustrie gute Gewinnspannen und ist im Wald einfach zu pflegen. Kein Wunder, dass Hubert Weigers Antwort auf die Misere der Fichte selten auf ungeteilte Freude stößt: "Wir müssen Deutschland als Folge des Klimawandels von einem Nadelwaldland in jenes Laubwaldland zurückverwandeln, dass es früher einmal war", beschwört er eine Gruppe Zuhörer. "Nur dann werden wir unsere Wälder auf Dauer erhalten können."

Mischwälder als Antwort auf den Klimawandel

Andere, früher in Deutschland häufige Baumarten wie Weißtanne oder Buche sind toleranter gegenüber Klimaschwankungen. Weiger plädiert deshalb für einen Waldumbau, an dem sogar Jäger mitwirken könnten. Denn gerade junge Laub- und Edelhölzer stellten für Rehwild wahre Leckerbissen dar, weshalb eine Laubwaldaufforstung auch an zu viel Rehwild scheitern könnte. Ein noch größeres Problem auf dem Weg zu mehr Laubwäldern scheint aber der Erfolg von Holz als Baumaterial zu sein. Denn die stetig steigende Nachfrage nach dem Rohstoff Holz zwinge die Forst- und Holzwirtschaft dazu, viel erschwingliches und schnell verfügbares Holz im Angebot zu haben. Und zumindest auf mittlere Sicht ist hier die Fichte unschlagbar.

Autor: Richard Fuchs

Redaktion: Manfred Götzke