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Kultur

Klein, aber mein

Am Strand könnte man so herrlich faulenzen. Doch was tut der Urlauber? Er schuftet und muss als erstes eine Sandburg erschaffen. Dafür kann er nichts, sagen Forscher: Menschen brauchen was Eigenes.

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Ganz privater Sand-Besitz

Sängerin Nena hatte doch Recht: "Gib mir die Hand, / ich bau Dir ein Schloss aus Sand" - so etwas ist ein menschliches Bedürfnis. Wer an die Küste kommt, erobert sich einen Strandkorb, sichert ihn mit einem ringförmigen Sandwall und schreibt darauf dann mit Muscheln "Bremen" oder "Radevormwald". So entsteht die gemeine Strandburg: Selten mehr als drei Meter im Durchmesser, aber mindestens kniehoch, gern auch kreativ dekoriert. Dafür schaufelt Papa eifrig Sand, Mama muss ständig Wasser holen und die Kinder grasen das Gelände nach Muscheln ab. Und wenn sie endlich fertig sind, wird's dunkel.

Eine Schaufel voll Privatsphäre

Der Burgenbau ist unvermeidlich, sagt Felizitas Romeiß-Stracke, Direktorin des Büros für Sozial- und Freizeitforschung in München: "Der Mensch muss sein Territorium markieren - wie ein Hund." Außerdem habe sich der strandlägerige Großstädter an Häuserschluchten gewöhnt und den Kontakt zur Natur verloren. "Gegen die Unerträglichkeit von Strand und Weite", erklärt Romeiß-Stracke gegenüber DW-WORLD, "brauchen wir einen Rückzug ins Private. Wir haben ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit." Wahrscheinlich ist es Angst vor Frisbeespielern, die - "Hab ihn!" – die Scheibe fangen und einem dabei in den überteuerten Fischburger trampeln. Oder vor Kindern, die gegen die unerträgliche Weite Sandhügel aufschütten und dabei das Campingradio begraben.

Dieses Bedürfnis jedenfalls ist offenbar sehr alt, angeblich sah der Strand auf Sylt schon 1885 aus wie eine Mondlandschaft. Und die Kulturhistoriker Johanna Werckmeister und Harald Kimpel schreiben in ihrer Studie "Die Sandburg", dass die Buddeltradition aus der so genannten Gründerzeit im 19. Jahrhundert stammt - als "patriotisches Bekenntnis" und mit Reichsflagge.

"Das erste Seebad wurde 1783 eröffnet", berichtet die Freizeitforscherin Romeiß-Stracke. Verstärkte Bautätigkeit hat sie aber "erst nach dem Zweiten Weltkrieg" festgestellt. Vermutlich eine Nebenwirkung des Wirtschaftswunders in Deutschland: "Weil man eben selbst am Strand noch etwas herstellen musste." Deutsche far niente - das geht doch nicht!

Deutsche baggern wie wild

Es seien nämlich nur die Deutschen, die im Schweiße ihres Angesichts den Strand umpflügen, bis hinterher die Flut alles wieder wegräumt. "Wer an ausländischen Küsten eine Strandburg antrifft, kann sicher sein, einen Deutschen darin zu finden", heißt es auch in der Strandburg-Studie. Ob das genetisch oder hormonell bedingt ist - die Antwort weiß nur der Küstenwind. Für Kimpel und Werckmeister steht fest, dass man beim Burgenbau an unbeschwerte Sandkastenspiele zu Kinderzeiten erinnert wird.

"Das infantile Verhalten wird rausgelassen", bestätigt Romeiß-Stracke. Dann allerdings ist bei einigen das Kind im Manne oder in der Frau aber sehr künstlerisch veranlagt: Bei Sand-Skulpturen-Festivals entstehen riesige Buddhas und Buchstaben - schlichte Burgen fallen sofort durch.

Wühlen verboten

Die Bauwerke sind oft sowieso nicht mehr gern gesehen. Auf Sylt gibt's seit 1907 keine Baugenehmigung mehr: Durchs Buddeln wird der Sand gelockert und leichter weggespült oder verweht. Außerdem versacken die Reinigungsfahrzeuge - und wenn die Sturmflut kommt, kann man die Strandkörbe nur mühsam bergen.

Auch am Ostsee-Strand von Travemünde müssen die Sand-Architekten ihren Sicherheitsdrang anders stillen. Wenn sie ihn überhaupt haben, meint Dr. Sabine Trepte, Psychologin an der Uni Hamburg: "Vielleicht wollen sie einfach - buddeln."

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