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Kultur

Kleines Haus, große Oper

Die "Hauptstadtoper" in Berlin ist neu und einmalig. Sie wagt Experimente in einem winzigen Opernhaus. Die Leiterin erfüllt sich damit einen Lebenstraum - auf eigene Rechnung und eigenes Risiko. Kann das funktionieren?

Copyright: Johannes Zapotoczky

Wer die Hauptstadtoper durch die gläserne Eingangstür betritt, steht sofort auf der Bühne: 59 Quadratmeter groß, eine Art großzügiges Wohnzimmer. Die Bühne ist aber zugleich auch Zuschauerraum für maximal 40 Leute. Zusätzlich tummeln sich die Musiker hier, die Sänger sowieso. Man kommt sich nahe. Wer im Publikum sitzt, muss schon mal die Füße einziehen, damit die Sopranistin während der Vorstellung nicht drüberstolpert: Oper hautnah, das ist hier keine leere Formel. So klein die Hauptstadtoper auch sein mag: Hier ist Platz genug für große Oper.

Jedenfalls, wenn man bereit ist, sich auf das Konzept einzulassen, mit dem Intendantin Kirstin Hasselmann angetreten ist: Oper ganz auf die Basis zurückgeführt. "Man braucht einen Raum, man braucht Musik und eine Handlung. Und nicht den riesigen Apparat eines Opernhauses. Wir wollen ausloten, wie weit man das führen kann und wie weit das Publikum das akzeptiert". Mit einem reduzierten Team aus drei Musikern und ein bis zwei Sängern ist Vieles möglich – ein Libretto aus dem Jahr 2010 mit Musik von Händel steht genauso auf dem Spielplan wie Barockopern, die mit E-Gitarre und Texten von Kurt Tucholsky gegen den Strich gebürstet werden.

Szenenausschnitt: Sängerin im Herrenanzug hockt auf dem Boden mit Schuhen in der Hand. (Copyright: Julian Fahrenholz)

Kirstin Hasselmann in der Produktion 'TucholskyBaRock'

Zwei Drittel Wirtschaft, ein Drittel Kunst

Oper als Experimentierfeld – das war ein lang gehegter Traum von Kirstin Hasselmann. Als Sopranistin hat sie zwei Jahrzehnte lang an deutschen Bühnen gesungen – mit allen Erfolgen und Ermüdungserscheinungen, die der Stadttheaterbetrieb mit sich bringen kann. Mit Mitte 40 wagte sie den künstlerischen Aufbruch. Doch der war zugleich eine intensive Berührung mit den Niederungen der Betriebswirtschaftlehre. Seit Gründung der Hauptstadtoper vor gut einem Jahr verbringt sie nur noch ein Drittel ihrer Zeit mit künstlerischer Arbeit. Zwei Drittel gehen für Organisation, Werbung und Geldbeschaffung drauf. "Das hatte ich mir nicht so gedacht", gibt sie zu, "aber ich war während der Gründungsphase auf einem Businessplan-Fortbildungskurs, und schon da wurde mir angedeutet, dass das passieren könnte. Aber ein Drittel Zeit für die Kunst ist schon sehr viel. Die meisten Jungunternehmer sagen, das Herstellen des Betriebes nimmt 90 Prozent in Anspruch, das Produkt zehn Prozent!"

Geschenkte Arbeitszeit

Porträt Kirstin Hasselmann mit pinkfarbenem Telefonhörer (Copyright: Julian Fahrenholz)

Kirstin Hasselmann

Finanziert wird die Hauptstadtoper bislang komplett aus privaten Mitteln, dabei spielt das persönliche Umfeld der Chefin eine wichtige Rolle. Noch bewegt sich jede Produktion im Bereich von low budget bis no budget. Die teuerste hat 4000 Euro gekostet – inklusive Gagen. "Da sind nur die Instrumentalisten bezahlt worden. Ich hab natürlich keine Gage genommen", erzählt die Intendantin, die im Normalfall zugleich Hauptdarstellerin und künstlerische Leiterin einer Produktion ist. "Regie, Dramaturgie - alles, was sonst an Arbeit drinsteckt, wurde nicht bezahlt! Die Künstler haben auch keine Probenpauschale verlangt. Sie schenken uns ihre Zeit – so wie alle Anderen, die da mitmachen."


