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Kultur

Kleine Buchmessenkrisen

Thomas Böhm schreibt in der Rubrik "Buchmanieren" Kolumnen rund ums Lesen. Jetzt wirft er an dieser Stelle einen Blick auf die Buchmesse in Leipzig.

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Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Vielleicht liegt es an der Gegenwart der unzähligen Bücher, vielleicht an der Präsenz so vieler Autoren, vielleicht an der Aura der Literatur selbst – beim Spazieren über die Buchmesse sieht man allorten Szenen, die wirken, als stammten sie aus einem Roman, der beständig zwischen Absurdität und Erhellung, Tragödie und Melodram, Krise und Konstanz hin- und herspringt.

Da steht am Eingang zu Halle 2 eine dickliche ältere Frau am Stand der Schiller Presse Weimar und liest aus einem Buch mit dem Titel "Diät gelebt und trotzdem dick". Das Mikrophon, in das sie spricht, wirkt abgedreht, auf den Stühlen vor ihr sitzt niemand. Geschieht ihr recht, warum lässt sie auch auf einen Verlag ein, bei dem man wahrscheinlich Geld bezahlen muss, damit man unter dem hehren Namen "Schiller-Presse" veröffentlicht wird, den eigentlich nur "R. Fischer" übertrifft, ein Druckkostenzuschussverlag, dessen größte Leistung im Aushecken des Verlagnamens besteht, der garantiert, dass "R. Fischer" in jedem Messekatalog vor dem renommierten S. Fischer Verlag eingeordnet ist. Wo wir schon bei trostlos und Augenwischerei sind, gleich in die Messebuchhandlung, dort kann man 1000erPacken von Büchern sehen, die angeordnet sind wie Grillkohle bei Aldi. Buchstapel wie Grillkohle

In der Mitte ein Stapel mit so genannten Historischen Romanen, deren Titel allesamt aus der Kombination der Worte "Geheimnis", "Entscheidung", "Vermächtnis" mit den Worten "Nonne", "Hebamme", "Wanderhure" bestehen: "Die Entscheidung der Wanderhure" gibt es wirklich. Darf es doch nicht geben, denkt man und eilt schnell zurück zur Kultur, zu Suhrkamp und da ja, da steht Sybille Lewitscharoff und trägt eine Bluse mit handgeklöppelter Spitze, die wirkt, als hätten bulgarische Hebammen ein ganzes Jahr daran gearbeitet und das ist natürlich die richtige Kleidung, um den Preis der Leipziger Buchmesse für ihren wie stets feinziselierten Roman "Apostoloff" entgegenzunehmen. In einer Preisverleihung, bei der man, wenn man auch nur fünf Meter von der Bühne in der dröhnenden Messehalle entfernt saß, kein Wort verstanden hat. Ob so ein akustischer Fauxpas dem "Ausschuss für Fernsehkommunikation und Massenmedien der Stadt Moskau" passiert wäre, der auch einen Stand in Leipzig hat? Genau wie China, Gastland der nächsten Buchmesse, das kostenlos eine widerlich aussehende gelbe Suppe mit graubraunen Brocken darin ausgibt. Und trotzdem bildet sich eine Schlange, die sich kreuzt mit der Schlange vor den beiden so genannten Moderatorinnen des so genannten Fernsehsenders Neun Live, der nichts anderes als Quizshows sendet.

Die Weisheit....

Die beiden Quizshow-Sphinxen hatten zwischen der aufreibenden Arbeit auch noch Zeit einen so genannten Roman zu schreiben, der ganz aus SMS besteht. Auf dem Cover: die Knie einer Frau, die auf der Toilette sitzt. Die Botschaft: Mit allem und überall lässt sich Geld machen. Diese Weisheit kommt wohl nie in die Krise.