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Wirtschaft

Kleine Geschichte der größten Finanzskandale

Bernard Madoff wird wohl als größter Anlagebetrüger der Welt in die Geschichte eingehen. Aber sein Schneeballsystem war beileibe nicht neu, wie ein Gang durch die Geschichte der Wirtschaftskriminalität zeigt.

Symbolbild Geldscheine im Briefumschlag

Es gibt immer genug Dumme, die ihr Geld Scharlatanen und Betrügern hinterherwerfen

Charles Ponzi 1935 in Rom (Foto: AP)

Gilt als Erfinder des Schneeball- Systems: Charles Ponzi

Charles Ponzi (1882 bis 1949) gilt als der erste große Meister des Schneeballsystems, das bis heute als Muster für Anlagebetrügereien dient. Der Name Ponzi ist in der englischsprachigen Welt so bekannt, dass man Schneeballsysteme dort als "Ponzi scheme" ("Ponzi-Trick") bezeichnet. Potentiellen Anlegern erzählte er, mit dem Handel internationaler Antwortscheine könne er einen Profit von 400 Prozent erzielen. Wer bei ihm Geld anlege, könne sein Kapital in 90 Tagen verdoppeln. Er schaffte es, von etwa 40.000 Kunden insgesamt fast zehn Millionen Dollar zu ergaunern, 4,3 Millionen Dollar waren am Ende verschwunden.

Die Königin

Damara Bertges, die 'Königin' des European Kings Club (Foto: AP)

Noch im Gerichtssaal gefeiert: Damara Bertges, die Königin des European Kings Club

Auch in Deutschland fallen immer mal wieder Anleger auf das Schneballsystem herein. Zum Beispiel auf das der Damara Bertges. Die gelernte Hotelfachfrau aus dem fränkischen Schweinfurt nannte sich Präsidentin des European Kings Club, ein Verein ohne Geschäftsmodell. Zwei Milliarden D-Mark steckten gutgläubige Anleger zwischen 1991 und 1994 in ihren Verein. Den Anlegern versprach sie, die Vorherrschaft des bösen Kapitals zu brechen. Sie traf den Nerv der Zeit, denn auch vor 15 Jahren hatten die Banken keinen guten Ruf. Im September 1994 brach ihr System, das zeitweise aus bis zu 80 Scheinfirmen bestand, zusammen.

Der Jongleur

Bernard 'Bernie' Cornfeld (Foto: AP)

Vom Altenpfleger zum Playboy: Bernard "Bernie" Cornfeld

Bernard "Bernie" Cornfeld beschritt beim Vertrieb von Investmentzertifikaten neue Wege. 1955 gründete er in Paris mit einigen hundert Dollar eine Gesellschaft für offene Wertpapier-Investmentfonds. Indem er zunächst überwiegend Geschäfte mit Amerikanern machte, die in Europa stationiert waren, konnte Cornfeld geschickt amerikanische und europäische Steuerbestimmungen umgehen. Später schuf er seine eigene Fondsgesellschaft, die Investors Overseas Services (IOS), die ab 1960 als Aktiengesellschaft mit Sitz in Panama agierte. Er stellte 25.000 Vertreter ein, die seine 18 Anlagefonds in Europa vor allem an deutsche Kleinanleger verkauften. In den folgenden zehn Jahren wuchs die IOS auf etwa 2,5 Milliarden Dollar. Durch ein undurchsichtiges Geflecht von weiteren Fonds verschwand ein erheblicher Teil des Anlagevermögens. Es gelang Cornfeld auch, Prominente für die Unterstützung seiner "Geschäftsidee" zu gewinnen. In Deutschland spielte dabei der Politiker Erich Mende eine unrühmliche Rolle. Als eine Periode der Börsenschwäche eintrat und Kunden ihre Anteile verkauften, brach das System zusammen.

Die Glücksspieler

Iwan D. Herstatt (Foto: AP)

Verwechselte seine Bank mit einem Casino: Iwan D. Herstatt

Die Kölner Herstatt-Bank war zwar klein, doch ihr Zusammenbruch im Jahre 1974 erschütterte die Finanzwelt. Als Folge wurden in Deutschland der Einlagensicherungsfonds gegründet und mehrere Gesetze und Vorschriften geändert. 1971 war die "Bretton Woods"-Währungsordnung mit ihren festen Wechselkursen zerbrochen. Das war für die Devisenhändler neu - sie konnten geringste Kursschwankungen unter Einsatz hoher Summen zu ihren Gunsten ausnutzen, die so genannte Arbitrage kassieren. Die Herstatt-Bank mischte von Anfang an kräftig mit. Besonders erfolgreich war Dany Dattel, der 1958 bei Herstatt als Lehrling angefangen hatte. In der Bank brach eine Art Goldrausch aus. Bald zockten viele Mitarbeiter in der Zentrale mit, bis hin zum Pförtner. 1973 betrug der Umsatz des Devisenhandels 24 Milliarden D-Mark.

