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Wissen & Umwelt

Appell an G20: Für Klimaziele bleiben noch drei Jahre

Führende Persönlichkeiten appellieren an die Staatschefs, beim G20-Gipfel schnell zu handeln, damit die Klimaziele erreicht werden. Der Welt bleibe nicht viel Zeit. Bis 2020 müsse eine Wende beim CO2-Ausstoß erfolgen.

Es ist ein Appell mit tiefer Dringlichkeit, ein Weckruf an die Entscheidungsträger der Welt und zugleich auch eine Analyse über schon einsetzende Trends. Mehr als 60 bekannte Wissenschaftler, Wirtschaftsführer und Politiker fordern kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg, die führenden Industrieländer und aufstrebenden Wirtschaftsnationen (G20) auf, größere Anstrengungen beim Klimaschutz zu unternehmen.

"Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir die Treibhausgasemissionen bis 2020 nach unten kurbeln können, so wie es die Wissenschaft fordert", sagt die frühere UN-Klimachefin Christiana Figueres. Dies stehe auch im engen Zusammenhang mit den UN-Zielen zur nachhaltigen Entwicklung und der Beseitigung von extremer Armut.

Zugleich falle diese "monumentale Herausforderung" zusammen mit einer noch nie dagewesenen "Bereitschaft, sich selbst Ziele zu setzen; auf der Ebene der Bundestaaten in den USA, den Regierungen auf allen Ebenen außerhalb der USA und dem privaten Sektor. Diese Chance, die uns in den nächsten drei Jahren gegeben wird, ist in der Geschichte einzigartig", betont Figueres.

"Die Klima-Mathematik ist brutal klar: Die Welt kann zwar nicht innerhalb von wenigen Jahren geheilt werden, aber wenn wir nichts tun, dann können wir sie durch Fahrlässigkeit bereits bis 2020 tödlich verwunden", mahnt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitautor des Aufrufs, der im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde.

Globale Entwicklung braucht zustäzlichen Schub

Entschlossenes Handeln sei deshalb bis 2020 von allen notwendig, damit die Pariser Klimaziele erreicht werden und der Anstieg der Temperaturen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit deutlich unter zwei Grad bleibt, möglichst sogar bei 1,5 Grad. Die Regierungschefs der G20-Staaten müssten jetzt die Richtung vorgeben, um dann jedes Jahrzehnt die CO2-Emissionen zu halbieren.

Prof. Hans Joachim Schellnhuber (CC BY 2.0/EnergieAgentur.NRW)

Klimaforscher Prof. Hans Joachim Schellnhuber

2020 dürften nach Angaben von Schellnhuber so noch 40 Gigatonnen CO2 (GtCO2) in die Atmosphäre gelangen, 2030 noch 20 GtCO2 und 2040 noch etwa 10 GtCO2.

Der Klimaforscher zeigt sich zugleich optimistisch, dass dies geht und sich eine Dynamik entwickeln könnte wie zum Beispiel bei der Rechenkraft von Computerprozessoren, die sich ungefähr alle zwei Jahre verdoppelt.

Ähnlich könnte auch die Entwicklung beim Umbau zu einer CO2-armen Weltwirtschaft sein, eine Entwicklung von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die Innovation und Marktkräfte mobilisiert, so Schellnhuber. "Das wird dann nicht mehr zu stoppen sein – aber nur, wenn wir jetzt die Welt in Bewegung setzen."

Parallel zum Halbieren der Emissionen alle zehn Jahre, sollte es nach Ansicht der Autoren einen genauso ehrgeizigen Ausbau der erneuerbaren Energien weltweit geben. Etwa indem der Anteil von Sonne, Wind und Biomasse im Energiesektor alle 5-7 Jahre verdoppelt wird.

"Wir stehen bereits am Beginn dieses Weges", sagt Mitautor Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre der Universität Stockholm in Schweden. "Zuletzt hat sich der Anteil der Erneuerbaren im Energiesektor alle 5,5 Jahre verdoppelt. Wenn diese Verdopplung im selben Tempo so weitergeht, dann sind die fossilen Brennstoffe deutlich vor 2050 raus aus dem System."

Sechs konkrete Empfehlungen

Die Autoren des Appels formulierten sechs Ziele, die ihrer Meinung nach bis 2020 erreicht sein müssen, um die Klimawende zu schaffen:

Der Anteil von Erneuerbaren Energien zur Deckung des weltweiten Strombedarfs sollte von 23,7 (2015) auf mindestens 30 Prozent gesteigert werden. Auch sollten nach 2020 weltweit keine neuen Kohlekraftwerke mehr genehmigt werden und bestehende müssten auslaufen.

Städte und Staaten sollten zudem jetzt Pläne Entwickeln, wie bis 2050 Häuser und Infrastruktur zu 100 Prozent ohne fossile Energien auskommen. Dafür müssten jährlich etwa 300 Milliarden Dollar bereitgestellt werden und jedes Jahr müssten die Städte mindestens drei Prozent der Häuser so sanieren, dass sie keine oder fast keine Emissionen mehr erzeugen.

Äthiopien erste Straßenbahn in Addis Abeba (DW/Y. Gebreegziabher)

Äthiopien: Erste Straßenbahn in Addis Abeba

Auch beim Transport sind die Empfehlungen ambitioniert: Schon bis 2020 müssen weltweit mindestens 15 Prozent aller Neuwagen Elektroautos sein. Ebenfalls erforderlich seien Verpflichtungen für die Verdopplung des öffentlichen Nahverkehrs in den Städten. Zudem müsse die Effizienz von Lastwagen um 20 Prozent gesteigert werden und bei der Luftfahrt der Treibhauseffekt um 20 Prozent pro Kilometer sinken.

Darüber hinaus fordern die Experten, dass die Abholzung von Wäldern gestoppt wird und die Politik sich für Wiederaufforstung einsetzt. Derzeit sind nach Angaben der Autoren Abholzungen und die veränderte Nutzung der Böden für etwa 12 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Durch Wiederaufforstungsprogramme sollten hier bis 2030 die Emissionen global bei Null sein. Auch eine nachhaltige Landwirtschaft kann hier helfen, die Treibhausgase zu reduzieren und zudem für gesunde Böden sorgen.

Konkrete Pläne seien zudem notwendig für eine effiziente und CO2-arme Schwerindustrie. Derzeit entweichen aus den Schornsteinen der Stahl-, Zement-, Chemie-, Öl- und Gasindustrie rund 20 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Hinzu kommen noch große Mengen an Strom und Wärme, die ebenfalls viele Emissionen verursachen. Ziel müsse es hier sein, dass deutlich vor 2050 die Emissionen halbiert werden.

Wichtig für die globale Emissionsminderung ist auch die Finanzwirtschaft. Sie sollte bis 2020 mindestens eine Billion US-Dollar pro Jahr für den Klimaschutz mobilisieren - hauptsächlich aus dem privaten Sektor. Regierungen, Banken und Kreditgeber wie die Weltbank müssten mehr "grüne Anleihen" auflegen, um diesen Markt von derzeit 81 Milliarden US-Dollar zu verzehnfachen. 

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