Darum sucht sie auch immer Musiker, die Interesse an der besonderen Gestaltung eines Stücks haben: "Wenn sie die Chance sehen, etwas Neues auf dem Instrument oder für sich selbst als Persönlichkeit zu erfahren, sagen sie oft, das Geld spielt nicht die große Rolle. Aber es ist schon gut, wenn welches kommt. Denn es ist ja auch eine Anerkennung, dass man etwas tut und etwas dafür bekommt. Nicht nur den Applaus!"

Schlager als Geldquelle

Kirstin Hasselmann und drei Musiker (Copyright: Johannes Zapotoczky)

Das Team der Hauptstadtoper

Um Geld zu beschaffen, hat sich die Unternehmerin nach Fördermöglichkeiten umgehört, Anträge gestellt, Papierkrieg erledigt. Aber sie verlässt sich nicht auf Andere, sie finanziert die Oper auch mit, indem sie dort Unterricht gibt oder Workshops veranstaltet. Gelegentlich muss auch mal eine populäre Produktion ins Programm, die mit wenig Aufwand sattere Einnahmen bringt: Zur Zeit probt sie für eine pfiffige Schlager-Revue. Doch das alles reicht bei weitem nicht aus für eine solide wirtschaftliche Basis. Und so hat Kirstin Hasselmann gelegentlich schlaflose Nächte.

"Zumal ich oft unsicher bin, ob es richtig ist, was ich tue. Und dann taucht immer die Frage auf: kann ich das auch? Es geht ja nicht nur um die Kunst! Wie gehe ich mit dem Geld um, und ruiniere ich damit nicht meine private Basis? Das geht schon ans Eingemachte." Auf lange Sicht wird sich die Hauptstadtoper nur halten können, wenn öffentliche Mittel, wenigstens in Form von Projektförderung, dazukommen. Auch Kooperationen mit anderen freien Bühnen können nützlich sein: Bei Ausstattung oder Kostümen etwa kann man sich gegenseitig aushelfen. Ein Netzwerk von freien Kultur-Unternehmungen aufzubauen, hat sich Kirstin Hasselmann für die nächste Zeit vorgenommen.

Martens und Hasselmann im Profil, im Hintergrund eine grau-weiße Eisschollen-Landschaft (Copyright: Alfredo Mena=

Prominenter Gast: Schauspieler Max Volkert Martens mit Kirstin Hasselmann in 'Euridike & Orpheus'

"Das macht den Menschen aus"

Doch über das erste Jahr hin betrachtet, ist die kleine Hauptstadtoper ein großer Erfolg: Nicht nur die Presse ist zunehmend aufmerksam geworden. Immer mehr Berliner haben gemerkt, dass es abseits der ausgetretenen Opernpfade eine kleine Experimentierbühne gibt, in der sie Oper "von innen" kennen lernen können. Zum Publikum gehören auch Leute, die sonst einen Bogen um "Rigoletto", "Carmen" oder "La Traviata" machen. Kürzlich, bei der "Langen Nacht der Oper" in Berlin, war es rappelvoll hier. 450 Menschen drängelten sich in dem winzigen Haus – lauter potentielle Werbeträger für die kommenden Vorstellungen und ein neuer Erfolgsschub für das kleine Haus in Berlin-Mitte. Kirstin Hasselmann wird alles dransetzen, dass Berlins kleinstes Opernhaus zur festen Größe in der Hauptstadt wird: "Es ist ein Gefühl von großem Glück! Weil ich machen kann, was ich wirklich selber möchte und was ich auch kann. Das ist eigentlich das, was das Menschsein ausmacht. Ich kann mich verwirklichen und bin auch sehr stolz darauf, dass das geht!"

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Marlis Schaum

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