Doch 1974 schlagen die Spekulationen immer häufiger fehl. Nach einer bankinternen Prüfung beliefen sich die Verluste Mitte Juni 1974 auf 450 bis 520 Millionen Mark. Die Bankaufseher wurden informiert. Verhandlungen des Haupteigentümers Gerling mit den Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank über eine Rettung der Herstatt-Bank scheiterten. Noch am selben Tag ordnete die Aufsicht die Schließung der Filialen in Köln und Bonn an. An jenem Tag wurden die Verluste auf 480 Millionen Mark beziffert. Am nächsten Morgen - die Bank hatte inzwischen Vergleich beantragt - kam es zu regelrechten Tumulten. Kunden wollen ihr Geld abheben, aber die Kassenschalter bleiben zu.

Der Phantasievolle

Bodo Schnabel, Gründer der Firma ComRoad, im Münchner Landgericht (Foto: AP)

Fast nur Luftbuchungen: Bodo Schnabel, Gründer der Firma ComRoad, im Münchner Landgericht

Auch die stürmischen Börsenzeiten um die Jahrtausendwende, als junge Firmen in Deutschland am so genannten Neuen Markt gehandelt wurden, hat jede Menge windiger Geschäftemacher angelockt. Bodo Schnabel zum Beispiel. Der 1950 geborene Franke hatte am Neuen Markt fast alle Geschäftsvorfälle seines Unternehmens Comroad erfunden. So trieb er den Börsenwert bis auf mehr als 1,2 Milliarden Euro - ein Musterbeispiel an Blauäugigkeit von Banken, Wirtschaftsprüfern und Anlegern. Als sich 2002 herausstellte, dass ein Großteil der Umsätze Luftbuchungen waren, verurteilte das Landgericht München den Unternehmenschef wegen Kursmanipulation, Insiderhandels und gewerbsmäßigen Betrugs zu sieben Jahren Haft.

Der Selbstlose

Jerôme Kerviel (Foto: AP)

Wollte ein Star unter den Händlern werden: Jerome Kerviel

Der junge Aktienhändler Jérôme Kerviel wollte bei seiner Bank ein Star werden. Der 32-jährige Angestellte der französischen Großbank Société Générale galt als Einzelgänger und Computergenie, das intime Kenntnisse über die Kontrollsysteme der Großbank besaß. Und sie offenbar aushebelte, ohne davon selbst zu profitieren. Zeitweise wettete er bis zu 50 Milliarden Euro auf Aktienderivate, ohne dass seine Vorgesetzten etwas davon mitbekamen. Kerviel verzockte 4,9 Milliarden Euro, bis seine Geschäfte aufflogen - er bereicherte sich aber nicht direkt. "Wir sind fast vom Stuhl gefallen", sagte ein führender französischer Gewerkschafter im Frühjahr 2008 nach einem Treffen mit der Bankleitung.

Der Kontrolleur

Der ehemalige Börsenmakler Nick Leeson (Foto: dpa)

Der ehemalige Börsenmakler Nick Leeson: "Tut mir leid."

Nicht ganz so viel Verlust, nur 1,2 Milliarden Dollar, produzierte der junge Arbitragehändler Nick Leeson. Weil er in Singapur, fern der Heimat, sich selbst kontrollieren durfte, stürzte er seinen Arbeitgeber, die britische Traditionsbank Barings, in den Ruin. Von Singapur aus hatte er auf einen steigenden Nikkei-Index an der Börse in Tokio gewettet, doch die Kurse in Tokio sanken und sanken. Lange Zeit gelang es ihm, die riesigen Verluste auf dem Konto 8888 zu verschleiern. Als er geflohen war, klebte ein Zettel an seinem Computer: "Es tut mir leid." Später schrieb er ein Buch über seine Geschichte, die 1999 auch verfilmt wurde.

Autor: Rolf Wenkel

Redaktion: Zhang Danhong