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Politik

Kleine Hände an Schlagbohrmaschinen

Statt in die Schule zu gehen, schuften sie in Steinbrüchen, arbeiten mit Schlagbohrmaschinen, die sie kaum halten können. Allein in Indien müssen tausende Kinder in Steinbrüchen ein grausames Dasein fristen.

Kleine Jungen klopfen in einem indischen Steinbruch Schotter, ohne Aussicht, jemals etwas anderes kennenzulernen (Foto: Benjamin Pütter)

Kleine Jungen klopfen in einem indischen Steinbruch Schotter, ohne Aussicht, jemals etwas anderes kennenzulernen

Seit 20 Jahren ist Benjamin Pütter im Einsatz für Kinder, die in indischen Steinbrüchen schuften. Getarnt als Steinhändler und mit versteckter Kamera gelang es ihm während der vergangenen Jahre immer wieder wie kaum einem anderen, Kinderarbeit zu dokumentieren und weltweit bekannt zu machen.

Sunita ist eins der Kinder, die ihm am Herzen liegen. Die Zwölfjährige arbeitet seit Jahren in einem Steinbruch im indischen Bundesstaat Rajasthan. Bereits als Kleinkind bekam sie einen Hammer in die Hand und begann, spielerisch Steine zu klopfen. Je größer Sunita wurde, desto größer wurde auch ihr Werkzeug, erzählt der Kinderrechtsexperte. Unter der sengenden Sonne Rajasthans leistet sie heute Schwerstarbeit: in Lumpen gekleidet, barfuss und ohne Mundschutz sprengt Sunita tonnenschwere Blöcke aus dem Felsen eines Steinbruchs, von morgens bis abends, sechs Tage in der Woche. Die Kinder werden in ohrenbetäubendem Lärm an 45 Kilogramm schweren Schlagbohrmaschinen durchgeschüttelt, die sie nur mit Mühe halten können.

Eine Lebenserwartung von kaum 35 Jahren

Der Hammer, mit dem der indische Junge Steine zerschlägt, ist fast so groß wie er selbst (Foto: Benjamin Pütter)

Der Hammer, mit dem der indische Junge Steine zerschlägt, ist fast so groß wie er selbst

Kinder wie Sunita, die von Anfang an im Steinbruch arbeiten, werden meist nicht älter als 35 Jahre. Der Steinstaub kriecht in ihre Lungen und zerstört sie, viele sterben daran. Das Rütteln der Maschinen verformt den Knochenapparat der Heranwachsenden. Auch der Lärm bleibt nicht ohne Wirkung, weiß Pütter: Viele der Kinder seien bereits schwerhörig oder fast taub, weil sie ohne Ohrenschutz arbeiten müssten.

Wie viele Steinbrucharbeiter es in Indien gibt, ist unklar, sagt Pütter. Es gibt keine verlässlichen Zahlen. In den Steinbrüchen, die für den Export ins Ausland arbeiten vermutet er rund 300.000 Arbeiter. Etwa zehn Prozent davon sind Kinder. In den lokalen Steinbrüchen schätzt er die Zahl jedoch wesentlich höher, und in manchen finde man auch bis zu 50 Prozent Kinder.

Familienschulden, die nie eingelöst werden können

Die Arbeiter leben meist in Strohhütten direkt am Steinbruch. Die Arbeit dort geht von einer Generation in die nächste über. Das Gleiche gilt für die Schulden der Familien. Auch sie werden weitervererbt, ohne Chance, je eingelöst werden zu können.

Die Mütter müssen in den lokalen Steinbrüchen Rajasthans oft schon eine Woche nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten. Damit die Babys sie nicht von der Arbeit abhalten, geben die Steinbruchbesitzer den Kleinen Opium, damit diese ruhig gestellt werden (Foto: Benjamin Pütter)

Die Mütter müssen in den lokalen Steinbrüchen Rajasthans oft schon eine Woche nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten. Damit die Babys sie nicht von der Arbeit abhalten, geben die Steinbruchbesitzer den Kleinen Opium, damit diese ruhig gestellt werden

Wenn sich jemand verletzt und ins Krankenhaus muss, leiht er sich Geld vom Steinbruchbesitzer, denn eine Krankenversicherung kennt hier keiner, weiß Pütter. Der Steinbruchbesitzer stelle dann einen Schuldschein aus. Da die verletzte Person meist Analphabet sei, unterschreibe sie auf guten Glauben mit dem Fingerabdruck, ohne die unterzeichnete Summe mit der erhaltenen vergleichen zu können. Sie ist Betrügereien hilflos ausgeliefert. Die Menschen arbeiten jahrelang und können doch nur die Zinsen zurückzahlen. "Das nennt man Schuldknechtschaft oder Sklaverei. Und diese Schulden werden auf Kinder übertragen, die keinen Lohn bekommen, sondern Schulden der Eltern oder Großeltern abarbeiten müssen", so Pütter.

"Die gehören nicht in den Steinbruch"

Noch heute erinnert sich der Kinderrechtsexperte daran, wie er sich fühlte, als er vor vielen Jahren zum ersten Mal diese Abhängigkeiten entdeckte: "Ich war völlig entsetzt und habe nur gesagt, 'wir müssen viel mehr Spenden in Deutschland akquirieren, damit dort Schulen gebaut werden können'. Das war mein erster Ansatz: Die Kinder müssen einfach in Schulen gehen, die gehören nicht in den Steinbruch."

50 Prozent aller Grabsteine in Deutschland kommen aus Indien. Als größter Abnehmer der Steine haben wir eine besondere Verantwortung, meint Pütter. Es entstand die Idee, die Exportsteinbrüche regelmäßig durch unabhängige Kontrolleure zu überprüfen und ein Qualitätssiegel zu vergeben. Vor drei Jahren gründete er den Verein XertifiX. Er vergibt inzwischen als erster weltweit das Zertifikat "Garantiert ohne Kinderarbeit" für indische Steine.

Keine Anklage, sondern Hilfsangebote

Zwei Mädchen mit Hämmern: Auch in Sandsteinbrüchen in Rajasthan ist Kinderarbeit an der Tagesordnung (Foto: Benjamin Pütter)

Auch in Sandsteinbrüchen in Rajasthan ist Kinderarbeit an der Tagesordnung

Wenn Pütter in einem Steinbruch Kinder findet, dann klagt er nicht den Exporteur an: "Wir sagen, die Kinder gehen jetzt sofort in unsere Verantwortung über. Wir werden diese Kinder jetzt in Schulen unterbringen, wir werden für sie Berufsausbildung anbieten." Partnerorganisation von Xertifix ist das deutsche katholische Hilfswerk Misereor. Es übernahm den Aufbau von Schulen für Kinder aus indischen Steinbrüchen.

Bald bekommt auch die zwölfjährige Sunita einen Platz in einer Schule. Und vielleicht wird sie eines Tages anderen Kinderarbeitern helfen können, den Teufelskreis von Analphabetentum und Schuldknechtschaft zu überwinden.

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