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Kultur

Klick Dich in mein Wohnzimmer

Zeig mir deins, ich zeig dir meins: Im Internet laden Mitglieder zahlreicher Wohn-Communities Bilder des eigenen Zuhauses hoch und kommentieren die Wohnungen anderer. Wir waren bei einem Community-Treffen dabei.

Wohnzimmer mit Kaminofen (Foto: Blottner Verlag)

Wie wohnen die anderen? Einblick von Mitglied "jansone"

Weihnachtsbaumschmuck aus Filzkugeln, selbstgenähte Stoffhasen, Zimtschokolade – die Mitglieder von SoLebIch.de haben sich gegenseitig Geschenke mitgebracht. In einem Café in Köln wollen sie sich einmal offline über Stoffe, Farben und Designermöbel unterhalten. Persönlich haben sich die meisten der zehn Frauen noch nie getroffen, doch die Wohnungen der anderen kennen sie oft bis ins kleinste Detail. Denn SoLebIch.de ist eine Wohn-Community in Internet - eine Art Facebook rund um das Thema Einrichten. Hier werden Profile angelegt, Fotos hochgeladen und Einrichtungstipps ausgetauscht. Das Wohnzimmer als Nukleus der heiligen Privatsphäre, das war einmal.

Wohnen verbindet

Wohn-Community-Treffen in Köln (Foto: solebich.de)

Im Netz Fotos und Einrichtungstipps tauschen

"Sofa Exhibitionismus" – so hat die deutsche Zeitschrift Neon kürzlich den Trend bezeichnet, Fremden im Internet die eigene Wohnung zu zeigen. Nicole Maalouf, die Gründerin von SoLebIch.de, sieht das etwas anders. "Bei uns tummeln sich einfach wohninteressierte Menschen, die entweder stolz auf ihre Wohnung sind und sie gerne zeigen oder sich inspirieren lassen möchten. Unsere Plattform soll Menschen verbinden, denn fast jeder Mensch wohnt ja."

Die Idee zur Wohn-Community kam ihr zusammen mir ihrem Mann Daniel Eichhorn. Damals lebten die beiden in Paris und fragten sich, wie die Menschen hinter den schönen Fenstern und Häuserfassaden wohl leben. Das war 2006. Inzwischen gibt es auch andere Wohn-Communities wie Zimmerschau.de oder WieWohnstDu.de. Zusammen mit Wohn-Blogs, die wie Pilze aus dem virtuellen Boden schießen, sind sie zu einer ernsthaften Konkurrenz zu den klassischen Wohnmagazinen geworden.

Hochglanz gegen Rotweinfleck

Dort wird oft durchgestyltes und vor allem teures Design-Ambiente präsentiert. In den Wohn-Communities ist dagegen alles zu finden, von der kleinen Studentenbude bis zum Loft im Stil der US-Fernsehserie "Sex and the City". Die echten Wohnungen bieten die Designer-Couch genauso wie den Rotweinfleck von der letzen Party. "Hochglanzbilder demotivieren manchmal, oft fehlt das Geld oder es ist einfach zu aufwendig, alles komplett neu zu machen", sagt Nicole Maalouf. "Und es ist auch unpersönlich. Die Leute suchen authentische und individuelle Wohnungen und genau da hilft ja unsere Community."

Wohnzimmer von Solebich-Mitglied 'b51' (Foto: Blottner Verlag)

Die Mitglieder zeigen aus Stolz ihren persönlichen Einrichtungsstil. Das Wohnzimmer von "b51"

Schlüssellochblick als Urtrieb

Die Schweizer Psychoanalytikerin Ingrid Feigl analysiert für ihre Kolumne in Magazin NZZFolio regelmäßig Bilder von fremden Wohnungen. Für sie ist das Bedürfnis, in die Privaträume anderer Leute zu blicken, ganz natürlich: "Das ist der kindliche Schlüssellochblick, ein urmenschlicher Trieb. Wir gucken gerne rein und vergleichen uns dann auch. Nach dem Motto: Der hat aber eine schöne Wohnung, meine ist nicht so schön. Da spielt auch die soziale Komponente des Wettbewerbs eine Rolle."

Die SoLebIch-Mitglieder sind zwar auch neugierig auf die Menschen hinter den Wohnungen, doch für sie steht der gegenseitige Austausch im Vordergrund. "Durch die kreativen Beiträge bekommt man viele Inspirationen und setzt das zu Hause um. Das Ergebnis lädt man dann wiederum hoch, um es mit den anderen zu teilen. Es ist einfach wie eine kleine Familie", sagt Mitglied "Goldmarie", die im echten Leben Nina heißt.

Wohnen als Selbstverwirklichung

Buchcover 'So leb' ich' (Foto: Blottner Verlag)

Anleitung zum individuellen Wohnen

Die kleine Familie unterscheidet sich von anderen vor allem dadurch, dass in ihr fast nur Frauen vertreten sind. "Lulu041283" hat zu dem Treffen auch ihren Freund mitgebracht. Der sieht zwischen den mitgebrachten Deko-Kleinigkeiten und Geschenktüten eher verloren aus. Bei einer Wohn-Community würde er sich nicht anmelden. "Das ist mir dann doch zu weiblich", grinst er. 80 Prozent der Mitglieder bei SolebIch.de sind Frauen. Kein Zufall, sagt Psychoanalytikerin Ingrid Feigl. "Ein Nest bauen, dafür sorgen, dass die Familie ein schönes Heim hat, das ist nach wie vor eine weibliche Domäne."

Egal ob für Mann oder Frau, die Wohnung sei ein wichtiger Teil der Selbstverwirklichung. Sie gäbe dem Bewohner eine Gestaltungsfreiheit, die er oder sie am Arbeitsplatz nicht habe, sagt Freigl. Den eigenen, ganz persönlichen Wohnstil zu finden und zu Hause zu verwirklichen, dabei möchte Nicole Maalouf mit ihrer Wohn-Community helfen. Dazu hat sie nun auch ein Buch mit dem Titel "So leb’ ich: wohne, wie es dir gefällt" herausgebracht. Die neuesten Wohntrends sucht man darin vergeblich. Das Buch ist viel mehr eine Anleitung zum individuellen, selbstbestimmten Wohnen, die man ganz ohne Internet daheim im Lesesessel durchblättern kann.

Autor: Jan Bruck

Redaktion: Klaus Gehrke

Von Profis bis zu Hobby-Einrichtern sind in den Web-Wohngemeinschaften alle vertreten. Das zeigt auch das SoLebIch-Treffen: Die Architektin ist dabei, genauso wie die Zahnarzthelferin. Sie alle lassen sich gerne vom Blick durch das Schlüsselloch inspirieren. Eine Millionen Besuche zählt SoLebIch.de mittlerweile im Monat. 20.000 Mitglieder haben sich angemeldet.

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