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Bücher

Klaus Scherers "Wahnsinn Amerika"

Wenn Deutsche die USA beurteilen, neigen sie zum Superlativ. Sie lieben das Land, hassen es oder verstehen es einfach nicht. Klaus Scherer hat jetzt den Versuch unternommen, Amerika zu erklären. Es ist ihm gelungen.

"Wahnsinn Amerika" ist kein zurückhaltend formulierter Titel. Doch der langjährige US-Korrespondent Klaus Scherer ist eigentlich kein Journalist, der mit markigen Worten und nur spektakulären Bildern auf seine Themen aufmerksam machen will. Wenn also ein sensibler Reporter so plakativ schreibt, dann muss etwas los sein in "God's own country". Vorgegeben werden die schrillen Töne von den Aktivisten der rechtspopulistischen Tea Party innerhalb der Republikaner: Sie haben die Wahlniederlage ihrer Partei 2008 nicht verwunden und Barack Obama niemals als legitimen Präsidenten akzeptiert. Die Vorwürfe gegen Obama sind Legion: Er sei ein getarnter Moslem, wahlweise Nazi oder Sozialist sowie ein Dulder, wenn nicht gar Befürworter des Terrorismus.

Die Diktatur des Hauptsatzes

Immer neu befeuert wird der Richtungsstreit durch Fernsehsender wie Fox News, die den Anspruch längst aufgegeben haben, Fakten und Meinungen zu trennen oder auch nur halbwegs journalistisch ausgewogen zu berichten. "Wer polarisiert, belebt die Sendung. Wer Nebensätze braucht, um seine Position darzulegen, gilt als blass", analysiert Scherer. In einer solchen Medienlandschaft haben Politiker wie Sarah Palin oder Michele Bachmann große Chancen, Gehör zu finden. Hinzu kommt: "Was in US-Wahlkämpfen seit jeher mehr verfängt als alles Positive, sind Kampagnen, die Gegner verunglimpfen, verteufeln und lähmen. "

Die Abneigung gegen Regierungen

Und deshalb entwickelt sich der US-Wahlkampf immer mehr zur Schlammschlacht, der allerdings nicht nur das Land, sondern auch die Republikaner selbst zu zerreißen droht. Das Hauptproblem der Neuen Rechten ist allerdings, dass sie jede Regierung in Washington ablehnen - wie es einer Aktivist der Tea-Party freimütig bekundet: "Es gibt kein Problem der Welt, das eine Regierung nicht noch schlimmer machen würde. Das ist unsere Philosophie." Und deshalb hat es auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney schwer, von der Parteirechten akzeptiert zu werden.

Was Scherer erkennbar ärgert ist, dass die US-Rechten die andauernde Wirtschaftskrise für ihren Ideologiestreit instrumentalisieren, statt die Armut zu lindern. Denn dieser Armut begegnet der Reporter fast überall im Land: Eindrücklich schildert er den ehrenamtlichen Einsatz von Ärzten, die an Wochenenden in Sporthallen diejenigen medizinisch behandeln, die sich einen Arztbesuch längst nicht mehr leisten können. Schon Stunden, bevor die Behelfskliniken öffnen, bilden sich lange Schlangen, ganze Ärzteteams sind im Dauereinsatz, um die Massen zu versorgen.

Tea-Party Paranoia

Doch gerade gegen Obamas Projekt, eine Krankenversicherung für alle einzuführen, liefen die Republikaner Sturm. Scherer schildert eine Versammlung der Tea Party, auf der der Redner allen Ernstes behauptet, wenn die Versicherung komme, werde die Lebenserwartung sinken. Scherer gelingt der Spagat, den Inhalt der Rede als skandalös und abstrus darzustellen, den Redner selbst aber als nicht unsympathisch - vor allem, wenn dieser später verschmitzt zugibt, etwas dick aufgetragen zu haben, um die Massen anzusprechen.

Doch die wahren "Innenansichten einer Weltmacht" – so der Untertitel des Buches - stammen aus dem Alltag der normalen Bürger jenseits der Hauptstadt Washington. Scherer hat in Amerika gelernt, dass es der immense Raum ist, der für Amerikaner konstituierend wirkt. "Was für euch Europäer 100 Jahre Geschichte sind, das sind für uns 100 Meilen Land", zitiert er einen einfachen Mann aus der Provinz in einer Bar in Montana. Und weil das Land so riesig sei, sitze "in jeder Linienmaschine ein Passagier mit Pelzmütze und einer mit Flipflops".

Von Staubsaugern und Angelhaken

Es sind immer wieder die kleinen Dinge im Alltag, die dem Reporter auffallen: Seien es die lärmenden, unhandlichen Staubsauger, unpraktische Lichtschalter oder irrsinnige Warnungen – wie die auf einer Verpackung für Angelhaken, die darauf hinweist, dass man sich beim Verschlucken der Haken verletzen kann. Scherer schildert seine Eindrücke mit leisem Humor, aber ohne jede Häme oder Arroganz. Was ihn am meisten beeindruckt, ist das Gemeinschaftsgefühl der Menschen. Auf die Frage, gestellt an einen Fischer, warum hier jeder jedem helfe, erhält Scherer eine einfache Antwort: "Wenn Du Fischer bist, weißt Du, dass auch Dein Boot irgendwann mal einen Motorschaden hat. Wer dann nur noch von Feinden umgeben ist, hat einen Fehler gemacht. Schon deshalb ist es besser, wenn man zueinander nett ist." Vielleicht sollten Amerikas Politiker bei ihren Fischern in die Lehre gehen.

Klaus Scherer. Wahnsinn Amerika - Innenansicht einer Weltmacht, Piper-Verlag, 287 Seiten, Preis: 18,99 € (D)